AfD 29, Union 21 – Was ist da passiert?
Acht Punkte Abstand. Historisch. Und kein Zufall.
In der aktuellen INSA-Sonntagsfrage steht die AfD bei 29 Prozent – die Union bei 21. Acht Prozentpunkte Abstand, der größte in der Geschichte dieser Messreihe. Wer jetzt glaubt, das sei ein Ausreißer, irrt. Es ist das Ergebnis von über einem Jahr politischer Drift – messbar, nachvollziehbar, und von der Union größtenteils selbst produziert.
[H2] Wo alles begann: Das Wahlergebnis vom 23. Februar 2025
Die Bundestagswahl 2025 war ein Warnsignal, das die Union als Sieg feierte. CDU/CSU gewann mit 28,6 Prozent, die AfD kam auf 20,8 Prozent – ein Abstand von knapp acht Punkten zugunsten der Union. Fast 21 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde. Die SPD landete bei 16,4 Prozent, die Grünen bei 11,6. Die FDP flog raus. Das BSW scheiterte ebenfalls.
Friedrich Merz wurde Bundeskanzler einer Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Die Ausgangslage: angespannte Konjunktur, hohe Erwartungen, ein Versprechen auf „Machen statt Reden“.
Drei Monate Merz: Versprechen und Wirklichkeit
Merz trat mit dem Anspruch an, die politische Mitte zu stabilisieren und gleichzeitig die Migrationsfrage zu lösen. Beides ist nicht eingetreten.
In der Migrationspolitik setzte die neue Regierung auf Verschärfungen – aber die Maßnahmen wirkten entweder nicht sofort oder erzeugten neuen Streit. Der Eindruck in Teilen der Bevölkerung: Es wird geredet, gestritten, verwaltet. Nicht gehandelt. Genau der Eindruck, den Merz eigentlich überwinden wollte.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Lage. Die erhoffte Konjunkturwende blieb aus. Steigende Energiekosten, stagnierende Reallöhne, eine Investitionsschwäche, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Für viele Menschen ist die Regierung Merz bisher vor allem eines: unsichtbar dort, wo es wehtut.
Was sichtbar war: ein Kanzler, der in Talkshows souverän wirkt, aber im politischen Alltag zunehmend als getrieben wahrgenommen wird. Das Markus-Lanz-Desaster vom Mai 2026, bei dem Merz sich in Widersprüche zu sozialen Versprechen verstrickte, wurde breit wahrgenommen – auch wenn es nur Symptom war, nicht Ursache.
Warum profitiert ausgerechnet die AfD – und nicht die SPD?
Das ist die eigentlich relevante Frage. Union verliert – aber wohin fließen die Stimmen?
Nicht zur SPD. Die dümpelt seit Monaten stabil bei 12 Prozent, nahe ihrem historischen Tiefstand. Nicht zu den Grünen. Nicht zur Linken. Sondern direkt nach rechts, zur AfD.
Die Erklärung liegt in der Psychologie des Protestwählens. Wer der Union seinen Stimmzettel weggibt, tut das nicht, weil er plötzlich sozialdemokratische Positionen überzeugend findet. Er tut es, weil er Schmerz ausdrücken will – und die AfD ist in der Wahrnehmung vieler Wählerinnen und Wähler das schärfste Instrument dafür.
Das ist kein Ausdruck ideologischer Überzeugung bei allen 29 Prozent. Ein erheblicher Teil dieser Wähler nutzt die AfD als politischen Warnschuss. Das Problem: Warnschüsse, die dauerhaft abgegeben werden, werden irgendwann zur Normalität.
Merz‘ strukturelles Dilemma: Die Brandmauer als Bumerang
Die Union steht vor einem Widerspruch, den sie selbst erzeugt hat. Einerseits betont Merz die Abgrenzung zur AfD – die Brandmauer soll stehen. Andererseits hat die Union in der Migrationsdebatte Formulierungen und Positionen übernommen, die der AfD politisch nützen, weil sie deren Themen normalisieren.
Das Resultat ist das Schlechteste aus beiden Welten: Die Union wirkt weder glaubwürdig konservativ noch glaubwürdig abgrenzend. Wer AfD-Rhetorik kopiert, legitimiert das politische Feld, auf dem die AfD längst zuhause ist. Das Original schlägt die Kopie – immer.
Wer die Mechanismen hinter diesem Muster verstehen will, findet eine ausführliche Analyse in unserem Artikel über die Tricks des Populismus und wie man sie erkennt. Die Parallelen zur aktuellen Lage sind unübersehbar.
Was die Zahlen wirklich bedeuten
77 Prozent der Befragten sind mit Merz‘ Arbeit unzufrieden. Das ist kein schlechter Tag im Amt. Das ist eine Bilanz.
Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD kommen zusammen auf 33 Prozent. Wenn die Bundestagswahl heute wäre, hätte die amtierende Koalition keine eigene Mehrheit mehr. Das ist die politische Realität hinter den Umfragewerten.
Der Aufstieg der AfD speist sich nicht aus ihrer eigenen Stärke, sondern aus der Schwäche der demokratischen Mitte. Soziale Unsicherheit, politische Entfremdung und eine Sprache der Härte, die von Teilen der bürgerlichen Mitte übernommen wird: Das ist der Nährboden, den wir in unserer Analyse zur Merz-AfD-Dynamik ausführlich beschrieben haben – und der sich in diesen Umfragen messbar niederschlägt.

Fazit
Diese Umfrage ist kein Alarm. Sie ist eine Bestätigung. Wer die letzten 16 Monate verfolgt hat, ist von den 8 Punkten Abstand nicht überrascht. Überraschend wäre es, wenn die Union daraus die richtigen Schlüsse zieht. Bisher gibt es dafür wenig Anhaltspunkte.
Teilen Sie diesen Artikel, wenn Sie glauben, dass mehr Menschen diese Einordnung brauchen. Und wenn Sie verstehen wollen, wie Populismus funktioniert – dieser Artikel erklärt die Mechanismen.
Quellen
Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.
Umfragedaten
- INSA-Sonntagsfrage Zeitreihe – wahlrecht.de (abgerufen 07.06.2026)
- Dawum.de – INSA Bundestrend aktuell (abgerufen 07.06.2026)
- Presse.online – INSA-Detailwerte Juni 2026 (abgerufen 07.06.2026)
Wahlergebnis
- Bundeswahlleiter – Amtliches Ergebnis Bundestagswahl 2025 (abgerufen 07.06.2026)
Medienberichte
