Janus-Doppelkopf von Jens Spahn mit CDU-Logo, Beschriftung Richtig und Falsch

Leihmutterschaft: Gesetze für alle — außer für Spahn

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Worum es geht: CDU-Fraktionschef Jens Spahn ist per Leihmutterschaft in den USA Vater geworden. In Deutschland ist das seit 1990 verboten. Die CDU bekräftigte dieses Verbot auf ihrem Bundesparteitag im Februar 2026 ausdrücklich. Spahn hat Leihmutterschaft 2015 persönlich abgelehnt. Als Gesundheitsminister ließ er eine Legalisierung 2020 politisch zurückweisen. Kanzler Merz gratuliert. Eine CDU-Politikerin fordert den Rücktritt.

Jens Spahn ist Vater. Sein Sohn Georg ist zur Welt gekommen — in den USA, von einer Leihmutter ausgetragen, benannt nach Spahns verstorbenem Vater. Für Spahn und seinen Ehemann Daniel Funke eine Entscheidung aus tiefem persönlichem Wunsch. Und für Deutschland ein politischer Vorgang, an dem sich der ganze Zustand der bürgerlichen Mitte ablesen lässt.


2020: Das Ministerium, das Verbot und die Argumente

Als Gesundheitsminister legte Spahn das Thema nicht aus den Händen — er trug es weiter. 2020 unternahm die FDP einen Vorstoß zur Legalisierung altruistischer Leihmutterschaft, also einer nicht kommerziellen Form. Spahns Ministerium wies das zurück. Die Begründung: Das Verbot des Gesetzgebers diene dem Kindeswohl. Leihmutterschaft führe zu „besonderen Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes“ und möglichen negativen Folgen für dessen Entwicklung. Außerdem solle die Eindeutigkeit der Mutterschaft — die Frau, die ein Kind gebärt, gilt rechtlich als seine Mutter — gesichert bleiben.

Man muss diese Argumente nicht teilen. Man kann sie diskutieren, prüfen, in Frage stellen. Was man nicht kann: sie öffentlich vortragen und gleichzeitig privat ignorieren.


Februar 2026: Die CDU beschließt — Spahn schweigt

Bundesparteitag der CDU, Februar 2026. Die Partei fasst einen Beschluss — ausdrücklich, mit Abstimmung: „Leihmutterschaft bleibe in jeder Form verboten.“ Die Formulierung soll Klarheit schaffen. Ausdrücklich wird verhindert, dass „in Deutschland kommerzielle oder neutrale Modelle entstehen, die Leihmutterschaft zu einem Geschäftsmodell machen.“ Keine Hintertüren, keine Ausnahmen.

Spahn ist auf dem Parteitag. Er meldet sich zu dem Thema nicht zu Wort. Zu diesem Zeitpunkt hat er — nach allem, was bekannt ist — bereits den Weg zu einer Leihmutter in den USA eingeschlagen oder ist zumindest auf dem Weg dorthin. Der Parteitagsbeschluss, für den er als Fraktionschef mitverantwortlich ist, gilt für alle anderen.

Für ihn offenbar nicht.


Merz gratuliert — und verschärft das Problem

Als die Nachricht öffentlich wird, scheiden sich die Geister. Aus der thüringischen Frauen Union kommt die erste explizite Rücktrittsforderung. Eine CDU-Sprecherin bekräftigt derweil die Parteilinie: „Die CDU Deutschlands hat einen klaren Parteitagsbeschluss. Die geltende Rechtslage in Deutschland soll aus Sicht der Partei bleiben, wie sie ist.“ Die Organisation ALfA geht weiter und verlangt, Spahn solle neben seinen Partei- und Fraktionsämtern auch sein Bundestagsmandat zur Verfügung stellen.

Kanzler Friedrich Merz gehört zur anderen Seite. Er gratuliert.

Das ist sein gutes Recht. Es ist auch eine politische Entscheidung. Wer als Kanzler gratuliert, während seine eigene Partei an der Verbotslinie festhält und Parteisprecher die Beschlusslage verteidigen, schickt ein Signal: Die Parteiposition gilt — außer wenn es unbequem wird. Das ist kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen dafür, dass die CDU nicht mehr sicher weiß, was sie selbst noch glaubt.

Spahn seinerseits will aus seiner privaten Entscheidung keine politischen Konsequenzen ziehen. Er stellt keine Fragen. Er fordert keine Debatte. Er zieht keine Schlüsse. Er nimmt den Widerspruch — und schweigt ihn tot.


