AfD Spritpreise Faktencheck – Wer rechnet hier wem was vor?
AfD Spritpreise Faktencheck
Tanken tut weh. Über zwei Euro pro Liter, Diesel auf Allzeithoch, und die Zapfsäule fühlt sich an wie ein Bankautomat mit Schlauch. In diese offene Wunde legt die AfD bei ihrer Klausurtagung in Cottbus den Finger – und verspricht Heilung durch Steuersenkung und Streichung der CO2-Abgabe. Das klingt nach Sofortprogramm. Die Frage ist nur: Stimmt die Diagnose, und passt die Therapie?
Weiterlesen: AfD Spritpreise Faktencheck – Wer rechnet hier wem was vor?Pikantes Detail am Rande: Noch bevor die Tinte auf dem AfD-Positionspapier trocken war, hat die schwarz-rote Bundesregierung am 13. April 2026 selbst eine befristete Senkung der Energiesteuer um 17 Cent pro Liter beschlossen. Die AfD fordert also lautstark etwas, das die Regierung parallel bereits umsetzt – nur eben nicht laut genug für die eigene Inszenierung.
Was behauptet wird – Die Forderungen im Original
Die AfD-Bundestagsfraktion hat in Cottbus vom 10. bis 12. April 2026 zwei Positionspapiere verabschiedet. Im Kern steht die Behauptung, der Staat kassiere beim Sprit ab und die Bürger müssten entlastet werden. Konkret fordert die Fraktion: Senkung der Energiesteuer, ersatzlose Streichung der CO2-Abgabe auf Kraftstoffe, Rückkehr zur Kernkraft, Wiederinbetriebnahme von Nord Stream für russisches Gas, Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und kein Verbrenner-Verbot. Co-Parteichef Tino Chrupalla erklärte, den „Übergewinn“ nehme aktuell der Staat ein, und der Finanzminister müsse diesen zurückgeben. Parteichefin Alice Weidel warf der Regierung Untätigkeit vor.

Was die Daten wirklich sagen – Der harte Faktencheck
Dass Sprit teuer ist, steht außer Frage. Aber wer ist schuld – und was würde die AfD-Forderung tatsächlich bringen? Hier die Fakten, einzeln aufgedröselt.
Wie hoch sind die Spritpreise wirklich?
Am 6. April 2026 kostete ein Liter Super E5 im Tagesdurchschnitt 2,24 Euro. Am Ostermontag erreichte E10 mit 2,192 Euro den höchsten Stand des Jahres – nur noch ein Cent unter dem Allzeitrekord von März 2022. Diesel schlug mit zeitweise über 2,44 Euro pro Liter ein neues Allzeithoch. Seit Monatsbeginn April verzeichneten Benzinpreise einen Anstieg von rund 34 Cent pro Liter, Diesel sogar um 57 Cent.
Haupttreiber ist nicht der deutsche Staat, sondern der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus, durch die normalerweise rund 20 Prozent des globalen Rohöls fließen. Als am 7. April eine zweiwöchige Waffenruhe verkündet wurde, gaben die Ölpreise sofort nach. Das zeigt: Der Preisdruck kommt vom Weltmarkt, nicht vom Finanzamt.
Wie viel vom Spritpreis ist wirklich Steuer?
Hier wird es spannend – und hier beginnt die Mogelei.
| Bestandteil | Benzin (Super E10) | Diesel |
| Energiesteuer (fest seit 2003) | 65,45 Cent/Liter | 47,04 Cent/Liter |
| CO2-Abgabe (2026, max.) | ca. 18,6 Cent/Liter | ca. 20,7 Cent/Liter |
| Mehrwertsteuer (19 %) | variabel, ca. 33–40 Cent | variabel, ca. 35–42 Cent |
| Rohstoff, Transport, Marge | Rest (aktuell ca. 95 Cent bei E10) | Rest |
| Steuer- und Abgabenanteil gesamt | ca. 54 % (Anfang April 2026) | ca. 43 % |
Zum Vergleich: Im Jahresmittel 2025 lag der Steueranteil bei Benzin noch bei rund 64 Prozent. Dass er im April 2026 auf 54 Prozent gefallen ist, zeigt paradoxerweise, dass die Preise nicht wegen höherer Steuern steigen – sondern weil der Rohstoff- und Margenanteil explodiert ist. Je teurer der Rohölpreis, desto kleiner wird der prozentuale Staatsanteil. Die Steuern bleiben nämlich weitgehend fix.
