Tankrabatt für alle, 2 Monate weniger Elterngeld: Die Koalition rechnet sich arm
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Kurz gefasst: Der Tankrabatt von Oktober bis Dezember 2026 kostet Bund und Länder bis zu 2,5 Mrd. Euro, der Rabatt im Mai und Juni schon 1,6 Mrd. Ein Durchschnittspendler spart damit in drei Monaten rund 36 Euro. Die geplante Elterngeld-Kürzung kostet eine Familie je nach Fall 1.700 bis 3.100 Euro. Studien zeigen: Tankrabatte kommen nur teilweise an der Zapfsäule an und entlasten Gutverdiener am stärksten. Familienministerin Prien („CDU“) stellt ihre eigene Kürzung jetzt infrage.
Ab morgen gibt es an der Zapfsäule 17 Cent Tankrabatt pro Liter – für die Pflegekraft im alten Kleinwagen genauso wie für den Zahnarzt im Zweitwagen-SUV. Kostenpunkt: bis zu 2,5 Milliarden Euro in drei Monaten. Gleichzeitig will dieselbe Koalition jungen Eltern Elterngeld streichen – je nach Familie ein Minus von bis zu 3.100 Euro. Kritik daran gibt es reichlich. Die schärfste kommt von der zuständigen Ministerin selbst.
17 Cent für jeden – ob er sie braucht oder nicht
Die Eckdaten sind schnell erzählt. Vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 2026 sinkt die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 14 Cent je Liter, mit dem Mehrwertsteuer-Effekt landen rechnerisch 17 Cent beim Kunden. Die Steuerausfälle von bis zu 2,5 Milliarden Euro teilen sich Bund und Länder. Es ist bereits der zweite Tankrabatt in diesem Jahr: Im Mai und Juni gab es schon einmal 17 Cent, damals für 1,6 Milliarden Euro. Der Bundestag hatte das im April mit 451 zu 134 Stimmen durchgewunken.
Der Anlass ist real. Der September wird laut ZDF zum teuersten Tankmonat, E10 kostet im Schnitt voraussichtlich rund 2,27 Euro, Diesel etwa 2,38 Euro. Als Grund gilt der Iran-Krieg. Die Bundeswirtschaftsministerin begründet den Rabatt damit, dass Millionen Menschen auf dem Land und viele Betriebe ohne Auto schlicht nicht auskommen. Das stimmt. Nur trifft der Rabatt eben nicht gezielt diese Menschen, sondern jeden, der tankt – je mehr, desto besser.
Juni–August 2022 | Erster Tankrabatt: Energiesteuer auf das EU-Minimum gesenkt, Steuerausfall gut 3 Mrd. Euro
Mai–Juni 2026 | Zweiter Tankrabatt: 17 Cent pro Liter, Steuerausfall 1,6 Mrd. Euro
Oktober–Dezember 2026 | Dritter Tankrabatt: 17 Cent pro Liter, Steuerausfall bis zu 2,5 Mrd. Euro
ab 2027 (geplant) | Preisdeckel für Benzin und Diesel, orientiert an Ölpreis, Kosten und Händlermarge
Wo die 17 Cent landen – nicht nur im Tank
Dass ein Tankrabatt nicht eins zu eins beim Autofahrer ankommt, ist keine Stammtischweisheit, sondern gut untersucht. Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat den ersten Rabatt von 2022 ausgewertet: Im Juni wurde er praktisch vollständig weitergegeben, danach schrumpfte der Effekt deutlich. Über drei Monate kamen im Schnitt 87 Prozent bei Diesel und 71 Prozent bei Super E10 an. In wohlhabenden Regionen wie Bayern fiel die Weitergabe deutlich geringer aus als im Osten.
Beim Rabatt vom Frühjahr 2026 sah es laut ifo-Institut beim Benzin besser aus, beim Diesel wurden im Juni nur rund 73 Prozent weitergereicht. Das DIW Berlin bilanziert in einer Analyse vom 21. September trocken, dass von den 1,6 Milliarden Euro ein dreistelliger Millionenbetrag bei den Mineralölkonzernen hängen geblieben ist. Wer den Tank füllt, füllt also immer auch ein bisschen die Kasse der Konzerne.
