Sachsen-Anhalt — Das Schach(er)spiel beginnt
9. September 2026
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Einordnung: Die Suche nach einer Koalition. Die „AfD“ hat die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 mit 44,4 Prozent gewonnen — aber eine Regierung hat sie damit noch nicht. Drei Sitze fehlen zur absoluten Mehrheit. Das „BSW“ sitzt mit fünf Mandaten am Hebel und weiß es. Was folgt, ist kein demokratischer Normalfall, sondern ein Schachspiel mit offenem Ausgang.
Die Schachfiguren stehen auf dem Brett. Wer zieht als Erster — und wer opfert dabei seine Glaubwürdigkeit?
Die Ausgangslage: 39 Sitze und eine Lücke
Am 6. September 2026 holte die „AfD“ in Sachsen-Anhalt 44,4 Prozent der Stimmen — das stärkste Ergebnis, das eine Partei dort je eingefahren hat. 39 der 83 Landtagsmandate gehen an die Partei von Ulrich Siegmund. Zur absoluten Mehrheit fehlen drei Sitze. Drei Sitze, die über alles entscheiden: über die erste rechtsextreme Landesregierung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, über den künftigen Kurs des MDR, über die Frage, was von der demokratischen Mitte in einem deutschen Bundesland noch übrig bleibt.
Die „CDU“ hat mit 17,3 Prozent ihr schlechtestes Sachsen-Anhalt-Ergebnis eingefahren und erklärt sich — zumindest vorerst — zur Oppositionspartei. „SPD“ (9,8 Prozent), „Grüne“ (5,2 Prozent) und „FDP“ (4,1 Prozent, nicht im Landtag) sind politisch keine Koalitionspartner für die „AfD“. Bleibt das „BSW“ mit seinen fünf Sitzen. Fünf Sitze, die zum Zünglein an der Waage werden — ob das „BSW“ will oder nicht.
Das „BSW“: Königsmacher, der keiner sein will
Die Ausgangslage des „BSW“ in Sachsen-Anhalt ist so unbequem wie kalkuliert. Spitzenkandidatin Claudia Wittig hat eine Koalition mit der „AfD“ ausgeschlossen. Gleichzeitig brachte sie einen überparteilichen Ministerpräsidenten ins Gespräch, der mit wechselnden Mehrheiten regieren solle. Eine Enthaltung im dritten Wahlgang — der einzige Durchgang, in dem eine einfache Mehrheit genügt — schloss sie nicht aus.
In Berlin klingt das anders. Parteigründerin Sahra Wagenknecht erklärte, man solle parlamentarische Mehrheiten auch mit der „AfD“ nutzen, wenn die inhaltlichen Positionen übereinstimmen — namentlich bei der Energiepolitik und der Ablehnung der Russland-Sanktionen. Das ist kein Zufall. Es ist Programm.
Das Ergebnis ist eine bewusst konstruierte Unschärfe: Keine Koalition, kein Koalitionsvertrag — aber ein Ermöglichungsszenario. Wer Siegmund durch Enthaltung ins Amt hebt, trägt Verantwortung für das, was danach kommt. Nur der Koalitionsvertrag fehlt, der das schwarz auf weiß festhalten würde.
Sondierungen ohne Garantien für eine Koalition
Am 8. September 2026 lud „AfD“-Generalsekretär Tobias Rausch alle im Landtag vertretenen Fraktionen zu Sondierungsgesprächen ein. Der Schritt ist formal korrekt und politisch kalkuliert: Die „AfD“ gibt sich den Anschein demokratischer Normalität, während sie genau weiß, dass eine klassische Koalition kaum zustande kommen wird. Kein ernstzunehmender Partner will seinen Namen unter einen Koalitionsvertrag mit der Partei setzen, die der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft hat.
Siegmund selbst hat eine Minderheitsregierung ausgeschlossen. Er will eine stabile Mehrheit — oder gar nichts. Das ist eine Verhandlungsposition, die gleichzeitig Druck auf das „BSW“ ausübt: Wer eine handlungsunfähige Minderheitsregierung verhindern will, muss liefern.
