Deutschland geteilt – US-Flagge über dem Westen, Russland-Flagge über dem Osten. Höckes Weltbild visualisiert.

Höcke teilt Deutschland — wieder. Und die Ostdeutschen sollen’s nicht merken.

4–7 Minuten

In einem Podcast der Schweizer „Weltwoche“ hat Björn Höcke Westdeutsche zu kulturellen Nicht-Deutschen erklärt. Im Osten wohnten die echten Deutschen, im Westen nur amerikanisierte Ersatzmenschen. Das klingt nach Kulturkritik. Es ist eine politische Spaltungsstrategie — und ausgerechnet jene, die die DDR noch kennen, sollen darauf hereinfallen.


Was Höcke im Podcast gesagt hat

Im Gespräch mit Roger Köppel, Chefredakteur des rechtspopulistischen Schweizer Magazins „Weltwoche“, formulierte Höcke eine steile These zur deutschen Identität: In der westlichen Republik wohnten „Deutsch sprechende Amerikaner“, im Osten dagegen noch echte „Deutsch sprechende Deutsche“. Westdeutsche hätten sich nach 1945 durch die US-amerikanische Kultur „usurpieren“ lassen und sich über Jahrzehnte eine „Ersatzidentität“ gebaut – europäische Integration, amerikanische Popkultur, das Bekenntnis zur Demokratie.

Die DDR erwähnte er ausdrücklich anerkennend: trotz ihrer „politischen Defizite“ sei sie ein Staat mit echter deutscher Identität gewesen, so hätten ihm Ostdeutsche berichtet.

Woher die These stammt? Höcke selbst sagte: Er habe das mal irgendwo gelesen und halte die Einordnung für passend. Eine Quelle nannte er nicht. Kritische Rückfragen gab es keine – der Gastgeber lieferte sie nicht.


Die Denkfigur dahinter: kultureller Essenzialismus

Höckes Rhetorik ist nicht neu erfunden. Sie folgt einem ideologischen Muster, das der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz als kulturellen Essenzialismus beschreibt: die Vorstellung, Kulturen seien homogene, abgeschlossene Einheiten mit einem unveränderlichen Kern – einer „echten“ Identität, die man bewahren oder verlieren kann.

Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Konsequenzen: Wer kulturellen Einfluss von außen als Identitätsverlust deutet, braucht ein Gegenbild – eine unverfälschte Gemeinschaft, die den Kern noch bewahrt hat. Bei Höcke ist das der Osten Deutschlands. Das Konstrukt produziert zwangsläufig Feindbilder: die, die noch „echt“ sind, und die, die es nicht mehr sind. In extremen Formen, so Reckwitz, führt diese Logik zu Ausgrenzung und Abwehr.

Richtig ist: Die Bundesrepublik war nach 1945 stark von den USA geprägt – Demokratisierung, Marshallplan, Popkultur. Das ist historisch unbestreitbar. Kulturelle Beeinflussung ist aber nicht dasselbe wie Identitätsverlust. Jede Gesellschaft ist das Ergebnis von Einflüssen, Migrationen und historischen Brüchen. Die Idee einer ursprünglichen, unvermischten deutschen Identität ist eine politische Konstruktion – keine historische Tatsache.


Die DDR als Beweis? Ein Blick auf die Fakten

Höckes Verwendung der DDR als Beleg für kulturelle Authentizität ist sachlich nicht haltbar. Die Deutsche Demokratische Republik war 40 Jahre lang Satellitenstaat der Sowjetunion – politisch, wirtschaftlich und kulturell von Moskau abhängig. Sie war kein Staat kultureller Reinheit, sondern ein Unrechtsstaat: mit Stasi-Überwachung, politischen Gefangenen, Schießbefehl an der Mauer und Todesstreifen.

Wer Ostdeutsche als Beweis unverfälschter Identität anführt, blendet aus, dass der Osten Deutschlands über vier Jahrzehnte unter sowjetischem Einfluss stand – einem Einfluss, der mindestens so tiefgreifend war wie der amerikanische im Westen. Der Unterschied: Im Westen war er freiwillig und mit demokratischen Strukturen verbunden, im Osten erzwungen und mit Repression.


Der Mann, der sich selbst ausgenommen hat

Björn Höcke wurde in Lünen geboren – einer Stadt im Ruhrgebiet, mitten in Westfalen. Aufgewachsen ist er im Westerwald, ebenfalls in der alten Bundesrepublik. Nach seiner eigenen Definition wäre er ein „Deutsch sprechender Amerikaner“.

