Leif-Erik Holm vor einer Marionetten-Theaterbühne, Textoverlay: Alles nur Theater

Marionette auf Wahlkampftour: Holms Versprechen aus der AfD-Propagandafabrik

4–7 Minuten

Einordnung: Leif-Erik Holm ist nicht das Programm. Er ist die Verpackung. Der ehemalige NDR-Radiomoderator gibt dem Wahlkampf der „AfD“ in Mecklenburg-Vorpommern ein vertrautes Gesicht — während die Inhalte, die er vorträgt, aus einer Narrativfabrik stammen, die nachweislich auf Desinformation und KI-gestützte Propaganda setzt. Neun Wochen vor der Wahl lohnt ein Blick hinter das Lächeln.


Vom Mikrofon zur Bühne: Die Methode Holm

Mitte Juli, Schwerin, Pfaffenteich. Gut hundert Menschen auf Bierbänken, Deutschlandfahnen, Sommerfestatmosphäre mit Wahlkampfeinschlägen. Auf der Bühne steht ein Mann im weißen Hemd, blinzelt in die Sonne, spricht Plattdeutsch. Der Busfahrer der Linie 11 hat ihn vorhin durchs Fahrerfenster gegrüßt. Man kennt ihn hier — als Stimme, nicht als Politiker.

Leif-Erik Holm, verheiratet, vier Kinder, gelernter Elektromonteur, Volkswirtschaftsstudium an der Humboldt-Universität, mehr als zwei Jahrzehnte Radiomoderator beim NDR und privaten Sendern. Der Tagesspiegel bringt es auf den Punkt: Holm hat früher Frequenzen bespielt. Heute moderiert er auf der Bühne das Programm der „AfD“ an.

Das ist kein Zufall, sondern Strategie. Holm ist das Gesicht, das die „AfD“ in Mecklenburg-Vorpommern braucht: kein Björn Höcke, kein Ulrich Siegmund mit DDR-Hymne auf offener Bühne. Jemand, dem man eine Stunde zuhören kann, ohne aufzuwachen. Der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke charakterisiert Holm als „Überlebenskünstler“, dessen Positionen „Weidel-nah“ seien — der aber bewusst den rechtsextremen Blinker meide. Noch.

Bei der Vorstellung der Plakatkampagne am 12. Juli erklärte Holm, 36 Prozent seien ihm nicht genug. Absolute Mehrheit. 43 Prozent oder mehr. Im Direktwahlkreis Schwerin tritt er persönlich gegen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig an. „Sonst ändert sich nichts“, sagt er über Koalitionsoptionen. Laut einer aktuellen NDR-Umfrage würden es 62 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Mecklenburg-Vorpommern für akzeptabel halten, wenn Anträge im Landtag nur mit AfD-Stimmen verabschiedet werden könnten. Für Holm klingt das nach Auftrag.


Das Programm: Konfektionsware ohne Rechtsgrundlage

Wer Holms Versprechen auflistet, trifft auf Altbekanntes: NDR-Staatsvertrag kündigen. Rundfunkbeitrag abschaffen. Nord Stream reaktivieren. Windkraft stoppen. Das klingt entschlossen. In der Realität sieht es so aus:

NDR-Staatsvertrag kündigen — Eine Kündigung ist laut NDR frühestens 2031 möglich. Am Rundfunkbeitrag ändert das nichts: Das Bundesverfassungsgericht schützt die staatsferneFinanzierung als Grundrecht. Kein Landesgesetz kann das aushebeln.

Rundfunkbeitrag abschaffen — Rechtlich ausgeschlossen. Das BVerfG hat die Rundfunkfinanzierung für verfassungsrechtlich geboten erklärt. Was Holm hier verspricht, kann er als Ministerpräsident nicht halten.

Nord Stream reaktivieren — Beide Pipelines sind durch Sprengstoffanschläge zerstört. Eine Reaktivierung wäre technisch aufwändig, politisch unter Sanktionsbedingungen nicht umsetzbar und entspräche dem energiepolitischen Stand von vor 2022.

Bevölkerungsaustausch durch Landesregierung — Das AfD-Wahlprogramm behauptet, die Landesregierung betreibe den gezielten Austausch der deutschen Bevölkerung. Eine belegbare Grundlage gibt es nicht. Es handelt sich um eine rechtsextreme Verschwörungstheorie.

