Operation Matrjoschka Phase 2: Gefälschte Medienlogos, echte Kandidaten — 44 Tage vor der Wahl
24. Juli 2026
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Einordnung: Dass Russland im deutschen Wahlkampf mitmischt, ist keine Neuigkeit mehr. Dass es jetzt namentliche Kandidatinnen und Kandidaten mit gefälschten Medienvideos angreift — und ausgerechnet die „AfD“ dabei verschont — ist eine neue Qualität. Operation Matrjoschka hat eine Stufe gezündet, die vor wenigen Wochen noch unter dem Radar lief. Was dahintersteckt, wie die Methode funktioniert und warum der Zeitpunkt kein Zufall ist.
Seit Anfang Juli 2026 kursieren auf der Plattform X Videos, die aussehen wie investigativer Qualitätsjournalismus — und es nicht sind. Fake-Logos der Süddeutschen Zeitung, der FAZ, Spiegel TV und der Zeit. Gefälschte Inhalte, echte Gesichter: sieben Kandidatinnen und Kandidaten von „Grünen“, „CDU“, „Linke“ und „SPD“ in Sachsen-Anhalt sind Ziel dieser Desinformationskampagne. Die „AfD“ gibt an, nicht betroffen zu sein. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigt ausländische Einflussnahme, die Spur führt nach Russland. 44 Tage bis zur Landtagswahl am 6. September 2026 (heute, 24. Juli 2026).
Was Phase 1 war — und was jetzt neu ist
Wer die Grundstruktur der Operation Matrjoschka noch nicht kennt, findet sie in unserem Artikel zur Desinformationskampagne in Ostdeutschland. Kurz zusammengefasst: Das russisch gesteuerte Netzwerk verbreitet seit Monaten gefälschte Titelseiten und Schlagzeilen großer deutscher Medien — Bild, Tagesspiegel, Rheinische Post — mit dem Ziel, eine Erzählung des Ost-West-Grabens zu befeuern. „Der Westen HASST den Osten“ auf einer gefälschten Bild-Titelseite. „Baut diese Mauer wieder auf!“ auf einer gefälschten Tagesspiegel-Ausgabe. Das war Phase 1: Narrativ-Krieg gegen gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Phase 2 ist eine andere Qualität. Der Angriff richtet sich nicht mehr abstrakt gegen den Westen oder die Presse — er richtet sich gegen konkrete Menschen mit konkreten Namen. Sieben Kandidierende von Parteien, die zur Wahl stehen. Nicht gegen Institutionen, sondern gegen Personen. Das ist der Unterschied zwischen Desinformations-Artillerie und einer gezielten Scharfschützenoperation.
Die Methode: Wie gefälschte Kandidaten-Videos funktionieren
Das Prinzip der Fake-Videos ist einfach und deshalb gefährlich. Ein kurzer Videoclip, der aussieht wie ein Nachrichtensegment eines seriösen Mediums — erkennbar an Logo, Schriftart, Farbgebung. Im Clip: eine Kandidatin oder ein Kandidat, der etwas sagt oder getan haben soll, was nie stattgefunden hat. Die Macher nutzen das Vertrauen, das Zuschauer gegenüber Spiegel TV, SZ oder der Zeit mitbringen, um Falschinhalte in glaubwürdige Hüllen zu verpacken.
Verbreitet werden die Videos über ein Bot-Netzwerk auf X. Das Recherchekollektiv Antibot4Navalny, das solche Operationen systematisch beobachtet, hat die Konten identifiziert und auf Strukturähnlichkeiten zur Storm-1516-Gruppe hingewiesen — einer mutmaßlich russischen Einflussoperation, die bereits im US-Wahlkampf 2024 und im deutschen Bundestagswahlkampf 2025 aktiv war.
Besonders perfide ist ein Detail, das über die Kandidaten-Videos hinausgeht: Auch das Logo von CORRECTIV wurde gefälscht. Ein Video täuschte vor, die Rechercheplattform habe eine Desinformationskampagne der „CDU“ aufgedeckt. Das ist die Meta-Ebene dieser Operation — sie nutzt Institutionen, die Desinformation bekämpfen, um selbst Desinformation zu verbreiten. Wer auf den ersten Blick CORRECTIV sieht, denkt: Faktencheck. Wer genauer hinschaut, sieht die Fälschung. Die meisten schauen nicht genauer hin.

Wer betroffen ist — und wer nicht
Sieben Kandidierende von „Grünen“, „CDU“, „Linke“ und „SPD“ in Sachsen-Anhalt wurden bislang namentlich angegriffen. Vier demokratische Parteien. Alle politischen Lager von links bis bürgerlich-konservativ. Eine Partei fehlt in dieser Liste vollständig.
Die „AfD“ gibt an, von der Kampagne nicht betroffen zu sein.
Das ist kein Zufall. Desinformationskampagnen dieser Art wählen ihre Ziele nicht willkürlich — sie wählen sie nach dem Effekt. Die Botschaft der Nicht-Betroffenheit ist dabei genauso wertvoll wie die Angriffe selbst: Demokratische Kandidaten erscheinen durch Fake-Videos kompromittiert, die „AfD“ bleibt unberührt. Wer davon profitiert, ist offensichtlich.