Konfrontiert mit diesem Widerspruch, weicht er aus: Er stamme aus einer Vertriebenenfamilie, sein Vater habe ostpreußische Wurzeln, er betrachte sich als Gesamtdeutschen. Die eigene westdeutsche Biografie wird via Familiengeschichte umdefiniert – während gleichzeitig Millionen tatsächlicher Westdeutscher pauschal ihrer nationalen Identität beraubt werden. Die Regel gilt für alle. Nur nicht für Höcke.

Das ist kein Versehen. Es ist das klassische Muster von Populisten: Sie sprechen im Namen des Volkes, nehmen sich selbst aber von den Regeln aus, die sie für alle anderen proklamieren. Wer das verstanden hat, erkennt die Rhetorik in ihrer ganzen Struktur – unabhängig vom Thema.

Höckes Geburtsorte in Westfalen und Westerwald – er ist selbst Westdeutscher.
Lünen/Westfalen (Geburtsort, rot) und Westerwald (Aufwachsort, blau ). Zur Illustration des biografischen Widerspruchs. KI-generiert.

Warum diese Rhetorik jetzt kommt – und was sie bezweckt.

Höckes Podcast-Strategie folgt einem erkennbaren Muster. Er sucht sich Gastgeber, die keine kritischen Gegenfragen stellen. Zuletzt erschien er beim populären Podcaster Ben Berndt – ohne kritische Intervention, bis der Podcast Passagen mit juristischem Risiko nachträglich schneiden musste. Jetzt bei Roger Köppel: viereinhalb Stunden Sendezeit, kein Widerspruch. Radikale Thesen werden normalisiert, weil sie in entspanntem Plauderton präsentiert werden.

Die Ost-West-Spaltung ist dabei kein Nebenprodukt, sondern Kern des Kalküls. Die AfD ist im Osten dramatisch stärker als im Westen. Bei der Bundestagswahl 2025 holte sie bundesweit 20,8 Prozent – in Thüringen jedoch 38,6 Prozent, in Sachsen 37,3 Prozent. In Hamburg dagegen 10,9 Prozent.

Diese Schieflage braucht eine Erzählung. Höckes Angebot: Ihr Ostdeutschen seid die echten Deutschen. Wer euch kritisiert oder nicht versteht, hat seine Identität schon aufgegeben. Das ist keine Kulturanalyse. Das ist Wählermarketing mit kulturessentialistischem Etikett.

Einordnung

Höckes These lässt sich auf drei Ebenen zerlegen:

Sachlich nicht haltbar. Die DDR war kein Beweis für kulturelle Reinheit, sondern ein sowjetisch geprägter Unrechtsstaat. Kulturelle Prägung durch äußere Einflüsse ist kein westdeutsches Spezifikum.

Logisch selbstwidersprüchlich. Höcke ist in Westfalen geboren und im Westerwald aufgewachsen. Er nimmt sich via Familiengeschichte aus seiner eigenen Kategorisierung aus – während Millionen andere pauschal abgestuft werden.

Politisch instrumentell. Die These erklärt und legitimiert das AfD-Gefälle zwischen Ost und West. Sie positioniert ostdeutsche Wähler als besondere Hüter nationaler Authentizität – und demokratische Institutionen als kulturellen Import aus Amerika.


Fazit

Höckes Westdeutschen-These ist kein Beitrag zur Debatte über Identität und Geschichte. Es ist der rhetorische Versuch, Deutschland neu zu spalten – nicht durch eine Mauer, sondern durch die Behauptung, im Westen lebten kulturelle Fremde.

Besonders zynisch: Das Angebot richtet sich gezielt an Menschen im Osten, die wissen, was es bedeutet, wenn Staat und Partei entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Wer die DDR erlebt hat, sollte Identitätspolitik dieser Art sofort erkennen. Höcke setzt darauf, dass das Gegenteil passiert.

Dahinter steht eine Partei, die im Osten ihre Hochburgen hat und eine Erzählung braucht, die das erklärt und verstärkt. Dass der Urheber dieser Erzählung selbst aus Westfalen stammt, ist kein Detail am Rand. Es ist der Beweis, dass es hier nicht um Identität geht. Sondern um Macht.

Wer verstehen will, wie solche Muster politisch funktionieren – und wie man sie erkennt – findet hier eine kompakte Einordnung: → Populismus erkennen: die wichtigsten Manipulationstricks

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Quellen – alle Fakten selbst nachprüfbar:

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