AfD baut eigene Kaderschule für den Ernstfall auf
Die AfD hat ein Personalproblem, seit sie ernsthaft mitregieren will. Statt darauf zu warten, dass sich das von selbst löst, zieht sie sich ihren Nachwuchs jetzt planmäßig heran – mit einer eigenen Landesakademie, aufgebaut von einem Mann, den Alice Weidel 2024 noch selbst gefeuert hat.
Wenn der Wahlerfolg größer ist als der Personalbestand
Die AfD steht in mehreren ostdeutschen Bundesländern vor der Möglichkeit, tatsächlich mitzuregieren. Nur: Für ein Ministerium, ein Staatssekretariat oder auch nur ein gut besetztes Referat braucht es Leute, die wissen, wie Verwaltung funktioniert – und davon hat die Partei zu wenige. Die Antwort darauf heißt jetzt Landesakademie Brandenburg.
Vom gefeuerten Weidel-Referenten zum Höcke-Architekten
Der Mann hinter dem Konzept heißt Roland Hartwig. Früher Spitzenjurist beim Pharmakonzern Bayer, dann AfD-Bundestagsabgeordneter aus Teltow, dann persönlicher Referent von Alice Weidel. Diese Position verlor er fünf Tage nach der Correctiv-Veröffentlichung „Geheimplan gegen Deutschland“ im Januar 2024 – offiziell „im gegenseitigen Einvernehmen“, tatsächlich wegen seiner Teilnahme an der Potsdamer „Remigration“-Tagung, die den Skandal auslöste.
Was damals wie das Ende seiner parteiinternen Karriere aussah, war nur eine Pause. Hartwig hatte bereits vor seinem Rauswurf im Parteiauftrag an einer Akademie zur Personalentwicklung gearbeitet, mit einem Pool von damals rund 50 Referenten. Die Pläne stockten, als Weidel sich von ihm trennte.
2025 änderte sich die Lage grundlegend. Weidel selbst trat mit einem „Remigration“-Maßnahmenkatalog als Kanzlerkandidatin an – was 2024 noch als Skandal galt, war plötzlich offizielles Programm. Björn Höckes völkisch-nationalistisches Lager hatte sich parteiintern durchgesetzt. Und ausgerechnet Höcke war es, der Hartwig noch im selben Jahr beauftragte, in Thüringen eine erste Landesakademie aufzubauen – zeitlich parallel zur Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ im November 2025, an der Höcke maßgeblich mitwirkte.
Kulturhoheit als Lehrplan
Was in diesen Akademien vermittelt wird, macht Hartwig selbst keinen Hehl daraus: Ziel sei es, „Kulturhoheit zu erlangen“ – explizit über Begriffe wie „Remigration“. Einer der Referenten ist Benedikt Kaiser, ein Publizist, der von der Politikwissenschaftlerin Anne-Sophie Heinze (Universität Lüneburg) als „Vordenker der radikalen Neuen Rechten“ und enger Höcke-Vertrauter eingeordnet wird. Kaiser lehrt ein Konzept namens „Politik der Nähe“ – kommunale Verankerung als strategisches Modell, mit Südbrandenburg als Vorzeigeregion, wo der dortige Verein „Zukunft Heimat“ unter Hans-Christoph Berndt seit Jahren aktiv ist.
Heinze bewertet die Landesakademien so: Sie setzten Höckes radikalen Kurs „inhaltlich, aber auch organisatorisch“ fort. Neben der ideologischen Schulung steht aber auch das ganz Praktische auf dem Lehrplan: Rhetorik, Medienumgang, Umgang mit Störern bei Parteiveranstaltungen, Konfliktmanagement, Verwaltungsaufbau. Referenten dafür sind laut rbb24-Recherche Menschen, die „ein ganzes Berufsleben im Ministerium verbracht haben“ – die AfD holt sich also gezielt Verwaltungserfahrung von außen, wo die eigenen Reihen sie nicht bieten.