Update 15.04.2026 – Ergänzung nach Leser-Feedback: Mehrere Leser haben zu Recht auf eine Lücke im Artikel hingewiesen: die Rolle der Mehrwertsteuer. Die MwSt von 19 Prozent wird auf den gesamten Literpreis erhoben – inklusive Energiesteuer und CO2-Abgabe. Es ist buchstäblich Steuer auf Steuer. Und sie hat einen Effekt, den keine Partei gerne anspricht: Je höher der Literpreis, desto mehr verdient der Staat automatisch mit – ohne irgendetwas beschließen zu müssen. Bei einem Literpreis von 1,60 Euro Anfang 2025 fielen rund 26 Cent Mehrwertsteuer an. Bei 2,30 Euro sind es knapp 37 Cent – also 11 Cent mehr pro Liter, die der Staat allein durch die Preissteigerung zusätzlich einnimmt. Die angekündigte Entlastung von 17 Cent durch die Energiesteuer-Senkung relativiert sich damit erheblich: Ein Teil davon gibt lediglich zurück, was der Staat über die gestiegene Mehrwertsteuer ohnehin mehr eingenommen hat. Und die Tabaksteuer-Erhöhung zur Gegenfinanzierung? Die wird nach den zwei Monaten garantiert nicht zurückgenommen.
Auch der EU-Vergleich fehlte: In Spanien lag der Benzinpreis Anfang April bei 1,57 Euro pro Liter – fast 70 Cent weniger als in Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt waren am 6. April nur die Niederlande und Dänemark noch teurer. Der Hauptgrund ist die deutlich niedrigere Energiesteuer in Spanien. Deutschland hat eine der höchsten Abgabenlasten auf Kraftstoff in der gesamten EU – das gehört zur ehrlichen Bestandsaufnahme dazu.
Update 15.04.2026
Was bringt die Streichung der CO2-Abgabe?
Die CO2-Abgabe liegt 2026 in einem Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2. Laut Bundesumweltministerium bedeutet das eine Preissteigerung von maximal etwa drei Cent pro Liter gegenüber 2025. Insgesamt macht die CO2-Abgabe rund 17 bis 19 Cent pro Liter Benzin aus – seit ihrer Einführung 2021 kumuliert.
Das heißt konkret: Wer die CO2-Abgabe komplett streicht, spart rund 18 Cent pro Liter Benzin. Klingt ordentlich – ist aber bei einem Preis von 2,10 Euro weniger als neun Prozent. In absoluten Zahlen: Bei einem Literpreis von 2,30 Euro sind neun Prozent rund 21 Cent – bei einer 50-Liter-Tankfüllung also gut 10 Euro. Für Pendler, die wöchentlich tanken, ist das über 500 Euro im Jahr. Der prozentuale Anteil klingt klein, die Summe am Monatsende nicht. Und die Frage, was mit den rund zehn Milliarden Euro Einnahmen passiert, die daraus in den Klima- und Transformationsfonds fließen, beantwortet die AfD mit dem Schlagwort „klimaideologische Projekte streichen“. Das ist ein politischer Slogan, keine Haushaltsrechnung.
„Den Übergewinn nimmt aktuell der Staat ein“ – klingt nach Empörung, ist aber keine Rechnung. Es ist ein politischer Kurzschluss mit Tankstellenkulisse.