Dazu kommt die Verteilungsfrage. Eine Studie der RWTH Aachen vom März rechnet vor, dass ein Spritpreis-Rabatt das oberste Einkommenszehntel um rund 20 Euro im Monat entlasten würde, das unterste nur um etwa 6 Euro. Logisch: Wer mehr und größer fährt, spart mehr. Und wer sich gar kein Auto leisten kann, bekommt nichts – trägt die hohen Spritpreise aber über andere Preise indirekt mit. Das DIW empfiehlt deshalb direkte Zahlungen an Haushalte mit wenig Einkommen. Der Clou: Einen direkten Auszahlungsweg des Bundes gibt es laut DIW seit Ende 2024. Genutzt wurde er noch nie.
Billiger Sprit ist ein dankbares Versprechen – das weiß nicht nur die Koalition. Auch die „AfD“ wirbt damit, wir haben ihre Spritpreis-Rechnungen im Faktencheck auseinandergenommen. Die Koalition liefert jetzt die Regierungsvariante: sofort, für alle, bezahlt vom Steuerzahler.
Und bei den Eltern? Da wird plötzlich gerechnet
Beim Elterngeld zeigt sich die Koalition von ihrer sparsamen Seite. Der Gesetzentwurf von Familienministerin Karin Prien („CDU“) sieht vor, die Bezugsdauer von 14 auf 12 Monate zu kürzen. Drei Monate sind künftig für jeden Elternteil reserviert, sechs weitere frei aufteilbar. Nimmt nur ein Elternteil Elternzeit, ist nach 9 Monaten Schluss. Alleinerziehende bekommen künftig 12 statt 14 Monate. Gelten soll das für Kinder, die ab November 2027 geboren werden. Als Trostpflaster steigen Mindest- und Höchstbetrag auf 330 und 1.900 Euro.
Betroffen ist potenziell jede junge Familie – 2025 bezogen 1,61 Millionen Menschen Elterngeld, davon 1,19 Millionen Frauen. Der Etat des Familienministeriums schrumpft 2027 von 16,7 auf 15,5 Milliarden Euro, Prien muss dort 500 Millionen Euro einsparen. Der Deutsche Frauenrat warnt, dass am Ende vor allem Mütter die fehlenden Monate ausgleichen werden – auf Kosten ihrer eigenen Berufstätigkeit.
Die Rechnung: 36 Euro gegen 3.100 Euro
Im Netz kursieren gerade viele Vergleiche zwischen Tankrabatt und Elterngeld. Die meisten arbeiten mit Durchschnittswerten. Das ist in Ordnung – solange man sauber rechnet. Also rechnen wir.
Der Durchschnittspendler fährt laut BBSR 17,2 Kilometer zur Arbeit, einfache Strecke. Mit Freizeitfahrten kommt er in drei Monaten auf rund 3.300 Kilometer, bei 6,5 Litern Verbrauch sind das gut 214 Liter. Mal 17 Cent ergibt 36,47 Euro – für ein ganzes Vierteljahr. Und das nur, wenn die Tankstellen den Rabatt komplett weitergeben. Mit den Quoten von 2022 bleiben 26 bis 32 Euro. Wer viel fährt, kommt auf bis zu 100 Euro.
Auf der anderen Seite des Küchentischs: Mütter, die vor der Geburt erwerbstätig waren, bekamen für 2023 geborene Kinder laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 1.030 Euro Elterngeld im Monat, erwerbstätige Väter 1.393 Euro. Ein Paar, das heute die klassischen 12 plus 2 Monate nimmt, müsste künftig auf 9 plus 3 umstellen – unterm Strich fehlen rund 1.700 Euro, die Mutter allein verliert gut 3.000. Noch härter trifft es die häufigste Konstellation: Bei 53,6 Prozent der Kinder bezieht der Vater gar kein Elterngeld. Dann ist für die Mutter künftig nach 9 statt 12 Monaten Schluss – minus rund 3.100 Euro. Alleinerziehende verlieren 2 Monate, also gut 2.000 Euro. Wer nur den Mindestbetrag bekommt, verliert trotz Erhöhung auf 330 Euro immer noch mehrere hundert Euro.
36 Euro gegen 1.700 bis 3.100 Euro: Die Familie verliert 47- bis 85-mal so viel, wie der Pendler spart. Und während der Rabatt nach 90 Tagen vorbei ist, gilt die Kürzung für jedes Kind, das ab November 2027 geboren wird.

