„Spaltungsversuch von außen“: Warum Merz’ Abwehrstrategie ihn teurer zu stehen kommt als die Niederlage
7. September 2026
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Einordnung: Die „CDU“ hat in Sachsen-Anhalt 19,9 Prozentpunkte verloren. Bundeskanzler Friedrich Merz hat dazu am Wahlabend nichts gesagt. Was er stattdessen gesagt hat — nämlich, dass Fragen nach seiner Zukunft ein „Spaltungsversuch von außen“ seien — sagt mehr über sein Kommunikationsproblem als über externe Gegner. Systemische Therapeutin Britta Papay und Coach Günther Mohr haben das Muster bereits beschrieben. Es hat einen Namen. Und es ist gefährlicher als eine verlorene Wahl.
Was als Analyse des Kanzlers beginnt, endet als Analyse eines Systems, das Machterhalt über Staatsraison stellt — und damit den Boden bereitet, auf dem die „AfD“ gedeiht. Nicht trotz der Fehler der anderen. Durch sie.
Das Zitat, das alles erklärt
„Nein. Da wird von außen versucht, einen Keil in die Union zu treiben.“
So antwortete Merz auf die Frage, ob er nach möglichen Niederlagen bei den Landtagswahlen um sein Amt fürchte. Sachsen-Anhalt hat diese Frage inzwischen beantwortet: Die „CDU“ fuhr ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein — 17,2 Prozent. Der Kanzler schwieg. Die Generalsekretärin sprach von einem „schwerem Ergebnis“. Merz selbst: nichts.
Wer nach einer Wahlnacht, in der die eigene Partei halbiert wird, auf frühere Fragen mit „Spaltungsversuch von außen“ geantwortet hat, zeigt damit etwas Aufschlussreiches: nicht Stärke, sondern ein Abwehrmuster, das Selbstreflexion systematisch verhindert.
Ein Muster, das Experten beschrieben haben
Das ist keine Ferndiagnose aus dem Bauch. Systemische Therapeutin Britta Papay, Autorin eines Buchs über verkappte Narzissten, hat gegenüber der Frankfurter Rundschau bereits im März 2025 das Muster benannt: „Wer jetzt Friedrich Merz diese Lügen vor die Nase hält, dem wird die eigene Wahrnehmung abgesprochen.“ Das sei typisch für narzisstische Abwehr — Kritik werde nicht als Signal verarbeitet, sondern als Angriff auf die eigene Person umgedeutet.
Günther Mohr vom Institut für Coaching, Training und Consulting hat Trump und Merz im Februar 2025 explizit verglichen: Narzisstische Muster zeigten sich darin, sich als Macher darzustellen, auch wenn man sehenden Auges in eine Niederlage gehe. Mohr schrieb das, bevor Sachsen-Anhalt das Bild vollendete.
Die Formulierung „Spaltungsversuch von außen“ ist ein Lehrbuchbeispiel dieser Dynamik. Indem Merz die Kritik an seiner Führung als von außen gesteuert erklärt, entlastet er sich von jeder Mitverantwortung. Das Problem sind nicht seine Entscheidungen — das Problem sind böswillige Akteure. Wer das glaubt, muss sich nicht ändern. Wer sich nicht ändert, macht dieselben Fehler.
Die Zahlen, die er nicht kommentiert
75 bis 85 Prozent der Befragten sind laut ZDF-Politbarometer mit Merz’ Arbeit unzufrieden. 80 Prozent glauben nicht an eine Trendwende. 80 Prozent sehen die „CDU“ nicht geschlossen hinter ihm. CDU-Generalsekretär Linnemann warnte intern vor einer Austrittswelle von bis zu 50.000 Mitgliedern.
Das sind keine Zahlen, die ein Problem „von außen“ beschreiben. Das sind Zahlen, die ein Problem von innen beschreiben. Merz’ Reaktion darauf — Schweigen oder Externalisierung — zeigt, dass er diese Unterscheidung nicht macht. Oder nicht machen will.

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Der eigentliche Spaltungsversuch
Merz beklagt Spaltung. Aber wer spaltet hier eigentlich wen?
Sparmaßnahmen, die unten treffen und oben schonen. Eine Sozialpolitik, die das Bürgergeld in Grundsicherung umbenennt, ohne die Substanz zu verändern — anderes Etikett, gleiche Realität. Lobbyarbeit, die ungерührt weiterläuft, während soziale Leistungen beschnitten werden. Das sind keine rhetorischen Manöver — das sind materielle Entscheidungen, die den Souverän des Staates in Lager teilen: in die, denen es gleichgültig ist, und in die, die es täglich spüren.
Und genau dieses Lager — die, die es spüren — ist das Rekrutierungsfeld der „AfD“. Die Partei erfindet die Ressentiments nicht. Sie erntet, was andere gesät haben. Das „Ihr da unten“-Narrativ der „AfD“ funktioniert nur deshalb, weil es für einen wachsenden Teil der Bevölkerung keine Projektion ist. Nicht gefühlt wahr — tatsächlich wahr.
Wer also den Souverän durch Klassenpolitik teilt und gleichzeitig Kritiker als Spalter bezeichnet, betreibt etwas, das in der politischen Psychologie einen eigenen Namen hat: Projektion. Man benennt beim anderen, was man selbst tut — und verhindert damit, es bei sich sehen zu müssen.