Wenn Gesetze nur für andere gelten

Es gibt eine alte Klage über Politik: Gesetze werden gemacht von denen, die sie nicht befolgen müssen. Dieser Vorwurf ist meist übertrieben. Im Fall Spahn ist er präzise.

Das ist kein persönlicher Makel, der im Privaten verbleibt. Es ist ein systemisches Signal. Wer das Verbot kennt, es mit eigenen Worten einmal abgelehnt hat, es als Minister verteidigt und es in der Parteilinie mitträgt — und es dann für sich selbst außer Kraft setzt, erklärt damit: Regeln gelten für die, die keine Alternativen haben. Wer die Mittel hat, in Länder zu reisen, in denen die eigenen Verbote nicht gelten — für den funktioniert das System anders.

Das ist exakt der Nährboden, aus dem Politikverdrossenheit wächst. Das ist das, was Birgit Kelle, eine Publizistin aus dem konservativen Lager, auf den Punkt bringt: „Gesetze werden gemacht, aber sie gelten nicht für uns? Soll doch das Volk sich dran halten.“ Der Satz stammt von einer politischen Gegnerin Spahns in anderen Fragen — und er trifft trotzdem.

Wer die bekannten Muster politischer Täuschung verstehen will, findet hier ein Lehrstück — kein rechtsextremes, aber ein exemplarisches. Zur politischen Glaubwürdigkeitskrise der Mitte, die diese Republik derzeit erlebt, tragen nicht nur Populisten bei. Auch wer die eigenen Maßstäbe nicht hält, liefert das Material, aus dem Misstrauen gebaut wird.


Was Demut heute bedeuten würde

Spahn hat 2015 selbst das Wort gewählt: Demut. Es verlange ein großes Maß davon, zu akzeptieren, was man nicht ändern könne.

Das ist ein ehrlicher Satz. Und er taugt jetzt, elf Jahre später, als Maßstab.

Demut — das wäre, die eigene Entscheidung offen zu vertreten. Das Verbot öffentlich in Frage zu stellen, wenn man selbst nicht länger daran glaubt. Eine gesellschaftliche Debatte zu fordern statt ihr auszuweichen. Menschen, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, brauchen keine Politiker, die ihren Weg im Privaten gehen und im Öffentlichen schweigen. Sie brauchen Politiker, die Klartext reden — entweder für oder gegen eine Änderung der Gesetzeslage, aber mit Haltung in beiden Richtungen.

Stattdessen: Schweigen. Glückwünsche annehmen. Weitermachen als wäre nichts.

Das Recht, Eltern werden zu wollen, steht hier nicht zur Debatte. Der tiefe menschliche Wunsch nach Familie verdient Respekt, kein Urteil — und er verdient eine ehrliche politische Antwort sowie den Mut, für das einzustehen, was man selbst für richtig hält. Was er nicht verdient: ein Politiker, der das Verbot für andere aufrechterhält und es für sich selbst kassiert. Das ist kein Einzelfall eines privaten Widerspruchs. Das ist ein Amtsverständnis, das zersetzt.

Fazit

Spahn hat ein Kind. Das ist gut für ihn und seine Familie. Politisch hat er einen Schaden hinterlassen, der größer ist als er vielleicht meint: Er hat gezeigt, dass bürgerliche Mitte im Jahr 2026 bedeuten kann, dass Regeln für andere gelten. Wer das ändern will, muss mehr tun als schweigen. Debattiert die Leihmutterschaft. Ändert das Gesetz, wenn ihr es für falsch haltet. Aber hört auf, Verbote zu verteidigen, die ihr selbst nicht einhaltet.

Das ist keine Forderung an Jens Spahn persönlich. Das ist eine Forderung an alle, die Gesetze machen — und sie für andere gelten lassen wollen. Wenn dir das wichtig erscheint: Teile diesen Artikel und folg dem Blog, wenn du Politik ohne Schönfärberei willst.


Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.

Jens Spahn und die Leihmutterschaft: Das ist bigott — t-online, 17.07.2026

Eigene Familie, andere Regeln? Jens Spahn und die Leihmutterschafts-Debatte — Euronews, 16.07.2026

War Spahns Vorgehen mit einer Leihmutterschaft legal? — ZDFheute, 16.07.2026

Erste Unions-Politikerin fordert Rücktritt von Jens Spahn — Tagesspiegel, 17.07.2026

Debatte um Spahn-Kind – CDU betont Leihmutterschaft-Verbot — Reuters/onvista, 16.07.2026

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