Industriekulisse mit Abwärtspfeil und Sachsen-Anhalt-Flagge — Symbol für die wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Politik

Das AfD-Paradoxon: Wer sie wählt, schadet sich am meisten

📅 24. Juli 2026

⏱ Lesezeit: ca. 7 Minuten

Einordnung: Eine neue DIW-Studie (Fratzscher, Juli 2026) berechnet die wirtschaftlichen Folgen des AfD-Wahlprogramms — und kommt zu einem politisch brisanten Ergebnis: Sachsen-Anhalt, eine der AfD-stärksten Regionen Deutschlands, wäre die am härtesten betroffene Region. Rund 1.600 Euro Einkommensverlust pro Kopf jährlich, rund 10.000 Arbeitsplätze weniger — so lautet das Paradoxon der Studie: Ausgerechnet dort, wo die „AfD“ am stärksten ist, würden die Menschen am meisten verlieren. DIW-Präsident Fratzscher nennt das eine „kollektive Fehleinschätzung“ der Wähler. Fünf Wochen vor der Landtagswahl am 6. September 2026 sind das Zahlen, die im Wahlkampf kaum vorkommen.

Wer in Sachsen-Anhalt die „AfD“ wählt, wählt eine Partei, deren Politik das Land teurer käme als fast jede andere. So eindeutig ist das Ergebnis einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unter Präsident Marcel Fratzscher. Das Paradoxon lautet: Ausgerechnet dort, wo die „AfD“ am stärksten ist, würden die Menschen am meisten verlieren. Und ausgerechnet fünf Wochen vor der Landtagswahl am 6. September 2026 stehen dafür erstmals konkrete Zahlen auf dem Tisch.

Was das DIW berechnet hat — und was das bedeutet

Marcel Fratzscher hat mit dem DIW ein wirtschaftliches Szenario modelliert: Was passiert, wenn die „AfD“ ihr Wahlprogramm umsetzt? Das Ergebnis ist nüchtern. Über fünf Jahre würde das Wirtschaftswachstum bundesweit um rund sechs Prozentpunkte zurückgehen, die Inflation um gut fünf Prozentpunkte steigen und die Arbeitslosigkeit um zwei Prozentpunkte zulegen. Die drei wichtigsten Treiber: der geforderte Zuwanderungsstopp führt zu Fachkräftemangel, die Abschottungspolitik schadet dem Export, und der Abbau staatlicher Institutionen und Investitionen trifft strukturschwache Regionen zuerst.

Wichtig: Bei diesen Zahlen handelt es sich ausdrücklich nicht um eine präzise Prognose, sondern um ein Szenario auf Basis wissenschaftlicher Studien. Die Richtung aber ist klar. Und Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger, der das DIW nicht braucht, um zur „AfD“ Stellung zu nehmen, sagte es gegenüber der dpa schlicht: Die Partei biete „keine tragfähigen Lösungen für die wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands“.


Sachsen-Anhalt im Fokus: 1.600 Euro weniger — pro Kopf, pro Jahr

Infografik: Folgen einer AfD-Politik — 1.600 Euro Einkommensverlust pro Kopf jährlich und 10.000 Arbeitsplätze weniger in Sachsen-Anhalt
© Hans-Dieter Nichau – Montage aus lizenzfreiem Bildmaterial

Für Sachsen-Anhalt sind die DIW-Projektionen besonders drastisch. Die Einkommensverluste würden dort doppelt so hoch ausfallen wie im Bundesdurchschnitt — rund 1.600 Euro pro Kopf jährlich, dazu rund 10.000 Arbeitsplätze weniger. Am härtesten getroffen wären ausgerechnet die AfD-Hochburgen: Im Burgenlandkreis, in Mansfeld-Südharz und im Salzlandkreis drohen Einkommensverluste von bis zu acht Prozent.

Die strukturellen Gründe dafür liegen auf der Hand. Sachsen-Anhalt hat den höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer. Ein Land, das ohnehin unter der Abwanderung junger Menschen leidet, kann einen Zuwanderungsstopp nicht verkraften — die „AfD“ fordert ihn trotzdem. Fratzschers Berechnungen sehen für Sachsen-Anhalt allein beim Zuzug einen Rückgang von 45 bis 65 Prozent. Dazu kommt: Das Land ist stark abhängig von EU-Fördermitteln und staatlichen Investitionsprogrammen — exakt die Positionen, die die „AfD“ abbauen will.

BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner formulierte es so: „Die AfD ist keine Wirtschaftspartei. Alles, was ich bisher von ihr lese, zahlt nicht auf Wirtschaftswachstum oder Investitionen ein. Im Gegenteil: Es wird eher neue Unsicherheiten für Investitionen geben.“ Was das für Menschen in Sachsen-Anhalt bedeutet, die trotz Vollzeitjob bereits an der Armutsgrenze leben, hat dieser Blog bereits dokumentiert.


