Karikatur: Politiker starrt besorgt auf Wasserglas mit Parteifarben-Strudel und zerrissener FDP-Fahne

Deutschland, Merz und AfD – Ein Sturm im Wasserglas?

6–10 Minuten

Deutschland hat kein AfD-Problem. Deutschland hat ein „Weiter so“-Problem.

Das ist kein Wortspiel. Es ist die präziseste Beschreibung dessen, was in diesem Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten passiert ist. Die AfD ist nicht die Ursache der politischen Krise – sie ist deren sichtbarstes Symptom. Wer verstehen will, wie eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, bei der Bundestagswahl 2025 auf 20,8 Prozent kommt, muss nicht die AfD studieren. Er muss die Koalitionen studieren, die sie erst möglich gemacht haben.


Das System „Weiter so“

Sechzehn Jahre Angela Merkel haben Deutschland politisch komfortabel und inhaltlich leer hinterlassen. Das war kein Unfall, sondern Methode. Wer nie eine Entscheidung trifft, die jemanden wirklich trifft, bleibt beliebt. Wer Konflikte moderiert statt löst, erzeugt keinen Widerstand. Und wer Probleme verwaltet statt behebt, hat immer ein Argument für die nächste Amtszeit: Seht her, das Problem existiert noch – ihr braucht uns weiterhin.

„Weiter so“ ist keine Trägheit. Es ist eine politische Strategie. Und sie hat Konsequenzen.

Die sozialen Sicherungssysteme wurden nicht reformiert, sondern umbenannt. Hartz IV wurde zu Bürgergeld – die Logik dahinter blieb dieselbe. Die Rentenproblematik wurde auf die lange Bank geschoben, die Pflegeversicherung auf Kante genäht, der Wohnungsmarkt dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Währenddessen versicherte die Politik in jedem Koalitionsvertrag, dass soziale Gerechtigkeit ihr oberstes Ziel sei.

Die Bürger haben zugehört. Und irgendwann aufgehört zu glauben.


Symbolbild: Brennende Papierwand mit Aufschrift Brandmauer – Metapher für politische Rhetorik

Was die Zahlen beweisen

Politikverdrossenheit ist kein Gefühl. Sie ist messbar.

Im Sommer 2024 befragte die Körber-Stiftung repräsentativ die deutsche Bevölkerung zu ihrem Vertrauen in demokratische Institutionen. Das Ergebnis ist ein Dokument des politischen Versagens: Nur 9 Prozent der Befragten haben großes oder sehr großes Vertrauen in die politischen Parteien. Nur 18 Prozent in die Bundesregierung. Nur 22 Prozent in den Bundestag.

Anders ausgedrückt: Mehr als vier Fünftel der Bevölkerung trauen ihrer eigenen Regierung nicht. Das ist kein Misstrauen gegenüber der AfD – das ist Misstrauen gegenüber dem gesamten politischen System. Und dieses Misstrauen wurde nicht von der AfD erzeugt. Es wurde von jenen erzeugt, die jahrzehntelang regierten und dabei zusahen, wie es wuchs.

Die Lohnkurve erzählt dieselbe Geschichte – nur in Zahlen. 2022 sanken die Reallöhne um 4,1 Prozent, der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008. 2023 folgte eine minimale Erholung von 0,1 Prozent – statistisch positiv, im Alltag nicht spürbar. 2024 schließlich der stärkste Reallohnanstieg seit 2008: plus 3,1 Prozent. Aber die Bundestagswahl fand im Februar 2025 statt. Die Wut war längst einbetoniert.

Gleichzeitig stieg die Armutsgefährdungsquote: 2024 galten 15,5 Prozent der Bevölkerung – rund 13,1 Millionen Menschen – als armutsgefährdet. Unter Einbeziehung weiterer Indikatoren waren es sogar 20,9 Prozent – gut ein Fünftel der gesamten deutschen Bevölkerung, bedroht von Armut oder sozialer Ausgrenzung. Das ist kein Randproblem. Das ist die politische Mitte des Landes.


Das Vakuum und wer es füllt

Wo Vertrauen fehlt, entsteht ein Vakuum. Und Vakuen werden gefüllt – nicht unbedingt von den Besseren.

Die AfD hat dieses Vakuum nicht geschaffen. Sie hat es besetzt. Das ist ein wichtiger Unterschied, der in der öffentlichen Debatte regelmäßig verwischt wird. Die AfD ist nicht deshalb auf 20,8 Prozent gewachsen, weil ihre Antworten richtig sind. Sie ist gewachsen, weil die anderen Parteien aufgehört haben, überzeugende Antworten zu geben.

Besonders perfide ist dabei die populistische Vermarktung der Schwachen. Rentner, Pflegebedürftige, Geringverdiener und Erwerbslose werden von der AfD rhetorisch als Beweis dafür inszeniert, dass „das System“ versagt habe – um sie gleichzeitig als Projektionsfläche für den Feldzug gegen Minderheiten, Migranten und demokratische Institutionen zu nutzen. Die AfD gibt vor, die Anwältin der Abgehängten zu sein. Ihre Sozialpolitik würde genau jene treffen, mit deren Sorgen sie Wahlkampf macht.