Fotos: Pixabay, frei nutzbar. Collage: didicologne-nachgehakt.de
Trotzdem Vorsicht bei den Zahlen, die gerade herumgereicht werden. Erstens: Die oft genannten 500 Millionen Euro sind Priens Sparvorgabe für ihr ganzes Ministerium im Jahr 2027 – keine Einsparung durch die Kürzung. Die greift erst für Geburten ab November 2027 und entlastet den Bund frühestens 2028. Auch der Rückgang des Elterngeld-Etats von 7,51 auf 7,07 Milliarden Euro im Jahr 2027 hat mit ihr noch nichts zu tun.
Zweitens: Rechnungen, nach denen die Kürzung nur 150 bis 250 Millionen Euro im Jahr bringt und ein Tankrabatt deshalb 10 bis 15 Jahre Elterngeld-Kürzung verschlingt, haben keine belegbare Grundlage. Eine amtliche Zahl haben wir nicht gefunden. Eine grobe eigene Hochrechnung mit Destatis-Daten landet bei voller Wirkung zwischen mehreren hundert Millionen und gut einer Milliarde Euro pro Jahr – also klar darüber. Drittens: Die 3,4 Milliarden Euro, die manche als Kosten nennen, gehören zum Tankrabatt von 2022.
Viertens: Die Warnung, nach dem Elterngeld würden automatisch 220 bis 250 Euro Krankenkassenbeitrag im Monat fällig, stimmt für die meisten nicht. Wer gesetzlich pflichtversichert ist und in Elternzeit bleibt, ist weiter beitragsfrei versichert. Zahlen müssen vor allem freiwillig Versicherte und Selbstständige.
Fairerweise: Einmalige Milliarden und dauerhafte Kürzungen lassen sich für den Staatshaushalt nicht eins zu eins verrechnen. Die ehrliche Rechnung ist die am Küchentisch. Und die geht klar zulasten der Familien.
So haben wir gerechnet: Pendler
17,2 km einfacher Arbeitsweg (BBSR), rund 3.300 km in 3 Monaten inkl. Freizeit, 6,5 l/100 km = 214,5 Liter × 0,17 € = 36,47 €. Bei 7,5 l/100 km: 42 €. Bei Weitergabe wie 2022 (71–87 %): 26 bis 32 €. Vielfahrer mit 7.500 km in 3 Monaten und 8 l/100 km: 102 €.
So haben wir gerechnet: Familie
Durchschnittliches Elterngeld für 2023 geborene Kinder bei vor der Geburt Erwerbstätigen (Destatis): Mütter 1.030 €, Väter 1.393 €. Paar heute 12 + 2 Monate = 15.146 €, künftig 9 + 3 = 13.449 €, minus 1.697 €. Nur die Mutter bezieht: 12 × 1.030 € = 12.360 € gegen 9 × 1.030 € = 9.270 €, minus 3.090 €. Alleinerziehende: 14 → 12 Monate, minus 2.060 €. Paar mit Höchstbetrag: 14 × 1.800 € = 25.200 € gegen 12 × 1.900 € = 22.800 €, minus 2.400 €. Mindestbetrag, nur die Mutter: 12 × 300 € = 3.600 € gegen 9 × 330 € = 2.970 €, minus 630 €.
Grenzen der Rechnung
Durchschnittswerte, keine Einzelfallberatung. Elterngeld Plus und Teilzeit sind nicht berücksichtigt. Der Tankrabatt wirkt einmalig über 3 Monate, die Kürzung dauerhaft für jedes neue Kind. Eine amtliche Einsparsumme der Kürzung liegt uns nicht vor. Unsere grobe Hochrechnung (643.000 Mütter mit Elterngeld, Väterbeteiligung 46,4 %, Beträge der Erwerbstätigen) ergibt als Obergrenze rund 1,5 Mrd. Euro pro Jahr bei voller Wirkung, realistisch deutlich weniger.
Wenn die Ministerin sich selbst widerspricht
Die schärfste Kritik kommt ausgerechnet aus dem Kabinett. Gegenüber dem RND sagte Prien zum Tankrabatt: „Das ärgert mich sehr.“ Der Rabatt sei nur vorübergehend, seine Wirkung verpuffe schnell, und er koste sehr viel Geld. Auf die Frage, ob es beim Elterngeld doch bei 14 Monaten bleiben könnte, antwortete sie: „Dafür bin ich offen.“
Man muss das kurz sacken lassen: Die Ministerin, die die Kürzung selbst vorgelegt hat, hält sie inzwischen für verhandelbar – weil die eigene Regierung an anderer Stelle Milliarden verteilt. Hintergrund sind die Wahlniederlagen von „CDU“ und „SPD“ in den Ländern, nach denen die Koalition mehrere Reformvorhaben neu prüft. Beim Koalitionsausschuss am 7. Oktober liegen Pflege, Rente und Haushalt gleichzeitig auf dem Tisch.
