Trauer als Wahlkampfmunition: Wie die „AfD“ den CSD-Anschlag verwertet
26. Juli 2026
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Einordnung: Beim Berliner CSD wurde am Abend des 25. Juli 2026 eine Frau getötet und 16 weitere Menschen verletzt. Die Ermittlungen laufen, der Tatverдächtige ist noch flüchtig. Noch bevor ein Urteil gesprochen ist, hat die „AfD“ das Ereignis eingerahmt, verarbeitet und als Wahlkampfargument platziert — 41 Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dieser Artikel dokumentiert das Reaktionsmuster und zeigt, was dabei systematisch ausgeblendet wird.
Hunderttausende feierten am Samstag friedlich den Berliner CSD — eine der größten Demonstrationen für LGBTQ+-Rechte in Europa. Gegen 22 Uhr fuhr ein weißes Fahrzeug im Bereich der Lennéstraße am Großen Tiergarten in eine Menschenmenge. Eine Frau verlor ihr Leben noch am Tatort. 16 weitere Menschen wurden verletzt, drei davon lebensgefährlich, acht schwer. Die Berliner Polizei identifizierte einen 21-jährigen Tatverдächtigen — polizeibekannt, der islamistischen Szene zugerechnet, erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen. Er ist flüchtig. Die „AfD“ hat ihre Reaktion bereits geliefert.
Was wir wissen — und was noch unklar ist
Die gesicherte Faktenlage laut Berliner Polizei und Tagesspiegel vom heutigen (26. Juli 2026) Morgen: Ein weißes Fahrzeug fuhr am Samstagabend gegen 22 Uhr auf Höhe der Lennéstraße im Großen Tiergarten in eine Menschenmenge. Das Fahrzeug kollidierte anschließend mit einem Baum. Der Fahrer verließ das Fahrzeug und flüchtete, nach Zeugenberichten möglicherweise mit einer Stichwaffe bewaffnet. Ob es einen oder mehrere Täter gab, ist Gegenstand laufender Ermittlungen. Der CSD wurde um 22:15 Uhr abgebrochen.
Die Polizei identifizierte als mutmaßlichen Tatverдächtigen einen 21-jährigen Mann. Abdul B. ist laut Polizeisprecher Florian Nath polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet. Er wurde erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen. Eine Festnahme steht noch aus, die Fahndung läuft bundesweit. Kanzler Merz erklärte die Tat zu einem „Angriff auf unsere Gesellschaft“.
Was zu diesem Zeitpunkt nicht gesichert ist: das genaue Tatmotiv, ein möglicher IS-Bezug, mögliche Mittäter. Wer jetzt mit vollständigen Antworten auf dem Markt ist, hat sie erfunden.
Das Reaktionsmuster: Drei Wegweiser — und einer fehlt

Was nach islamistisch motivierten Anschlägen in sozialen Netzwerken und auf rechten Medienkanälen folgt, ist kein spontaner Aufschrei. Es ist ein eingelübtes Kommunikationsmuster — und es griff auch diesmal innerhalb von Stunden.
Erstens der Name. Der Vorname des Tatverдächtigen wird so früh und so oft wie möglich verbreitet — nicht zur Information, sondern zur Rahmung. Der Name soll eine Herkunft signalisieren, bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind.
Zweitens die Kausalität. Was die Ermittlungen noch klären, wird bereits als gesichert kommuniziert: Migrationsversagen, Willkommenskultur, offene Grenzen. Die Schlussfolgerung steht vor dem Befund.
Drittens der Reflex: „Wir haben es gesagt.“ Jeder islamistisch motivierte Anschlag wird als nachträgliche Bestätigung der eigenen Migrationspolitik geframed. Dass diese Gleichung nicht aufgeht, spielt keine Rolle.
Was in diesem Schema fehlt: Dass die Opfer queere Menschen und ihre Verbündeten waren — also genau die Gruppe, die die „AfD“ seit Jahren politisch abwertet, in Wahlprogrammen marginalisiert und in Debatten zum Gegenstand von Häme macht. Dass am CSD Menschen für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind. Und dass ein Attänter genau diesen Ort als Ziel gewählt hat.