Aber das spielt keine Rolle, solange niemand sonst glaubwürdig für diese Menschen spricht.


Die Neiddebatte: Hexenverfolgung als Regierungsmethode

Alexander Gauland sagte 2017 über die damalige Bundesregierung: „Wir werden sie jagen.“ Es war als Drohung gemeint. Was niemand ahnte: Die demokratischen Parteien würden dieses Jagen selbst übernehmen – nur mit anderen Opfern. Statt die AfD politisch zu stellen, jagten CDU, SPD und FDP jene, die am wenigsten Gegenwehr leisten konnten: Bürgergeldempfänger, Asylsuchende, Migranten.

Das Muster hat einen Namen: vertikale Solidarität nach oben, horizontale Aggression nach unten. Der Blick wird systematisch nach unten gelenkt – weg von den Strukturen, die das Problem verursachen, hin zu jenen, die am wenigsten dafür können. Eine Methode so alt wie die Hexenverfolgung: Benenne einen Sündenbock. Sorge dafür dass die Wut sich horizontal entlädt. Und schütze die eigentlichen Strukturen durch Ablenkung.

Was dabei herauskommt, wenn man Narrativ und Realität nebeneinanderstellt:

Das NarrativDie Realität
„Bürgergeldempfänger verweigern die Arbeit“0,6 % tun das tatsächlich (Bundesagentur für Arbeit 2024)
„Asylsuchende sind kriminell“8,9 % aller Tatverdächtigen – Tendenz sinkend um 3,6 % (BKA 2024)
„Der Sozialstaat wird ausgenutzt“Jedes 6. Kind in Deutschland ist armutsgefährdet (Destatis 2024)
„Wir müssen die Schwachen schützen“Armutsgefährdungsquote steigt: 15,5 % (2023) → 16,1 % (2024)

Der eigentliche Widerspruch den niemand in den Talkshows benennt: Der vermeintliche Sozialabbau zur Rückgewinnung von AfD-Wählern – Bürgergeld kürzen, Migranten abschieben, Transferleistungen streichen – trifft genau jene Menschen, mit deren Not die AfD Wahlkampf macht. Wer Kinderarmut bekämpfen will, braucht keinen Sündenbock. Er braucht Sozialpolitik.

Gauland wollte die Regierenden jagen. Am Ende haben die Regierenden die Schwachen gejagt – und stehen nun vor einer Mauer, zu deren Bau sie selbst beigetragen haben, ohne auch nur ein Hämmerchen in der Hand zu halten.


Merz: „Weiter so“ in neuem Gewand

Friedrich Merz hat den Anspruch formuliert, die AfD zu halbieren. Stattdessen hat er sie bei der Bundestagswahl 2025 auf ihr bisher bestes Ergebnis begleitet.

Das ist kein Zufall. Merz steht exemplarisch für das Grundproblem der deutschen Mitte: Er hat die Diagnose verstanden – und trotzdem das Falsche verschrieben. Wer merkt, dass Menschen Angst vor Veränderung, Migration und sozialem Abstieg haben, und daraufhin eine Sprache wählt, die genau diese Ängste bedient, schafft kein Gegengewicht zur AfD. Er normalisiert deren politisches Terrain.

Die Brandmauer aus Papier brennt schnell. Wer AfD-Rhetorik kopiert, legitimiert das politische Feld, auf dem die AfD längst zuhause ist – und liefert dem Original die beste Werbung: Schaut her, sogar die Union redet jetzt wie wir.

Das ist nicht Stärke. Das ist die nächste Runde „Weiter so“ – diesmal mit schärferem Ton und demselben inhaltlichen Vakuum.


Bundestag Plenarsaal mit wenigen Abgeordneten – Symbol für Politikverdrossenheit
Wenn die Mitte schweigt, wird das Vakuum gefüllt – nicht unbedingt von den Besseren.

Der Blick nach Amerika: Das ignorierte Lehrstück

Wer verstehen will, wie Trump möglich wurde, muss nicht Trump studieren. Er muss die Demokraten studieren, die ihn ignorierten – die Gewerkschaften, die sie aufgaben, die Industrieregionen, die sie abschrieben, die Arbeiterklasse, die sie mit Identitätspolitik abspeisten, während die Löhne stagnierten.

Deutschland hatte dieses Lehrstück vor Augen. Und hat es ignoriert.

Das Muster ist dasselbe: Eine politische Mitte, die sich selbst für alternativlos hält, verliert den Kontakt zu jenen, die sich von ihr nicht mehr vertreten fühlen. Das Vakuum, das entsteht, wird von jenen gefüllt, die einfache Antworten auf komplexe Probleme anbieten – laut, wütend und ohne Skrupel. In den USA hieß das Ergebnis Trump. In Deutschland heißt es AfD.