Brandenburg: 50 Kader für den Ernstfall
Konkret sieht der Plan für Brandenburg so aus: Start ist September 2026, rund 50 Teilnehmer wurden bereits von den 16 Kreisverbänden benannt. Organisiert wird das Programm von Hannes Gnauck, Bundestagsabgeordneter aus Prenzlau und letzter Bundesvorsitzender der inzwischen aufgelösten Jugendorganisation „Junge Alternative“. Das Programm läuft zwei Jahre. Ziel, so Gnauck selbst: Rüstzeug für den Fall, dass die AfD „in zwei, drei Jahren“ in Brandenburg Regierungsverantwortung übernimmt – mit Einstieg in Ministerien oder in die persönlichen Büros von Ministern und Staatssekretären.
Brandenburg ist dabei kein Einzelfall. Bereits im Mai wurde nach Thüringer Vorbild eine Landesakademie in Bayern gegründet. Hartwig selbst will das Konzept auf alle Landesverbände ausrollen – Gespräche laufen laut rbb24 bereits mit den AfD-Verbänden in Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen.
Wer die Ausbildung organisiert – ein Blick auf die Personalie Gnauck
Dass ausgerechnet Hannes Gnauck die Brandenburger Landesakademie organisiert, ist mit Blick auf seine Vorgeschichte bemerkenswert. Gnauck war der letzte Bundesvorsitzende der „Jungen Alternative“ (JA), bevor die AfD die Jugendorganisation 2023 formal auflöste – nachdem der Verfassungsschutz sie zuvor als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hatte. Statt die Auflösung als Rückzug zu nutzen, wurde im November 2025 mit „Generation Deutschland“ eine Nachfolgeorganisation gegründet, an der laut Berichten auch Björn Höcke maßgeblich mitwirkte. Die personellen Linien zwischen der alten JA, der neuen Jugendorganisation und jetzt der Landesakademie laufen damit über dieselben Köpfe zusammen – Kontinuität also, wo formal ein Bruch stattgefunden haben soll.
Für den ehemaligen JA-Chef ist die Kaderschule eine logische Fortsetzung: Wer schon einmal eine rechtsextreme Jugendorganisation geführt hat, weiß, wie man Nachwuchs organisiert. Nur ist der Anspruch diesmal ein anderer – nicht mehr Straßenpräsenz und Mitgliederwerbung, sondern gezielte Vorbereitung auf Verwaltungsposten. Das ist der eigentliche Bruch zur bisherigen AfD-Nachwuchsarbeit: weg vom Aktivismus, hin zur Ministerialbürokratie.
Kein Zufall: Das Nachwuchsproblem ist seit Jahren bekannt
Dass die Partei ihre Nachwuchsausbildung jetzt professionalisiert, kommt nicht von ungefähr. Schon bei den Kommunalwahlen 2024 zeigte sich das Problem in aller Deutlichkeit: Trotz teils rekordverdächtiger Umfragewerte konnte die AfD vielerorts gar keine eigene Liste aufstellen – schlicht mangels geeigneter Kandidaten, wie damals ZEIT ONLINE berichtete. Der Aufbau einer eigenen Kaderschule dürfte also auch eine Reaktion auf diese personelle Achillesferse sein. Über Fort- und Weiterbildung wurde in der Partei schon damals diskutiert – prominente AfD-Politiker und Vertreter des neurechten Vorfelds forderten bereits eine Kaderschule nach Vorbild der österreichischen FPÖ. Ein erster Anlauf dazu – die „Akademie Schwarz-Rot-Gold“ unter Hartwigs Vorsitz – war 2023 gestartet, aber im Sande verlaufen, auch wegen Hartwigs Rauswurf 2024.
Die FPÖ als Blaupause – und was das über den Kurs verrät
Dass ausgerechnet die österreichische FPÖ als Vorbild dient, ist mit Blick auf die eigene Programmatik der AfD kein Zufall. Die FPÖ hat mit ihrer parteinahen Bildungsarbeit über Jahre hinweg ein Netzwerk aus Funktionären aufgebaut, das ihr half, staatliche Institutionen personell zu durchdringen, sobald sie an Regierungen beteiligt war. Genau dieses Modell – parteiinterne Ausbildung statt öffentlicher Verwaltungslaufbahn – ist es, das Roland Hartwig für die AfD kopieren will.