Tritschler und die doppelte Botschaft
Sven Tritschler, Landtagsabgeordneter der „AfD“ in Nordrhein-Westfalen, veröffentlichte noch in der Nacht eine Stellungnahme. Tritschler bezeichnet sich selbst als schwul — was seiner Aussage einen besonderen Anstrich geben soll. In der Konstruktion ist sie symptomatisch.
Er verurteile den Anschlag, schrieb Tritschler. Das Recht, für alles auf die Straße zu gehen, gelte auch für „die falschen Dinge“. Dann folgt die entscheidende Wendung: Das „Gift des Islamismus“ stelle diese Grundsüberzeugungen infrage — und die „falsche Toleranz“, die gleichermaßen den Islamismus ins Land geholt und den CSD zu einer Art „Gottesdienst“ erhoben habe, trage dafür Mitverantwortung.
Die Botschaft ist präzise konstruiert: Mitgefühl mit den Opfern — und gleichzeitig die Behauptung, dass der CSD selbst Ausdruck einer „falsche Toleranz“ sei, die den Islamismus erst ermöglicht habe. Migration und queere Sichtbarkeit werden in einen Topf geworfen und gemeinsam als Ursache des Anschlags benannt. Die Tat wird nicht nur als Verbrechen behandelt. Sie wird als Quittung gerahmt.
Das ist keine Solidarität. Das ist Instrumentalisierung — mit persönlichem Anstrich.
Parteivorsitzende Alice Weidel äußerte sich auf X in wenigen Sätzen: Sie schilderte die Tatdetails sachlich und erklärte, ihre Gedanken seien bei den Opfern und Hinterbliebenen. Keine Migrations-Forderung, kein politischer Angriff — zumindest nicht öffentlich. Dass ausgerechnet Weidel leise bleibt, dürfte kein Zufall sein: Als lesbische Politikerin wäre ein harter Angriff auf den CSD für sie persönlich heikel.
Das offizielle Statement der AfD-Bundestagsfraktion lieferte stattdessen der innenpolitische Sprecher Martin Hess. Er sprach von einem „sicherheitspolitischen Totalversagen“ der Regierenden und forderte lückenlose Aufklärung, warum der polizeibekannte Tatverдächtige sich noch frei bewegen konnte. Und: Die „einseitige Fixierung auf den Rechtsextremismus müsse endlich beendet“ werden. Dass ausgerechnet ein CSU-Innenminister die „falsche Prioritäten“ setze, ist dabei kein unwichtiges Detail — die AfD greift auch Dobrindt an.
Berlins AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker machte die Migrationspolitik der vergangenen Jahre verantwortlich, forderte ein Ende des „politischen Kuschelkurses gegenüber gewaltbereiten Islamisten“ und zog eine direkte Linie zum Anschlag am Breitscheidplatz 2016. Konsequente Abschiebung, Ende der Massenmigration — das bekannte Repertoire, diesmal mit CSD als Kulisse.
Islamismus ist keine Migrationsfrage
Hier liegt der zentrale sachliche Fehler im „AfD“-Narrativ: Islamistischer Terror ist ein Problem religiöser Radikalisierung und Extremismus — kein automatisches Migrationsprodukt.
Der mutmaßliche Täter Abdul B. ist 21 Jahre alt und war in Berlin aufgewachsen. Er war polizeibekannt. Der Staat wusste von ihm. Er hatte eine Verurteilung hinter sich und war im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen worden — nach einem rechtsstaatlichen Verfahren. Was hier mutmaßlich versagt hat, sind Fragen der Sicherheitsarchitektur: Nachsorge nach Haftentlassung, Deradikalisierungsarbeit, Umgang mit bekannten Gefährdern aus dem islamistischen Milieu.