Der Unterschied: Amerika hatte keine Vorwarnung. Deutschland hatte Amerika.


Die nächste Runde „Weiter so“

Die FDP ist das klarste Beispiel dafür, wohin politische Inhaltsleere führt: Von 11,4 Prozent 2021 auf 4,3 Prozent 2025 – raus aus dem Bundestag, raus aus der Relevanz. Ein harter marktwirtschaftlicher Kurs, der die soziale Realität der meisten Menschen ignorierte, hat die Partei in die außerparlamentarische Opposition katapultiert.

Die SPD zahlt bis heute für Hartz IV. Nicht weil die Reform falsch konzipiert war – darüber lässt sich streiten. Sondern weil die Botschaft, die ankam, lautete: Wir wissen, dass es wehtut. Und wir machen trotzdem weiter.

Und jetzt sitzt die „große“ Koalition aus CDU/CSU und SPD wieder im Regierungsamt. Und flüstert bereits wieder dasselbe Mantra: Stabilität. Verlässlichkeit. Maß und Mitte.

„Weiter so.“

Das eigentliche Risiko für Deutschland ist nicht die AfD. Das Risiko ist eine politische Klasse, die aus dem Aufstieg der AfD die falsche Lektion zieht – und glaubt, das Problem sei die Lautstärke der Rechten, nicht das Schweigen der Mitte.


Fazit

Die Entwicklung in Deutschland ist kein Sturm im Wasserglas. Sie ist die vorhersehbare Konsequenz jahrzehntelanger politischer Wegduckmentalität.

Die AfD hat Deutschland nicht verändert. Sie hat sichtbar gemacht, was längst da war: ein tiefes Misstrauen gegenüber einer politischen Klasse, die Probleme verwaltet statt löst, Versprechen macht statt hält und Stabilität predigt, während sie die Fundamente des sozialen Zusammenhalts erodieren lässt.

Der wahre Feind der Demokratie in Deutschland trägt kein blaues AfD-Parteiabzeichen. Er trägt das unsichtbare Abzeichen des „Weiter so“ – und sitzt seit Jahrzehnten in den Fraktionssälen der Volksparteien.

Solange das so bleibt, braucht die AfD nichts weiter zu tun. Sie muss nur warten.

Wie Parteien und Politiker mit populistischen Methoden arbeiten und wie man sie erkennt, zeigt der Grundlagentext zu Populismus und politischer Manipulation auf dieser Seite.

Wer verstehen will, wie dasselbe Muster in den USA funktioniert hat, findet die Parallelen im Artikel → Amerika und Trump – eine verhängnisvolle Affäre

Absatz-Blöcke

Kinderarmut / Armutsgefährdung aktuell

Statistisches Bundesamt (Destatis), Armutsgefährdungsquote 2025 (Einkommen 2024), Februar 2026 [Abgerufen: 12.05.2026]

Recht & Politik, Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen steigt erneut, November 2025 [Abgerufen: 12.05.2026]

Bürgergeld / Arbeitsverweigerung

Statista / Bundesagentur für Arbeit, Sanktionierte Bürgergeldempfänger wegen Arbeitsverweigerung 2024 [Abgerufen: 12.05.2026]

Tagesspiegel, Faktencheck Bürgergeld-Debatte, August 2024 [Abgerufen: 12.05.2026]

LBBW Research, Faktencheck Bürgergeld 2025 [Abgerufen: 12.05.2026]

Kriminalität im Kontext von Zuwanderung

Bundeskriminalamt (BKA), Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024, Dezember 2025 [Abgerufen: 12.05.2026]

Euronews, BKA-Zahlen Zuwanderer Kriminalität 2024, Dezember 2025 [Abgerufen: 12.05.2026]

Wahlergebnisse

Bundeswahlleiterin, Endgültiges Ergebnis BTW 2025, 14.03.2025 [Abgerufen: 12.05.2026]

Bundestag.de, CDU/CSU wird stärkste Fraktion im neuen Bundestag [Abgerufen: 12.05.2026]

Reallöhne

Statistisches Bundesamt (Destatis), Reallöhne im Jahr 2022 um 4,1% gesunken [Abgerufen: 12.05.2026]

Statistisches Bundesamt (Destatis), Reallöhne im Jahr 2023 um 0,1% gestiegen [Abgerufen: 12.05.2026]

Statistisches Bundesamt (Destatis), Reallöhne im Jahr 2024 um 3,1% gestiegen [Abgerufen: 12.05.2026]

Armutsgefährdung

Statistisches Bundesamt (Destatis), Armutsgefährdungsquote 2024 [Abgerufen: 12.05.2026]

Institutionenvertrauen

Körber-Stiftung / policy matters, Demokratie in der Vertrauenskrise, Juli 2024 [Abgerufen: 12.05.2026]

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