Der Griff zur eigenen Kaderschule ist historisch kein Novum – er ist ein Instrument, zu dem autoritäre Bewegungen quer durch die Ideologien gegriffen haben, wenn es darum ging, loyale statt bloß fachlich qualifizierte Funktionäre heranzuziehen: von den NS-Ordensburgen in Krössinsee, Vogelsang und Sonthofen über die Komintern-Kaderschmiede in Moskau bis zur Parteihochschule der SED in der DDR. Auch die Kommunistische Partei Chinas betreibt bis heute eine Zentrale Parteischule, die traditionell von der Staatsspitze selbst geleitet wird. Gemeinsam ist all diesen Modellen: Nicht die Verwaltung steht im Zentrum, sondern die ideologische Formung – Fachwissen kommt erst danach.
Was das für die Landtagswahlen im Herbst bedeutet
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt, am 20. September Mecklenburg-Vorpommern – beides Länder, in denen die AfD laut aktuellem PolitPro-Wahltrend mit über 40 Prozent klar stärkste Kraft werden könnte. In Sachsen-Anhalt käme die amtierende Koalition aus CDU, SPD und FDP nach aktuellem Umfragestand nur noch auf rund 36 Prozent der Mandate – ihre Mehrheit wäre futsch. Genau für dieses Szenario baut die Partei jetzt vor: Eine Landesregierung braucht nicht nur einen Ministerpräsidenten, sondern Dutzende Fachreferenten, Pressesprecher, Abteilungsleiter. Bislang war genau das die Schwachstelle der AfD – zu wenige Leute, die verwaltungserfahren genug sind, um ein Ministerium tatsächlich zu führen. Die Landesakademien der AfD sollen diese Lücke schließen, bevor sie im Ernstfall sichtbar wird.
Warum das mehr ist als eine Personalfrage
Für die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist das eine Entwicklung, die man nicht erst beobachten sollte, wenn die AfD tatsächlich am Kabinettstisch sitzt. Wenn eine Partei gezielt Verwaltungswissen aufbaut, während sie gleichzeitig ideologische „Kulturhoheit“ als erklärtes Ziel formuliert, verschiebt sich die Frage von „Ob“ zu „Wie schnell“ eine Regierungsbeteiligung tatsächlich durchgriffe. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf Details wie Ausbildungsinhalte, Referentenkreis und beteiligte Personen – sie verraten mehr über die tatsächlichen Pläne der Partei als jede Wahlkampfrede.
Die AfD bereitet sich strukturell auf das vor, was sie rhetorisch längst als sicher verkauft: die Regierungsübernahme in mehreren Bundesländern. Während die Partei nach außen mit Straßenprotesten und Verbotsdebatten beschäftigt ist, baut sie im Hintergrund genau die Verwaltungskompetenz auf, die ihr bislang fehlte. Wer wissen will, wie ernst es der AfD mit dem Regieren ist, muss nicht auf Wahlkampfreden hören – ein Blick nach Brandenburg reicht. Behaltet die Landesakademien im Auge: Wenn sich das Konzept wie angekündigt auf Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen ausweitet, ist das ein Frühwarnsystem für das, was in diesen Ländern in den nächsten Jahren personell ansteht. Wer heute noch glaubt, die AfD sei auf Regierungsverantwortung nicht vorbereitet, sollte sich die Namen Hartwig, Gnauck und Kaiser merken – sie sind die eigentliche Antwort auf diese Frage.
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Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.
- rbb24: AfD gründet Kaderschule/Landesakademie in Brandenburg (Recherche Olaf Sundermeyer) — abgerufen am 02.07.2026
- tagesschau.de: AfD gründet Kaderschule in Brandenburg (rbb-Recherche) — abgerufen am 02.07.2026
- ZEIT ONLINE: Bildungsarbeit der AfD – Nachwuchsprobleme bei den Kommunalwahlen 2024 — abgerufen am 02.07.2026
