Wenn Gegenproteste der „AfD“ nützen
Beim „AfD“-Bundesparteitag in Erfurt wurden Journalisten körperlich angegriffen. Ein Linksaußen-Bündnis verweigerte jede Verurteilung. Das ist kein Kavaliersdelikt — es ist ein Geschenk an die Partei, die man zu bekämpfen vorgibt.
Ein Kommentar von Hans-Dieter Nichau
Zehntausende Menschen sind am 4. Juli 2026 nach Erfurt gekommen, um gegen den Bundesparteitag der „AfD“ zu demonstrieren. Das war ihr gutes Recht — und in weiten Teilen ein beeindruckendes Zeichen demokratischer Zivilgesellschaft. Die Polizei zählte rund 31.000 Teilnehmende, meldete 48 Straftaten und 11 Ordnungswidrigkeiten. Für eine Veranstaltung dieser Größe: eine ernüchternd niedrige Zahl. Der überwiegende Teil der Demonstrantinnen und Demonstranten hat sich nichts zuschulden kommen lassen.
Und trotzdem hinterlässt Erfurt einen bitteren Nachgeschmack. Nicht wegen der „AfD“ — die hat geliefert, was sie immer liefert. Sondern wegen derer, die gegen sie auf der Straße standen.
Was in Erfurt wirklich passierte
Während Tausende friedlich demonstrierten, wurden am Rande der Proteste mehrere Journalisten körperlich angegriffen. Betroffen waren Reporter des Portals „Apollo News“ sowie Journalisten der „Jungen Freiheit“: beschimpft, verfolgt, getreten — ein Journalist erlitt eine schwere Kopfplatzwunde.
Zur Einordnung: „Apollo News“ und „Junge Freiheit“ sind politisch rechts positionierte Medien. Das ist bekannt, das darf man kritisieren, und das ändert genau nichts an der Schwere dieser Vorfälle. Pressefreiheit gilt nicht nur für Medien, die einem genehm sind. Sie gilt für alle — oder sie gilt für niemanden. Das ist kein Grundsatz von links oder rechts. Das ist Verfassungsartikel 5.
Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. Gut so.
Der Satz, der alles zusammenfasst
Nach dem Parteitag trat Noa Sander vom Bündnis „Widersetzen“ vor die Kameras. Die Frage, ob man die Angriffe auf Journalisten verurteile, beantwortete er sinngemäß so: „Faschisten mit Presseausweis sind immer noch Faschisten.“ Anschließend wurden Journalisten der Pressekonferenz verwiesen.
Man muss sich das einen Moment setzen lassen.
Ein Bündnis, das für sich in Anspruch nimmt, die Demokratie zu verteidigen, rechtfertigt öffentlich Gewalt gegen Journalisten — und schließt die Presse dann von seiner Pressekonferenz aus. Wenn das die Demokratie ist, die man verteidigt, sollte man dringend über die eigene Methodik nachdenken.
Pressefreiheit gilt auch für Unbequeme
Es ist nicht neu, dass Teile der radikalen Linken Journalisten bestimmter Medien als legitime Ziele betrachten. Es ist nicht neu, dass Gewalt gegen politische Gegner mit Etiketten wie „Faschist“ gerechtfertigt wird. Neu ist, wie offen das in Erfurt gesagt wurde — und wie wenig Widerspruch es im eigenen Lager gab.
Wer Pressefreiheit nur für die richtigen Medien will, will keine Pressefreiheit. Wer Gewalt gegen Journalisten mit deren politischer Ausrichtung begründet, gibt der „AfD“ das beste Argument, das sie haben kann: Schaut her, die anderen sind genauso schlimm.
Das stimmt nicht. Aber es klingt für viele überzeugend — und das reicht der „AfD“ vollkommen aus.
Warum das der „AfD“ nützt — und wem es noch schaden könnte
Die „AfD“ hat aus Erfurt mitgenommen, was sie gesucht hat: Bilder von Blockaden, angegriffenen Journalisten — und einen O-Ton, der sich für den nächsten Wahlkampfspot kaum besser schreiben ließe. Alice Weidel sprach im ZDF pauschal von „gewalttätigen“ Protesten. Das ist eine Übertreibung — aber eine, für die ihr die Gegenproteste selbst die Steilvorlage geliefert haben.
Hinzu kommt ein Aspekt, der erst in einigen Wochen messbar sein wird: Ob die Bilder aus Erfurt der „Linken“ in Sachsen-Anhalt geschadet haben. Linken-Abgeordnete beteiligten sich aktiv an Sitzblockaden, der Thüringer Landesverband hatte ausdrücklich zur Teilnahme aufgerufen. In der Wählergruppe, die „Die Linke“ in Sachsen-Anhalt dringend braucht — ältere Ostdeutsche, Gewerkschaftsnahe, sozial Verunsicherte — dürften die Bilder vom Wochenende kaum Begeisterung ausgelöst haben. Das ist eine naheliegende Einschätzung, kein belegter Befund. Die nächste Umfrage wird zeigen, ob sich das in Zahlen niederschlägt.
Was hätte es gebraucht
Klare Haltung von Anfang an: Wir demonstrieren. Wir blockieren nicht. Wir greifen keine Journalisten an — unabhängig davon, für wen sie schreiben. Wer das nicht einhält, gehört nicht zu uns.
Stattdessen erklärte der Sprecher eines beteiligten Bündnisses, „ziviler Ungehorsam“ sei gegenüber einer faschistischen Partei gerechtfertigt. Mag sein. Aber Körperverletzung ist kein ziviler Ungehorsam. Und wer das nicht unterscheidet, hat die Kontrolle über seine Botschaft verloren.
Die „AfD“ wurde in Erfurt nicht geschwächt. Sie wurde gestärkt — nicht durch das, was auf ihrem Parteitag beschlossen wurde, sondern durch das, was auf der Straße davor passiert ist.
Demokratie verteidigt man nicht mit den Methoden derer, die man bekämpft. Das ist kein moralischer Luxus — das ist politische Vernunft. Wer die „AfD“ wirksam bekämpfen will, muss ihr das nehmen, was sie am dringendsten braucht: die Opferrolle. Erfurt hat ihr diese Rolle auf dem Silbertablett serviert.
Wer verstehen will, wie Populisten Empörung systematisch als Waffe einsetzen, findet hier die Grundlagen: Populismus erkennen: Die Tricks der Manipulation
Wer nachlesen will, bitte sehr. Alles öffentlich zugänglich.
- Euronews: Linksaußen-Bündnis rechtfertigt Gewalt zum AfD-Parteitag (05.07.2026)
- ZDF heute: AfD-Parteitag Erfurt – Chrupalla und Weidel wiedergewählt (04.07.2026)
- Berliner Zeitung: Weidel vs. Hayali – Schlagabtausch im ZDF (05.07.2026)
- taz: AfD-Parteitag in Erfurt endet (06.07.2026)
- PolitPro: Wahltrend Sachsen-Anhalt, Stand 05.07.2026