Das Muster kennen wir. Beim Sozialstaat wurde wochenlang über Missbrauch von gerade einmal 0,3 Prozent gestritten, bei der Pflege sollen vor allem gesetzlich Versicherte die Lücke füllen. Unten wird jeder Euro umgedreht. Oben rollt die Gießkanne. Laut einer Umfrage, die Euronews zitiert, ist die Bevölkerung beim Tankrabatt übrigens gespalten: 50 Prozent dafür, 44 Prozent dagegen. Eine klare Mehrheit, die nach genau dieser Maßnahme ruft, sieht anders aus.
Fazit
Was bleibt: Die Koalition hat vor allem ein Prioritätenproblem. Sie verteilt 2,5 Milliarden Euro nach dem Motto „Wer mehr tankt, bekommt mehr“ – und holt sich bei jungen Familien bis zu 3.100 Euro pro Kind zurück. Dass die Ministerin das selbst nicht mehr vermitteln kann, sagt alles. Ein gezielter Zuschuss für Pendler mit kleinem Einkommen wäre zielgenauer, gerechter und technisch längst möglich.
Ihr Einsatz: Beim Koalitionsausschuss am 7. Oktober wird entschieden, was aus Elterngeld, Pflege und Rente wird. Schreiben Sie Ihrer oder Ihrem Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis, was Ihnen wichtiger ist: 17 Cent an der Zapfsäule oder 2 Monate mit dem Kind. Und teilen Sie diesen Artikel mit allen, die gerade Eltern werden.
Die Fakten auf einen Blick
- Tankrabatt: 17 Cent pro Liter vom 1. Oktober bis 31. Dezember 2026, Steuerausfall bis zu 2,5 Mrd. Euro (Bund und Länder)
- Bereits im Mai und Juni 2026: Tankrabatt über 1,6 Mrd. Euro
- Weitergabe 2022 laut RWI: im Schnitt 87 % bei Diesel, 71 % bei E10
- Elterngeld-Entwurf: 12 statt 14 Monate, gilt für Geburten ab November 2027
- Durchschnittspendler: rund 36 Euro Ersparnis in 3 Monaten
- Familien: je nach Fall rund 1.700 bis 3.100 Euro weniger Elterngeld pro Kind
- Elterngeld-Beziehende 2025: 1,61 Millionen
- Familienministerin Prien („CDU“) ist offen dafür, bei 14 Monaten zu bleiben
- Nächster Termin: Koalitionsausschuss am 7. Oktober 2026
Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört. Abrufdatum aller Quellen: 30.09.2026.
Tagesspiegel/dpa: Prien „offen“ für Kehrtwende beim Elterngeld (30.09.2026)
onvista/dpa: Prien für Kehrtwende beim Elterngeld (30.09.2026)
Euronews: Deutschland beschließt Tankrabatt ab Oktober (25.09.2026)
Deutscher Bundestag: Bundestag beschließt Tankrabatt (24.04.2026)
DIW Berlin: Direkte Zahlungen entlasten zielgenauer als Eingriffe in den Spritpreis (21.09.2026)
RWI: Weitergabe des Tankrabatts 2022 nahm über die Zeit stark ab (18.07.2024)
Handelsblatt: ifo-Studie zur Weitergabe beim Diesel
RWTH Aachen: Tankrabatt würde vor allem hohe Einkommen entlasten (07.03.2026)
ZDFheute: Elterngeld nur noch 12 statt 14 Monate
Haufe: Elterngeld 2027 – geplante Änderungen
Destatis: Elterngeld 2025, Anteil Elterngeld Plus auf Rekordhoch (04/2026)
Destatis: Elterngeld für im Jahr 2023 geborene Kinder
BBSR: Mehr Pendlerinnen und Pendler in Deutschland
Tagesspiegel: Entwurf – künftig nur noch zwölf Monate Elterngeld (06.07.2026)
elterngeld-zentrum.de: Elterngeld-Kürzung 2027 (Stand 23.09.2026)
§ 192 SGB V (Fortbestehen der Mitgliedschaft)
ZDFheute Newsticker: Spritpreise im September (30.09.2026)
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