Diese Fragen sind legitim und dringend. Die „AfD“ stellt sie nicht. Sie stellt stattdessen eine Kausalitätskette auf, die einer Überprüfung nicht standhält: Weniger Migration hätte diesen Anschlag verhindert. Das ist sachlich falsch — und falsch in einer Weise, die es unmöglich macht, die richtigen Fragen zu stellen. Islamistischer Extremismus ist in Europa auch ein Problem unter Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Wer das ignoriert, hat keine Antwort auf das Problem. Er hat eine Wahlkampfbotschaft.
41 Tage bis zur Wahl — das Timing ist kein Zufall
Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt. Die „AfD“ liegt dort nach aktuellen Umfragen bei 41 Prozent — ohne Koalitionspartner, aber mit dem erklärten Ziel, möglichst viele Mandate zu gewinnen. Das Wahlkampfthema der „AfD“ ist und bleibt innere Sicherheit und Migration.
Ein islamistischer Anschlag in Berlin — in der heißen Phase des Wahlkampfs — kommt für die „AfD“ nicht ungelegen. Das ist keine böswillige Unterstellung, sondern politische Realität: Terroranschläge und ihre mediale Verarbeitung beeinflussen Wahlkämpfe. Und die „AfD“ reagiert darauf professionell und schnell.
Die entscheidende Frage ist: Reagiert sie mit dem Ziel, das Problem zu lösen? Kein konkreter Vorschlag zur Verbesserung der Sicherheitsarchitektur ist bislang zu hören. Kein Wort über Deradikalisierung. Kein Konzept für Nachsorge nach Jugendarrest. Stattdessen: ein Name, eine Herkunft, ein Reflex. Das ist keine Sicherheitspolitik. Das ist Bewirtschaftung von Angst.
Was Solidarität bedeutet — und was sie nicht ist
Die Menschen, die beim Berliner CSD getötet und verletzt wurden, haben für etwas demonstriert: die Sichtbarkeit queerer Leben in einer Gesellschaft, in der diese Sichtbarkeit immer noch erkämpft werden muss. Echte Solidarität bedeutet, diesen Kontext zu benennen — und nicht zu verschweigen, dass die Opfer dieses Anschlags genau jene Menschen waren, deren Rechte und Würde die „AfD“ regelmäßig zur Debatte stellt.
Echte Solidarität mit den Opfern bedeutet auch, Islamismus dort zu bekämpfen, wo er entsteht: in Radikalisierungsprozessen, in gescheiterter Prävention, in mangelnder Nachsorge — nicht als Platzhalter für ein Migrationsnarrativ, das mit der Realität dieses Täters wenig zu tun hat.
Was die „AfD“ anbietet, ist das Gegenteil davon. Sie kondoliert mit einer Hand und setzt Wahlkampfbotschaften mit der anderen. Wer Tote und Verletzte benutzt, hat sie nicht betrauert. Das gilt — unabhängig davon, welche Aussagen von der AfD-Bundesspitze noch folgen werden. Der CSD als Demonstration für Menschenrechte. Passt nicht ins Wunschbild der AfD. Aber einen Anschlag mit diesem Ausmaß zu instrumentalisieren ist mehr als nur geschmacklos.
Dieser Artikel ist Teil unserer laufenden Beobachtung der „AfD“ im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (6. September 2026) und Mecklenburg-Vorpommern (20. September 2026). Weitere Hintergründe: Das AfD-Paradoxon: Wer sie wählt, schadet sich am meisten | Populismus erkennen: Die Tricks der Manipulation
Hier können Sie meine Arbeit selbst recherchieren.
Tagesschau: Liveblog zum Anschlag auf den Berliner CSD (26.07.2026)
Spiegel: Polizei fahndet nach Tatverдächtigem Abdul B. (26.07.2026)
Berliner Zeitung: CSD-Anschlag in Berlin — Reaktionen aus Politik und Community (26.07.2026)
Tagesspiegel: Merz nennt Attacke auf CSD „Angriff auf unsere Gesellschaft“ (26.07.2026)