Windräder in der Landschaft mit sinkender Preiskurve und Münzen — Symbol für Negativpreise an der Strombörse

Windkraft macht Strom teuer? Faktencheck 2026

4–5 Minuten

Es ist eines der meistgenutzten AfD-Narrative in Sharepics und Kommentarspalten: Windräder seien Strompreistreiber, die Energiewende eine Kostenfalle für den kleinen Mann. Die Botschaft klingt eingängig — und ist nachweislich falsch. Wer nicht glaubt, braucht keine Meinung: Die Börsendaten des Jahres 2026 sprechen eine Sprache, die sich auch mit den einfallsreichsten Gegenbehauptungen nicht wegdiskutieren lässt.


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Die Behauptung

AfD-Politiker verbreiten die Botschaft seit Jahren in allen Varianten. Alice Weidel forderte auf dem Parteitag, alle Windkraftanlagen niederzureißen — „Windmühlen der Schande“ nannte sie das. Maximilian Krah formulierte das Wirtschaftsargument noch griffiger: Ein Windrad sei am ökonomisch sinnvollsten, wenn es sich nicht drehe — dann gebe es günstigen Strom aus „echten“ Kraftwerken. Sobald es sich drehe, müsse man den „instabilen, teuren Strom aus den Windmühlen“ nehmen.

Klingt plausibel. Ist aber in beide Richtungen falsch.


Was die Daten sagen: 242 Stunden Strom umsonst — und darunter

Von Januar bis Mai 2026 wurde an der europäischen Strombörse EPEX Spot für den deutschen Markt in insgesamt 242 Stunden Strom zu einem Preis von weniger als null Cent gehandelt. Das bedeutet: Erzeuger mussten draufzahlen, damit ihr Strom abgenommen wurde — nicht umgekehrt. Diese 242 Stunden übersteigen bereits die Gesamtzahl der Negativpreisstunden aus sechs der vergangenen zehn Jahre.

Am 1. Mai 2026 erreichten die Preise das technische Marktlimit: minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Ursache: Feiertag, niedrige Industrienachfrage, gleichzeitig hohe Wind- und Solareinspeisung.

Der Trend ist unverkennbar. 2016 gab es in ganzem Jahr 97 Stunden mit Negativpreisen. 2025 waren es 573 — ein Anstieg um das Sechsfache innerhalb eines Jahrzehnts. 2026 liegt bereits auf Rekordkurs.

FaktWert
Negativpreisstunden Januar–Mai 2026 (EPEX Spot)242 Stunden
Vergleich VorjahreMehr als in 6 von 10 Gesamtjahren
Tiefstpreis am 1. Mai 2026–50 Ct/kWh (technisches Marktlimit)
Durchschnittlicher Negativpreis 2026–2,87 Ct/kWh
Windstrom Q1 2026 vs. Vorjahr+27 %
Börsenstrompreis Q1 2026 vs. Vorjahr–8,9 %
Negativpreisstunden 201697 Stunden
Negativpreisstunden 2025573 Stunden (Rekord)
STUNDEN MIT NEGATIVEN STROMPREISEN AN DER EPEX SPOT — DEUTSCHLAND
97
2016
298
2020
77
2022
306
2023
457
2024
573
2025
242*
2026*
* Januar–Mai 2026 (bereits mehr als in 6 von 10 Vorjahren gesamt)  ·  Quelle: 1KOMMA5° / EPEX Spot / Bundesnetzagentur SMARD

Warum Wind den Preis drückt — die Marktlogik in zwei Sätzen

Der Strommarkt funktioniert nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip: Kraftwerke werden nach ihren variablen Kosten sortiert, vom günstigsten zum teuersten. Wind- und Solaranlagen stehen immer ganz vorne, weil ihr Brennstoff nichts kostet — der Wind schickt keine Rechnung. Wenn viel Wind weht, verdrängt diese billige Einspeisung teure Gas- und Kohlekraftwerke aus der Preissetzung. Das drückt den gesamten Börsenpreis nach unten.

Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) hat das im ersten Quartal 2026 direkt gemessen: Windstromproduktion plus 27 Prozent — Börsenstrompreis minus 8,9 Prozent. Kausalität, nicht Zufall.

Mit anderen Worten: Genau dann, wenn die Windräder sich drehen, sinkt der Strompreis. Krahs These ist nicht nur falsch — sie ist das exakte Gegenteil der Realität.

Börsenstrompreis vs. Haushaltsstrompreis — was ist der Unterschied?

Der Börsenpreis (EPEX Spot) ist der Großhandelspreis, zu dem Energieversorger Strom einkaufen. Fällt er ins Negative, zahlen Erzeuger drauf, damit ihr überschüssiger Strom abgenommen wird — das Netz muss im Gleichgewicht bleiben.

Der Haushaltsstrompreis auf der Rechnung setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Strombeschaffung (ca. 34 %), Netzentgelte, Steuern und Abgaben sowie Anbietermarge. Selbst bei negativem Börsenpreis bleibt der Endpreis für Haushalte deshalb positiv — typischerweise 10–17 Ct/kWh statt der üblichen 28–34 Ct/kWh.

Direkt von Negativpreisen profitieren können Verbraucher mit dynamischem Stromtarif und Smart Meter. Seit Januar 2025 sind alle Energieversorger gesetzlich verpflichtet, einen solchen Tarif anzubieten.

Weiterführend: Bundesnetzagentur SMARD — Strommarktdaten  ·  Bundesnetzagentur


Was die AfD nicht ganz erfindet — und trotzdem falsch deutet

Zur Fairness: Das AfD-Argument ist nicht komplett aus der Luft gegriffen. Bei Dunkelflauten — längeren Phasen mit wenig Wind und Sonne, typischerweise im Winter — liefern erneuerbare Energien tatsächlich weniger, und der Börsenpreis steigt. Das ist bekannt, das wird von niemandem bestritten.

Was die AfD dabei verschweigt: Erstens tritt dieses Szenario deutlich seltener auf als Niedrigpreis- und Negativpreisphasen. Zweitens wäre das Problem mit einer Rückkehr zu Kohle und Gas keineswegs gelöst — Gaspreise sind alles andere als stabil, wie die Energiekrise 2022 eindrucksvoll demonstriert hat. Drittens ist die richtige Antwort auf Dunkelflauten der Ausbau von Speichertechnologien und Netzflexibilität — nicht der Abriss funktionierender Windräder.


Kein Zufall: Das steckt hinter dem Narrativ

Das Windkraft-Narrativ ist keine spontane Volksmeinung. Eine Studie des Center for the Analysis of Social Media (CASM Technology) analysierte zwischen Mai 2024 und Februar 2026 fast 43.000 Posts auf Facebook, X, YouTube, TikTok und LinkedIn. Ergebnis: Rechte und rechtspopulistische Parteien — allen voran die AfD — sind die zentralen Verbreiter von Windkraft-Desinformation in Deutschland. Die verwendeten Narrative ähneln dabei auffällig jenen aus pro-russischen Netzwerken, die ein handfestes Interesse daran haben, Europas Energieunabhängigkeit zu untergraben.

Wer also das nächste AfD-Sharepic mit Windrad und Stromrechnung sieht, darf ruhig die Frage stellen: Wessen Interessen bedient dieses Narrativ eigentlich?

Zu den Methoden politischer Desinformation empfehlen wir unseren Grundlagentext: Populismus erkennen — Tricks und Manipulation


Fazit

Die Behauptung, Windkraft verteure den Strom, ist falsch. Das Gegenteil ist durch Marktdaten belegt: Hohe Windeinspeisung drückt die Börsenpreise — im Extremfall bis auf minus 50 Cent pro Kilowattstunde. 242 Stunden Negativpreise in den ersten fünf Monaten 2026, ein Preisrückgang von 8,9 Prozent parallel zu 27 Prozent mehr Windstrom — die Zahlen sind eindeutig. Das AfD-Narrativ ignoriert die Marktlogik und bedient Interessen, die mit günstiger, unabhängiger Energieversorgung für Deutschland wenig zu tun haben. Bewertung: FALSCH


Quellen

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