Steintafeln mit gebrochenen Wahlversprechen über AfD-Wahlplakat Sesselmann

AfD-Landrat Sesselmann in Sonneberg: Bergfest mit leeren Händen

„Gestalten statt verwalten“ stand auf seinen Plakaten. Als Robert Sesselmann im Juni 2023 zum ersten AfD-Landrat Deutschlands gewählt wurde, sprach Björn Höcke von einem „politischen Wetterleuchten“. Drei Jahre später, zur Halbzeit seiner sechsjährigen Amtszeit, fällt die Bilanz ernüchternd aus – und das nicht nur aus Sicht seiner Wählerinnen und Wähler.

Die Versprechen – groß, laut und zuständigkeitsfremd

Im Wahlkampf 2023 warb Sesselmann mit Parolen, die Aufmerksamkeit garantierten: „Weg mit dem Euro“, „Friedensverhandlungen mit Russland“, „Sofortige Abschiebung krimineller und abgelehnter Asylbewerber“. Das Problem: Mit der tatsächlichen Entscheidungsbefugnis eines Landrats hatten diese Forderungen nichts zu tun. Ein Landrat entscheidet über Kreisstraßen, Schulen, Jugendhilfe und Verwaltung – nicht über Währungspolitik oder Außenbeziehungen.

52,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Sonneberg stimmten trotzdem für ihn. Die Stimmung nach Corona, hohe Inflation und Unzufriedenheit mit Berlin taten ihr Übriges. Das Wahlversprechen war eine Projektion – und die Realität des Amtes war von Anfang an eine andere.

Die Bilanz – Chatbot statt Abschiebungen

Was hat Sesselmann in drei Jahren tatsächlich vorzuweisen? Das Landratsamt selbst liefert die Antwort: Ein Mitarbeiter verschickte eine offizielle „Bilanz Landrat Robert Sesselmann seit Amtsantritt“. Darauf steht: „Gänzlicher Verzicht auf einen Dienstwagen“, „Ausbau Vermittlung von Flüchtlingen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“, „Einführung eines Chatbots für den Internetauftritt“. Abschiebungen stehen nicht darauf.

Das ist die dokumentierte Erfolgsbilanz des ersten AfD-Landrats Deutschlands. Ein Chatbot.

Abschiebungen – letzter Platz in Thüringen

Das Herzstück des AfD-Wahlkampfs war die harte Migrationspolitik. Die Realität in Sonneberg sieht so aus: Im Jahr 2024 wurden aus dem Landkreis mit rund 54.000 Einwohnern sieben Personen abgeschoben – ein Mann, eine Frau, fünf Kinder. 85 Prozent der Abschiebeverfahren scheiterten. Zusammen mit zwei weiteren Kommunen belegt Sonneberg damit den letzten Platz im thüringenweiten Vergleich.

Sesselmanns Erklärung: „Unser Problem ist, dass die Pass-Ersatzdokumente nicht rechtzeitig zugeliefert werden.“ Andere Landräte – ohne AfD-Parteibuch – schieben in ihren Kreisen deutlich mehr ab. Die Ausrede ist dünn.

Warum AfD-Versprechen auf Kreisebene zwangsläufig scheitern

Ein Landrat kann keine Währung abschaffen, keine Außenpolitik betreiben und Abschiebungen nur in sehr begrenztem Rahmen beeinflussen – da diese von Ausländerbehörden, Gerichten, Botschaften und Bundesbehörden abhängen. Wer mit bundespolitischen Versprechen auf kommunaler Ebene kandidiert, weiß das. Die Versprechen sind nicht Programm, sondern Stimmungsmache. Sesselmann und Sonneberg ist der Beweis.

Die Schule, die er retten wollte

Ein weiteres konkretes Versprechen: der Erhalt einer Grundschule. Im Wahlkampf hatte Sesselmann sich ausdrücklich dafür ausgesprochen. In seiner Amtszeit wurde ein Schulteil einer Gemeinschaftsschule geschlossen. Nach 116 Jahren. Das ist keine abstrakte Politik – das sind Kinder, Eltern und eine Dorfgemeinschaft, die auf ein Versprechen vertraut haben. Sesselmann hat seine eigene Realitäten.

Selbst die AfD ist unzufrieden

Bemerkenswert ist, dass die Kritik nicht nur von Gegnern kommt. Aus Kreisen der Thüringer AfD heißt es, man sei in Erfurt „mäßig“ zufrieden mit Sesselmanns Leistung. Beim Thema Migration hätte man sich mehr Initiative gewünscht. Höcke kommentiert die Halbzeitbilanz seines Musterschülers mit den Worten: „Er hat sich gut eingearbeitet.“ Das Pathos von 2023 ist verflogen. Was fehlt?- Eine Jiminy Grille für Sesselmann.

Was das für September 2026 bedeutet

Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Am 20. September folgt Mecklenburg-Vorpommern. In beiden Ländern liegt die AfD in Umfragen bei 38 bis 40 Prozent – und wirbt mit denselben Versprechen wie Sesselmann 2023: Härte, Klarheit, Wandel.

Sonneberg ist das einzige Landratsamt, das die AfD je regiert hat. Es ist kein Experiment mehr – es ist ein Ergebnis. Sieben Abschiebungen. Eine geschlossene Schule. Ein Chatbot. Und eine Partei, die selbst „mäßig“ zufrieden ist mit Sesselmann.

Wer in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern im September die AfD wählt, wählt das Versprechen – nicht die Realität. Die kennt man jetzt.

„Gestalten statt verwalten“ war der Slogan. Drei Jahre später verwaltet Sesselmann – und das mäßig. Das AfD-Experiment Sonneberg ist kein Einzelfall, sondern ein Muster: große Worte, kleine Taten, und am Ende die Ausrede, dass andere schuld sind. Im September haben die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Chance, das Muster zu erkennen – bevor es ihr Landtag ist.

Mehr zum Thema auf diesem Blog:

  • Stefan Hantzschmann: „Sonneberg zahlt immer noch Rundfunkgebühr – mit Euro“ – MiGAZIN, 23.06.2026 – zum Artikel
  • Stefan Hantzschmann/dpa: „Ohne Ausrufezeichen – Drei Jahre AfD-Landrat in Südthüringen“ – Volksstimme, 23.06.2026 – zum Artikel
  • ZDF heute: „AfD-Landrat ein Jahr im Amt: Was hat Sesselmann verändert?“ – 25.06.2024 – zum Artikel
  • Campact: „AfD-Landrat Robert Sesselmanns katastrophale Bilanz“ – zum Artikel
  • Der Westen: „Große AfD-Versprechen, schwache Bilanz: Landrat Sesselmann ist Letzter im Abschiebe-Ranking“ – 19.06.2026 – zum Artikel
  • Wikipedia: Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 – zur Seite
  • Landesamt für innere Verwaltung MV: Landtagswahl 20. September 2026 – zur Seite

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