Das Timing-Problem – Die Regierung war schneller
Hier wird es für die AfD richtig unangenehm. Am 13. April 2026 – einen Tag nach dem Ende der AfD-Klausur – hat die schwarz-rote Koalition ein Energie-Sofortprogramm beschlossen. Kernpunkt: Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel wird für zwei Monate um jeweils rund 17 Cent brutto pro Liter gesenkt. Volumen: 1,6 Milliarden Euro. Die Gegenfinanzierung soll über kartellrechtliche Maßnahmen gegenüber der Mineralölwirtschaft und eine Erhöhung der Tabaksteuer laufen.
Man muss das sacken lassen: Die AfD fordert auf einer Klausurtagung eine Senkung der Energiesteuer. Die Bundesregierung beschließt parallel genau das – mit konkretem Volumen, konkretem Zeitrahmen und konkreter Gegenfinanzierung. Die AfD-Forderung ist also keine Oppositionsarbeit, sondern ein Trittbrettfahrer-Manöver mit Verspätung.
Ob der Tankrabatt 2.0 funktioniert, ist eine andere Frage. Schon 2022 kam beim Tankrabatt der Ampel-Koalition ein erheblicher Teil nicht bei den Verbrauchern an, sondern verschwand in den Margen der Mineralölkonzerne. Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer nannte die aktuelle Maßnahme denn auch die „schlechteste aller bisher diskutierten Optionen“. Der ADAC fordert, die 17 Cent müssten sich vollständig an den Zapfsäulen niederschlagen.
Warum das Framing der AfD irreführend ist
Der Trick funktioniert in drei Schritten. Erstens: Man nimmt ein reales Problem – Sprit ist teuer – und baut daraus ein Totalurteil gegen den Staat. Zweitens: Man markiert die CO2-Abgabe als Hauptschuldigen, obwohl sie bei 2,10 Euro pro Liter weniger als neun Prozent des Preises ausmacht und der eigentliche Preistreiber der Iran-Krieg und die Weltmarktlage sind. Drittens: Man verpackt eine Reihe alter Forderungen – Atomkraft, russisches Gas, keine erneuerbaren Energien – als frischen Aufbruch und hofft, dass niemand nachrechnet.
Was die AfD verschweigt: Der Steueranteil am Spritpreis ist seit 2025 prozentual gesunken, weil die Marktpreise durch die Iran-Krise so stark gestiegen sind. Die Steuersätze selbst (Energiesteuer auf Benzin: 65,45 Cent) sind seit 2003 unverändert. Die CO2-Abgabe stieg 2026 um maximal drei Cent gegenüber dem Vorjahr. Wer also behauptet, „der Staat“ sei schuld an den aktuellen Rekordpreisen, verwechselt Ursache und Wirkung – oder tut es absichtlich.
Dazu passt ein weiteres Detail: Die AfD verweist auf „explodierende Energiepreise“ als Krisensymptom, schlägt als Lösung aber die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream vor – einer Pipeline, deren Nutzung Deutschland noch abhängiger von russischem Gas machen würde. In einer Phase, in der geopolitische Abhängigkeiten gerade den Spritpreis hochtreiben, klingt das weniger nach Lösung und mehr nach dem Versuch, den Bock zum Gärtner zu machen.
Die Einordnung – Der Unparteilichkeits-Check
Der Vorwurf hier lautet nicht, dass Entlastung an der Tankstelle falsch wäre. Die Frage ist, ob die AfD ihre eigene Wunschpolitik seriös begründet oder den Frust der Autofahrer mit einfachen Feindbildern einsammelt. Und genau denselben Maßstab legen wir an alle Lager an: Die Regierung beschließt einen Tankrabatt 2.0 mit zweifelhafter Erfolgsbilanz beim letzten Versuch und lässt die Frage offen, wie die Mineralölkonzerne zur Weitergabe gezwungen werden sollen. Die Grünen, die 2022 den Tankrabatt noch mitbeschlossen hatten, kritisieren ihn jetzt. Und die Wirtschaftsweisen halten die gesamte Maßnahme für die schlechteste aller Optionen.