Das Paradoxon — Unzufriedenheit schafft, was sie bekämpft

Fratzscher nennt das das AfD-Paradoxon — und beschreibt damit eine negative Spirale: Regionen mit hoher wirtschaftlicher Unzufriedenheit sind besonders empfänglich für populistische Angebote und wählen überproportional „AfD“. Würde die „AfD“ ihr Programm umsetzen, würde genau diese Unzufriedenheit weiter verschärft. Es wäre keine Abwärtsspirale, die irgendwann durch äußere Faktoren gestoppt wird — sie würde sich selbst antreiben.

Das DIW formuliert es noch schärfer: Die Umsetzung des AfD-Programms käme einer „Umverteilung von Einkommen und sozialen Leistungen von AfD-Wählerinnen und -Wählern hin zu den Wählerinnen und Wählern anderer Parteien“ gleich. Das ist die eigentliche Pointe: Nicht die Gegner der „AfD“ leiden unter ihrer Politik — sondern ihre eigenen Wähler. Die Menschen, die bereits am stärksten von Abstieg, Jobverlust und sozialer Unsicherheit betroffen sind, wären es, denen AfD-Politik am meisten wegnehmen würde.


Warum wirtschaftliche Argumente AfD-Wähler oft nicht erreichen — Einordnung

Das ist keine neue Erkenntnis. Forschung zu populistischem Wahlverhalten zeigt seit Jahren: Wer die „AfD“ wählt, tut das oft nicht primär aus rationaler ökonomischer Kalkulation, sondern aus Protest, Identität oder dem Gefühl politischer Heimatlosigkeit. Die Wahlentscheidung ist weniger instrumental als expressiv — sie sendet ein Signal, auch wenn der Preis dafür hoch ist. Wer das Gefühl hat, von der politischen Mitte seit Jahrzehnten ignoriert zu werden, lässt sich durch eine neue Studie nicht ohne Weiteres umstimmen.

Das bedeutet nicht, dass wirtschaftliche Argumente wertlos sind. Aber es erklärt, warum Studien wie die des DIW selten direkte Wählerverschiebungen auslösen. Wie populistische Bewegungen Unzufriedenheit systematisch in Unterstützung ummünzen — und wie man diese Mechanismen erkennt — erklärt diese Analyse.


Was das für den Wahlkampf bis 6. September bedeutet

Die aktuellste Umfrage — INSA im Auftrag von FOCUS, durchgeführt vom 14. bis 21. Juli 2026, veröffentlicht am 23. Juli 2026 — sieht die „AfD“ in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent, die Linke bei 14 Prozent. „AfD“-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er allein und ohne Kompromisse regieren möchte.

Was das rechnerisch bedeutet: Die demokratischen Parteien benötigten nach aktuellem Stand ein Dreierbündnis, um ohne die „AfD“ eine Mehrheit zu erreichen. Ob CDU, Linke und SPD gemeinsam regieren würden, ist eine politisch brisante Frage — und eine, die der Wahlkampf der nächsten fünf Wochen beantworten muss. Dass die DIW-Zahlen dabei kaum eine Rolle in den Wahlkampfveranstaltungen der „AfD“ spielen werden, darf als sicher gelten.


Fazit: Ein Wahlzettel, den man selbst bezahlt

Das DIW sagt nicht, wen man wählen soll. Fratzschers Studie ist keine Wahlempfehlung. Was sie tut: Sie setzt Zahlen auf den Tisch. 1.600 Euro weniger pro Jahr, 10.000 Jobs weniger im Land, bis zu acht Prozent Einkommensverlust in den ärmsten Kreisen Sachsen-Anhalts — das sind keine abstrakten politischen Theorien. Das ist eine konkrete Rechnung.

Das Paradoxon ist real: Wer mit dem AfD-Kreuz auf dem Wahlzettel gegen seine eigene wirtschaftliche Situation protestiert, zahlt am Ende selbst die höchste Rechnung. Ob das am 6. September 2026 eine Rolle spielt, wird man sehen. Ignorieren kann man es nicht mehr.

Was bleibt: Die DIW-Studie belegt erstmals konkret, was viele ahnten: Die wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Politik träfen vor allem jene Menschen am härtesten, die die Partei am stärksten wählen. In Sachsen-Anhalt — mit dem höchsten Altersdurchschnitt, dem größten Strukturwandel und den höchsten AfD-Werten — würde das Paradoxon am deutlichsten sichtbar werden. Wer am 6. September wählt, sollte das wissen. Und wer das Thema wichtig findet: Teilen Sie diesen Artikel — gerade nach Sachsen-Anhalt.

Alle Fakten selbst nachprüfbar — wie es sich gehört.

Tagesspiegel: Sachsen-Anhalt wäre besonders betroffen — DIW-Studie Fratzscher (23. Juli 2026)

taz: AfD-Politik für Sachsen-Anhalt — Paradoxon mit schädlichen Folgen (24. Juli 2026)

HalleSpektrum: DIW-Studie — Sachsen-Anhalt könnte von AfD-Politik besonders stark betroffen sein (23. Juli 2026)

dawum.de: Wahlumfragen Sachsen-Anhalt — alle Institute im Überblick (abgerufen 24. Juli 2026)

DIW Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung — Publikationen (abgerufen 24. Juli 2026)

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