NGO-Files der „AfD“: Faktencheck der Falschbehauptungen
Kategorie: Faktencheck Kompakt
Erstellt am: 08.07.2026
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Was ist eine NGO?
NGO steht für „Non-Governmental Organization“ — auf Deutsch: Nichtregierungsorganisation. Gemeint sind gemeinnützige Vereine, Stiftungen und Initiativen, die unabhängig von staatlichen Institutionen und Parteien arbeiten: Menschenrechtsorganisationen, Umweltverbände, Bildungsinitiativen, Antidiskriminierungsstellen. In Deutschland sind viele NGOs staatlich anerkannt und damit gemeinnützig — ihre Finanzen sind öffentlich einsehbar und werden von Finanzämtern und dem Bundesrechnungshof geprüft. Genau diese Transparenz behauptet die „AfD“ mit ihren „NGO Files“ herzustellen — dabei existiert sie längst.
Die „AfD“ nennt ihre neue Plattform „NGO Files“ und behauptet, damit Transparenz über gemeinnützige Organisationen herzustellen. Was das Portal tatsächlich liefert, sind nachweisliche Falschbehauptungen — direkt aus dem Deutschen Bundestag heraus verbreitet. Ein Faktencheck.
Was steckt hinter den NGO-Files?
Am 1. Juli 2026 ging die Plattform online. Verantwortlich ist der „AfD“-Bundestagsabgeordnete Sebastian Maack, Sprecher der parteiinternen Arbeitsgruppe „NGO-Aufklärung“. Das Portal präsentiert sich als Datenbank über die Finanzierung und Aktivitäten gemeinnütziger Organisationen — und will damit angeblich aufdecken, was bisher verborgen war.
Der Zeitpunkt war kein Zufall: Kurz zuvor hatte die Gesellschaft für Freiheitsrechte ein Gutachten veröffentlicht, das die „AfD“ als nachweislich verfassungswidrig ausweist. Statt inhaltlich zu antworten, zog die Partei in die Offensive gegen die demokratische Zivilgesellschaft.
Das Ergebnis: Bereits am ersten Tag wiesen betroffene Vereine nach, dass die Einträge sachlich falsch sind. Bis zum 3. Juli 2026 waren fast alle Einträge wieder offline — mutmaßlich weil juristische Schritte eingeleitet worden waren. Besonders aufschlussreich: Kurz nach dem Start verschwand der Name des verantwortlichen Abgeordneten Maack aus dem Impressum. Wer Transparenz predigt, scheut offenbar die eigene.
NGO-Falschbehauptung 1: Unterschiedliche Zahlen im Transparenzbericht
Die Behauptung: HateAid habe im eigenen Transparenzbericht andere Finanzzahlen veröffentlicht als im EU-Transparenzregister — ein Beleg für mangelnde Transparenz der Organisation.
Was stimmt: Die Zahlen kommen aus unterschiedlichen Kategorien. Der Transparenzbericht weist die Ausgaben des Geschäftsjahres 2024 aus. Das EU-Register weist die Einnahmen aus. Dass diese Zahlen voneinander abweichen, ist nicht nur normal — es ist zwingend. Die AfD-Arbeitsgruppe hat schlicht Einnahmen und Ausgaben verwechselt. HateAid hat beide Zahlen öffentlich dokumentiert und belegt.
Bewertung: Falsch.
NGO-Falschbehauptung 2: HateAid kann Inhalte direkt löschen lassen
Die Behauptung: Durch den Status als „Trusted Flagger“ nach dem EU Digital Services Act (DSA) verfüge HateAid über weitreichende Befugnisse zur Inhaltslöschung auf Plattformen — eine Art privater Zensurmacht.
Was stimmt: Trusted Flagger dürfen Inhalte melden — nicht löschen. Die Entscheidung über eine Sperrung liegt ausschließlich bei der jeweiligen Plattform. Der Status beschleunigt lediglich die Bearbeitung von Meldungen. Die Bundesnetzagentur hat zudem ausdrücklich festgestellt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt, obwohl eine HateAid-Mitarbeiterin dem DSA-Beirat angehörte — als beratendes Mitglied ohne jede Entscheidungsbefugnis.
Bewertung: Irreführend bis falsch. „Trusted Flagger“ klingt nach Macht — ist rechtlich aber keine.
Das Muster: Strategie, keine Panne
Was auf den ersten Blick wie schlechte Recherche aussieht, ist System. Die „AfD“ nutzt denselben Mechanismus seit Jahren gegen zivilgesellschaftliche Gruppen: parlamentarische Anfragen, suggestive Formulierungen, Dossiers mit falschen Tatsachenbehauptungen — mit dem Ziel, Misstrauen gegenüber demokratischem Engagement zu säen.

Die IT-Sicherheitsforscherin Lilith Wittmann hat zudem nachgewiesen, dass beide AfD-KI-Projekte — NGO Files und das Propaganda-Tool „Alternita Studio“ — auf offenen Datensätzen aufbauen, die Organisationen und Zivilgesellschaft selbst bereitgestellt haben. Wikidata, OffeneRegister, Abgeordnetenwatch: Infrastruktur, die für demokratische Transparenz geschaffen wurde, wird gegen ihre Urheber gewendet.
Wer sich vor ähnlichen Angriffen schützen will, findet bei der Amadeu-Antonio-Stiftung und dem Bündnis Ost konkrete Leitfäden. FragDenStaat und die Allianz Rechtssicherheit für politische Willensbildung bieten rechtliche Unterstützung. Und wer Falschbehauptungen über die eigene Organisation findet, hat — wie HateAid gerade vorführt — juristische Handhabe.
Die „AfD“ nennt ihre Plattform „Aufklärung“ und verwechselt dabei Einnahmen mit Ausgaben, verzerrt Rechtsbegriffe und verbreitet das Ergebnis aus dem Deutschen Bundestag heraus. Das ist keine Transparenz über NGOs — das sind Falschbehauptungen mit parlamentarischer Schutzhülle. Eine Partei, die selbst als nachweislich verfassungswidrig eingestuft wird, sollte anderen keine Transparenzprobleme andichten. Wer die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen unterstützen will: Die Links stehen unten.
Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.
- HateAid: Faktencheck zu den Falschbehauptungen der AfD-Arbeitsgruppe — HateAid, abgerufen 08.07.2026
- CORRECTIV: Die Propaganda-KI der AfD — CORRECTIV, 02.07.2026
- Lilith Wittmann: Die AfD entdeckt KI — Medium, 05.07.2026
- Bündnis Ost: NGO-Files Prebunking — BündnisOst, abgerufen 08.07.2026
- Amadeu-Antonio-Stiftung: Chronik der Angriffe auf Zivilgesellschaft 2026 — abgerufen 08.07.2026
Wie populistische Rhetorik funktioniert und wie man Manipulation erkennt, habe ich hier ausführlich beschrieben: Populismus erkennen: Die Tricks der Manipulation
Wer verstehen will, wie KI-generierte Inhalte in der Desinformation eingesetzt werden: Der KI-Fake zur Ukraine-Demonstration