So haben wir geprüft: Grundlage waren die dpa-basierte Berichterstattung über die Cottbuser Klausurtagung (ZDF, n-tv, Tagesspiegel), die offizielle Mitteilung der AfD-Bundestagsfraktion, die Positionspapiere der Fraktion, der Beschluss des Koalitionsausschusses vom 12./13. April 2026 (Bundesfinanzministerium), die aktuellen Preis- und Steuerdaten des ADAC, des Statistischen Bundesamts, die Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums zum CO2-Preis 2026 sowie die Zusammensetzung des Benzinpreises nach Angaben der Sparkasse und des ADAC. Entscheidend war die Frage, ob die politische Botschaft durch Zahlen gedeckt ist – oder nur durch Wiederholung.
Fazit – Was bleibt
Die AfD inszeniert ihre Forderung nach Streichung der CO2-Abgabe und Senkung der Energiesteuer als politischen Befreiungsschlag für Autofahrer. In Wahrheit liefert sie ein Paket aus bereits bekannten Forderungen ohne belastbare Gegenfinanzierung – und mit einem Timing, das sie selbst vorführt, weil die Regierung einen Tag später genau die Steuersenkung beschließt, die die AfD als eigene Idee verkauft.
Wer beim Tanken echte Entlastung will, braucht mehr als Empörung über Abgaben und Schlagworte über „klimaideologische Projekte“. Er braucht saubere Zahlen, eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Weltmarktgeschehen – und die Frage, warum die Mineralölkonzerne ihre Margen ausweiten, während die Politik sich gegenseitig die Schuld zuschiebt.
Ein Weiterer Artikel zum Thema AFD und Spritpreise ist hier zu finden:
Entlastung ja. Märchenrechnung nein. Und wer einen Tag zu spät kommt, sollte wenigstens die bessere Idee haben.
Quellen
ZDFheute: AfD-Klausur: Konsens bei Wirtschaft, Schweigen bei Außenpolitik – (abgerufen am 14.04.2026)
ZDFheute: Klausurtagung in Cottbus: AfD-Fraktion will Senkung der Energiesteuer – (abgerufen am 14.04.2026)
dpa-AFX / finanznachrichten.de: Bundestags-AfD fordert Sofortprogramm zur Entlastung – (abgerufen am 14.04.2026)
AfD-Bundestagsfraktion: Klausurtagung Cottbus – (abgerufen am 14.04.2026)
Statistisches Bundesamt: Europa Benzinpreise im EU-Vergleich 2026 – (abgerufen am 14.04.2026)
ADAC: Aktuelle Spritpreise https://www.adac.de/news/aktueller-spritpreis/– (abgerufen am 14.04.2026)
ADAC: CO₂-Steuer: Was der Anstieg für Autofahrer bedeutet – (abgerufen am 14.04.2026)
ADAC Presse: Dieselpreis springt auf neues Allzeithoch – (abgerufen am 14.04.2026)
Bundesumweltministerium: Ab 2026: Entlastungen für Verbraucherinnen und Verbraucher trotz steigender CO2-Preise – (Abgerufen am 14.04.2026)
Bundesfinanzministerium: Energie-Sofortprogramm und Entlastungsprämie – (abgerufen am 14.04.2026)
ZDFheute: Mineralölsteuer, Krisen-Bonus und Co.: Welche Entlastungen die Koalition beschlossen hat – (abgerufen am 14.04.2026)
ZDFheute: Senkung der Energiesteuer: Drei Erkenntnisse – (abgerufen am 14.04.2026)
ZDFheute: Benzin und Diesel: So setzt sich der Spritpreis zusammen – https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/spritpreis-aktuell-kosten-tankstelle-100.html(abgerufen am 14.04.2026)
Sparkasse: Darum steigen die Spritpreise jetzt deutlich – (abgerufen am 14.04.2026)
t-online: Entlastung für Autofahrer: So hoch ist die Energiesteuer – (abgerufen am 14.04.2026)
Tagesspiegel: Tankrabatt und Krisenprämie – (abgerufen am 14.04.2026)
LHM Energiesteuer: Energiesteuer (ehem: Mineralölsteuer) 2026 – (abgerufen am 14.04.2026)