Was folgt, sind Gespräche, die mehr über das politische Überleben der Gesprächspartner aussagen als über ehrliche Koalitionsbereitschaft. Die „CDU“ sitzt am Tisch, um das Gesicht zu wahren. Das „BSW“ sitzt am Tisch, um die eigene Unschuld zu verwalten. Die „AfD“ sitzt am Tisch und weiß, dass die Zeit für sie arbeitet.
Das Schmierentheater-Szenario: Was, wenn die „AfD“ gar nicht regieren will? Eine Koalition abgelehnt wird?
Es gibt eine Lesart der Sachsen-Anhalt-Lage, die unbequem ist — aber nicht von der Hand zu weisen. Was, wenn die Sondierungseinladungen der „AfD“ gar nicht darauf ausgelegt sind, eine Regierung zu bilden? Was, wenn das gesamte Verfahren ein kalkuliertes Schmierentheater ist — mit dem Ziel, am Ende sagen zu können: „Wir haben es versucht. Alle haben uns blockiert.“?

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Das Muster ist nicht neu. Populistische Parteien profitieren häufig mehr vom Scheitern als vom Regieren. Wer nicht regiert, kann nicht versagen. Wer nicht koaliert, muss keine Kompromisse eingehen, die die eigene Basis enttäuschen. Und wer als Opfer einer politischen Blockade dasteht, hat beim nächsten Wahlgang ein fertiges Narrativ: Das Establishment hat den Wählerwillen missachtet.
Für die „AfD“ wäre ein Scheitern der Regierungsbildung also kein Rückschlag — sondern ein Gewinn. Neuwahlen in Sachsen-Anhalt wären eine reale Möglichkeit. Und in Neuwahlen, in denen die Partei als Opfer der anderen antritt, könnte sie noch einmal zulegen. Das Ziel wäre dann nicht 44,4 Prozent, sondern die absolute Mehrheit — und damit das Ende jedes Züngelns an der Waage.
Siegmunds Absage an eine Minderheitsregierung passt in dieses Bild. Wer von vornherein erklärt, nur mit stabiler Mehrheit zu regieren, schließt bewusst das einzige Szenario aus, das ohne formale Koalition funktionieren könnte. Das ist keine Verhandlungsposition — das ist eine Ausstiegsstrategie mit angezogener Handbremse.
Ob das Kalkül aufgeht, hängt davon ab, ob das „BSW“ die Falle erkennt — und ob es den Mut hat, sie öffentlich zu benennen. Bisher sieht es nicht danach aus.
Die „CDU“ und der Weg in die Opposition
„CDU“-Spitzenkandidat Sven Schulze hat früh klargemacht, wo seine Partei steht: in der Opposition. Das klingt nach Haltung — und ist es teilweise auch. Die Brandmauer zur „AfD“ hält in Sachsen-Anhalt, zumindest vorerst. Aber eine Opposition ohne Mehrheit, ohne Koalitionspartner und ohne realistische Regierungsperspektive ist eine schwache Position.
17,3 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis, das die „CDU“ je in Sachsen-Anhalt eingefahren hat. Die Wählerinnen und Wähler haben der Partei gezeigt, was sie von ihr halten — und zwar bevor irgendjemand über Koalitionen verhandelt hat. Die Partei, die das Land jahrelang regiert hat, ist auf Platz zwei hinter einer Partei gerutscht, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft.
Was das für die Mitgliedschaft bedeutet, ist nicht trivial. Die „CDU“ in Sachsen-Anhalt hat faktisch keine Manövriermasse mehr. Wer dort noch Mitglied ist, hat die Partei aus einem Grund nicht verlassen: weil er oder sie die Brandmauer für das letzte verbleibende Identifikationsmerkmal hält. Jeder Schritt in Richtung AfD-Kooperation — jede Enthaltung, jede stille Duldung, jedes gemeinsame Abstimmungsverhalten — würde diesen Rest kosten. Nicht als abstrakte Drohung, sondern als reale Austrittswelle.