Das Muster ist aus anderen Wahlkämpfen bekannt. Vor der Bundestagswahl 2025 verbreitete das Storm-1516-Netzwerk Videos, die zeigten, wie Briefwahlstimmen für die „AfD“ angeblich vernichtet wurden — ein Angriff auf die Wähler der Partei, der Empörung erzeugen sollte. Jetzt, in Sachsen-Anhalt, läuft die Medaille auf der anderen Seite: Die Kandidaten der demokratischen Parteien werden angegriffen, die „AfD“ profitiert vom Schweigen über sie. Gleiches Ziel, andere Methode.
Wer verstehen will, wie solche Mechanismen die politische Wahrnehmung beeinflussen, findet die Grundlagen in unserem Artikel zu politischer Manipulation und Desinformation.
Was der Verfassungsschutz sagt — und was er nicht sagt
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat gegenüber der Zeit bestätigt, dass die beobachtete ausländische Einflussnahme und Informationsmanipulation bekannt sei. Die Kampagne werde als Teil der mutmaßlich von Russland gesteuerten Operation Matrjoschka eingestuft.
Das ist eine bemerkenswert deutliche Bestätigung für eine Behörde, die öffentliche Attributionen normalerweise mit vielen Vorbehalten versieht. Gleichzeitig ist das, was der Verfassungsschutz nicht sagt, mindestens genauso bedeutsam: keine konkreten Akteure, keine nachgewiesene direkte Steuerung durch staatliche russische Stellen, kein Hinweis auf geplante rechtliche Schritte gegen die Verbreiter.
Das hat Gründe. Geheimdienstliche Erkenntnisse lassen sich selten vollständig öffentlich machen, ohne Quellen und Methoden zu gefährden. Die Attribution solcher Operationen — wer genau hinter welchem Account steckt — ist aufwändig und oft nur indirekt belegbar. Storm-1516, das Netzwerk, das Sicherheitsbehörden für mehrere ähnliche Kampagnen verantwortlich machen, gilt als mit russischen Nachrichtendiensten verbunden. Beweisen lässt sich das vor einem deutschen Gericht kaum.
Was bleibt, ist die politische Realität: Eine ausländische Macht greift in einen deutschen Landtagswahlkampf ein, sieben demokratische Kandidaten werden Ziel von Fake-Videos, und die Plattform, auf der sie verbreitet werden — X unter Elon Musk — kooperiert seit Monaten nicht mit europäischen Sicherheitsbehörden.
Was bleibt: 44 Tage bis zur Sachsen-Anhalt-Wahl (6. September 2026). Die Kampagne läuft. Die Bot-Netzwerke laufen. Die Videos verbreiten sich. Und demokratische Kandidaten müssen sich nicht nur gegen politische Gegner behaupten, sondern auch gegen eine Desinformationsmaschine, die ihnen Dinge in den Mund legt, die sie nie gesagt haben — mit Logos von Medien, denen die Bevölkerung vertraut.
Das eigentliche Problem ist dabei nicht die technische Raffinesse der Fälschungen. Es ist das Misstrauen, das sie zurüklassen, auch wenn die Fälschung erkannt wurde. Wer einmal ein Fake-Spiegel-Video über eine Kandidatin geteilt hat und später erfährt, dass es falsch war, behält einen Zweifel. Das ist das Ziel der Operation — nicht zu überzeugen, sondern zu verwirren.
Die wichtigste Schutzmaßnahme liegt dabei bei jedem selbst: nicht blind vertrauen, sondern gegenchecken. Wer ein Video mit bekanntem Medienlogo sieht, sollte eine Frage stellen: Berichten andere Quellen dasselbe? Wenn eine Meldung nirgendwo sonst auftaucht — nicht in anderen Medien, nicht durch eine kurze KI-Abfrage bestätigt — ist Skepsis keine Paranoia, sondern Medienkompetenz.
Die demokratischen Institutionen und die Medienöffentlichkeit haben sechs Wochen Zeit, dieser Kampagne die Sichtbarkeit zu entziehen, die sie braucht. Aufklärung ist die einzige Gegenmaßnahme, die funktioniert — wie wir in unserem Grundlagenartikel zu Populismus und Manipulation aufgearbeitet haben.
Hier können Sie meine Arbeit selbst recherchieren.
Operation Matrjoschka: Desinformationskampagne im Landtagswahlkampf Sachsen-Anhalt — HalleSpektrum, abgerufen am 24.07.2026
Fake News im Wahlkampf: Landtagskandidaten in Sachsen-Anhalt Ziel von Lügenkampagne — Volksstimme, abgerufen am 24.07.2026
Auch Tagesspiegel-Titelseite gefälscht: Fake-Kampagne aus Russland — Tagesspiegel, abgerufen am 24.07.2026
Bot-Netzwerk verbreitet gefälschte Videos vor der Landtagswahl — turi2, abgerufen am 24.07.2026
Operation Matrjoschka: Das russische Desinformationsnetzwerk — didicologne-nachgehakt.de, 13.07.2026