Das ist nicht nur analytisch interessant. Es ist demokratiepolitisch gefährlich. Eine Demokratie, in der der Kanzler die materiellen Bedingungen schafft, unter denen autoritäre Parteien wachsen, und gleichzeitig jeden Hinweis darauf als Angriff von außen wertet — diese Demokratie verliert ihre Korrekturfähigkeit.
Das kollektive Zögern — oder: Wie man einen Zug verpasst
Merz ist nicht allein. Er steht für ein Muster, das alle Fraktionen im Bundestag teilen: das Zögern als politische Grundhaltung.
Es gab starke Hinweise, dass ein Verbotsverfahren gegen die „AfD“ vor dem Bundesverfassungsgericht Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Der Verfassungsschutz hatte Teile der Partei als gesichert rechtsextrem eingestuft. Juristische Gutachten wurden beauftragt, Debatten geführt, Anträge formuliert — und dann: nichts. Keine der drei verfassungsrechtlich zuständigen Institutionen — Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung — hat den Schritt gewagt. Man versteckte sich hinter dem Argument, ein Scheitern des Verfahrens könnte die „AfD“ stärken. Diese Promille Risiko war offenbar größer als die Gewissheit, die man jetzt hat.
Jetzt sitzt die „AfD“ in einem Landtag — mit einer Mehrheit, die ihr das „BSW“ auf dem Silbertablett serviert. Der Teufel im Weihwasserbecken der „CDU“, und die schaut dumm, weil sie die Brandmauer nach links UND nach rechts gebaut hat und nun feststellt: Sie hat sich selbst eingemauert.
Das ist keine Tragödie des Schicksals. Das ist die Konsequenz einer politischen Klasse, die Machterhalt über Staatsraison stellt. Mandate, Diäten, Fraktionsstatus, Koalitionsarithmetik — das sind die wirklichen Parameter der Entscheidung, nicht das Wohl des Landes. Das Verbotsverfahren hätte Courage erfordert. Courage ist in deutschen Parlamenten gerade Mangelware.
Was über Jahre verdrängt, kleingeredet und aus taktischen Gründen nicht angefasst wurde, sitzt heute in Magdeburg und nennt MDR-Kündigung seinen Punkt eins. Und in zwei Wochen wählt Mecklenburg-Vorpommern.
Kohl, Schröder, Merkel — und was sie anders machten
Es gab Kanzler mit tiefen Umfragetälern. Kohl in den späten Achtzigern. Schröder nach Hartz IV. Merkel in der Eurokrise. Keiner von ihnen hat auf schlechte Umfragewerte mit dem Hinweis auf externe Spaltungsversuche reagiert. Sie haben — manchmal spät, manchmal halbherzig, aber doch — Fehler eingeräumt, Kurs korrigiert, kommuniziert.
Merz tut das nicht. Er ersetzt Fehleranalyse durch Feindbildkonstruktion. Und er hat — das ist das eigentliche Problem — in der „CDU“ bisher niemanden, der ihn dabei ernsthaft korrigiert. Wer ihn korrigieren könnte, hat Angst um seinen Platz. Wer keine Angst hat, schaut weg. Das System schützt sich selbst — auf Kosten des Landes.
In 13 Tagen — und was das bedeutet
Am 20. September 2026 wählen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die „AfD“ im Wahltrend bei 35,9 Prozent. Die „CDU“: 9 Prozent. Einstellig. Das Sachsen-Anhalt-Ergebnis gibt der „AfD“ Rückenwind, den sie dorthin mitnimmt.
Wenn die „CDU“ in Mecklenburg-Vorpommern zweistellig bleiben will, braucht sie einen Kanzler, der nach Sachsen-Anhalt eine ehrliche Analyse liefert — keine Sprachregelung. Was sie stattdessen hat, ist ein Kanzler, der Schweigen für Stärke hält und Abwehr für Strategie. Das kann noch teurer werden. Teurer als Sachsen-Anhalt.
Was bleibt: „Spaltungsversuch von außen“ ist kein politisches Argument. Es ist ein Abwehrmechanismus. Experten haben ihn beschrieben, die Zahlen belegen ihn, die Wahlergebnisse bestätigen ihn. Wer sich nicht irren kann, kann sich nicht verbessern. Wer den Souverän durch Politik spaltet und gleichzeitig andere der Spaltung bezichtigt, verliert irgendwann die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren. Und eine Demokratie, die ihre Korrekturfähigkeit verliert, ist kein Sturm im Wasserglas mehr. Sie ist in Gefahr. Wenn dir diese Einordnung wichtig ist — folg mir, damit du bei der nächsten Wahlnacht sofort Bescheid weißt. Teilen ausdrücklich erwünscht.
Alle Fakten selbst nachprüfbar — wie es sich gehört.
Günther Mohr: Trump und Merz — Narzissmus in der Politik (Februar 2025, Abruf: 07.09.2026)
n-tv: Vorläufiges Ergebnis — AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt (07.09.2026)
politpro.eu: Wahltrend Mecklenburg-Vorpommern (Stand 06.09.2026, Abruf: 07.09.2026)
didicologne-nachgehakt.de: AfD-Verbotsverfahren — was Juristen sagen (Abruf: 07.09.2026)
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