Gleichzeitig macht Friedrich Merz die lokale Brandmauer von Schulze zur Farce. Im Februar 2025 ließ er im Bundestag Migrationsanträge mit „AfD“-Stimmen passieren — und beschädigte damit das zentrale Versprechen der Union so nachhaltig, dass kein Landesvorsitzender es seitdem vollständig reparieren konnte. Was Merz in Berlin tut, lesen die CDU-Mitglieder in Magdeburg. Die Unglaubwürdigkeit ist importiert.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Schulze die Brandmauer hält. Die Frage ist, ob die Partei hinter ihm noch stark genug ist, um sie zu halten — oder ob Sachsen-Anhalts „CDU“ sich in der nächsten Legislatur still in Bedeutungslosigkeit auflöst.
Die Haushaltsfrage als stiller Druckmacher
Im Hintergrund tickt eine Uhr, die wenig Aufmerksamkeit bekommt, aber viel Druck erzeugt: Der Doppelhaushalt Sachsen-Anhalts läuft Ende 2026 aus. Ohne beschlussfähige Regierung und ohne handlungsfähigen Landtag drohen ab Januar 2027 erhebliche Einschränkungen bei der Haushaltsbewilligung — insbesondere für Projekte und Förderungen, die auf neue Beschlüsse angewiesen sind.
Das erhöht den Zeitdruck auf alle Beteiligten, aber es erhöht ihn nicht gleichmäßig. Die „AfD“ kann mit einer Übergangsregierung oder einer vorläufigen Haushaltsführung leben — sie regiert dann faktisch, ohne die volle parlamentarische Verantwortung zu tragen. Für das „BSW“, für die „CDU“ und für alle anderen ist das eine unbehaglichere Lage.
Wer den Haushalt retten will, muss Kompromisse eingehen. Die Frage ist nur: mit wem — und zu welchem Preis.
Was dieses Schachspiel für Deutschland bedeutet
Sachsen-Anhalt ist kein Sonderfall, sondern ein Modellversuch. Wenn es der „AfD“ gelingt, über Enthaltungen, wechselnde Mehrheiten oder konstruierte Duldungen an die Regierungsmacht zu kommen, ohne einen einzigen Koalitionsvertrag unterzeichnet zu haben, dann ist das ein Muster — und ein exportierbares dazu.
Mecklenburg-Vorpommern wählt am 20. September 2026. Die aktuellen Umfragen sehen die „AfD“ dort mit 35,7 Prozent vor der „SPD“ mit 28,7 Prozent. Das „BSW“ liegt mit 4,6 Prozent knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde. Wenn es nicht in den Landtag kommt, sieht die Arithmetik noch einfacher aus.
Was in Sachsen-Anhalt gerade passiert, ist kein regionalpolitisches Randthema. Es ist die Antwort auf eine Frage, die Deutschland noch nicht gestellt hat: Was passiert, wenn die Brandmauer nicht bricht — aber einfach umgangen wird?
Was bleibt: Das Schachspiel in Sachsen-Anhalt hat begonnen — und die Figuren sind ungleich verteilt. Die „AfD“ hat Zeit und Mandate auf ihrer Seite. Das „BSW“ hat eine Schlüsselposition, aber keine klare Strategie. Die „CDU“ hat Haltung, aber keine Macht. Und der Rest schaut zu. Wer die Demokratie nicht durch das Ergebnis der Wahl verloren geben will, muss jetzt genau hinschauen: nicht auf das Ergebnis vom 6. September 2026, sondern auf das, was in den kommenden Wochen im Landtag passiert. Denn dort entscheidet sich, ob Sachsen-Anhalt ein Warnsignal bleibt — oder ein Modell wird.
Verfolgen Sie die Entwicklung auf diesem Blog. Und wenn Sie verstehen wollen, wie die „AfD“ ihre Rhetorik einsetzt, lesen Sie hier weiter: Wie völkisch ist der AfD-Bundesvorstand wirklich?
Alle Fakten selbst nachprüfbar — wie es sich gehört.
Correctiv: Sachsen-Anhalt — Szenarien nach der Wahl (07.09.2026) [Abruf: 09.09.2026]
didicologne-nachgehakt.de: Wahlnacht in Sachsen-Anhalt — das Ergebnis und was es bedeutet
didicologne-nachgehakt.de: Merz und der Spaltungsversuch — eine Analyse
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