Holm ist studierter Volkswirt. Er weiß, was davon umsetzbar ist. Wenn er trotzdem damit wirbt, ist das keine Naivität — das ist Kalkül. Das Publikum soll keine Fakten hören, sondern Gefühle bestätigt bekommen. Auf der Bühne in Schwerin behauptet Holm, die Hälfte der Bürgergeldempfänger seien Migranten, „die zum Teil eben illegal in unser Land gekommen sind“. Die Behauptung vermischt EU-Bürgerinnen, anerkannte Schutzberechtigte und Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in einen unzulässigen Topf — und unterstellt für die Mehrheit von ihnen einen Status, der nicht zutrifft.


Was Holm sagt — und was er nicht sagt

Beim Thema Wanderungsbewegungen erklärt Holm, Jahr für Jahr kämen so viele Menschen nach Deutschland wie eine Stadt der Größe Rostocks — und das bedrohe „unsere Kultur und Identität“. Was er nicht sagt: Seit drei Jahren sinken die Zuzugszahlen nach Deutschland kontinuierlich (Destatis). Gefragt, ob er damit die rechtsextreme Bevölkerungsaustausch-Theorie meine, geht er auf den Kern nicht ein.

Ähnliches beim Thema „Alice für Deutschland“ — dem Schlachtruf beim „AfD“-Parteitag in Riesa, der an die verbotene SA-Parole angelehnt ist. Holms Kommentar: „Das ist doch witzig.“ Ob alle Delegierten den nationalsozialistischen Kontext gekannt hätten? „Da ist nichts dabei.“ Das ist das eigentliche Dokument: nicht der freundliche Moderator-Auftritt, sondern der Moment, in dem die Maske kurz verrutscht.

Im Wahlprogramm findet sich der Satz, die Landesregierung arbeite darauf hin, „die deutsch geprägte Gesellschaft durch eine multikulturelle Gesellschaft zu ersetzen“. Eine belegbare politische Handlung, auf die sich das stützen könnte, nennt das Programm nicht. Was es nennt: „interkulturelle Kompetenz“ als Einstellungskriterium im öffentlichen Dienst sei ein Problem. Holm wiederholt das auf der Bühne, ohne auf die dahinterliegende Logik einzugehen.

Holzmarionette an einem Rednerpult auf einer Bühne vor norddeutscher Hansearchitektur, politische Wahlkampfatmosphäre
Foto-Compositing: didicologne-nachgehakt.de | Marionette: Pixabay-Lizenz | Hintergrund: KI-generiert | didicologne-nachgehakt.de

Die Fabrik dahinter: KI, Fake-Broschüren und Magdeburg

Während Holm in Schwerin den freundlichen Kümmerer gibt, läuft die Desinformationsmaschinerie der „AfD“ auf Bundesebene weiter — und das ist keine Metapher. „AfD“-Bundestagsabgeordneter Matthias Helferich, bekannt als selbsternanntes „freundliches Gesicht des NS“, hat eine Broschüre veröffentlicht, die postkoloniale Forschung als Mythensammlung darstellen soll.

Forscherin Berit Kö von der Universität Jena hat die Broschüre analysiert und nachweisbare Fehler gefunden: Ein Aktivist wird als „afrikanisch“ beschrieben — er stammte aus Sri Lanka. Der Herero-Völkermord wird als selbstverschuldetes Schicksal der Opfer dargestellt. Illustriert wird das Ganze mit einem KI-generierten Bild einer schreienden Schwarzen Frau. Das ist kein Zufall, sondern Methode: Die Relativierung kolonialer Gewalt wird mit Bildmaterial kombiniert, das seinerseits aus der Propagandafabrik stammt.

KI-generierte Propaganda ist für die „AfD“ kein Randphänomen. Wir haben an dieser Stelle bereits über das Matryoshka-Desinformationsnetzwerk berichtet, das solche Werkzeuge im industriellen Maßstab einsetzt. Holm verteilt auf der Bühne Narrative, die in diesem Ökosystem produziert werden.

Und der direkte Sachsen-Anhalt-Bezug: Die „AfD“ in Sachsen-Anhalt will den Landeszuschuss für das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg streichen. Die Aufarbeitung von NS-Raubkunst gilt ihr als „politische Schuldpolitik“. Holm spricht in Schwerin über Bürgergeld. Hinter ihm läuft das Programm durch.


Fazit: Die Volksverdummung geht weiter — und kaum einer merkt’s

Was bleibt: Holm mag das gemäßigte Gesicht dieser „AfD“ sein. Außerhalb der Partei steht er nicht. Am Abend in Schwerin steht neben ihm Sebastian Münzenmaier, einer der einflussreichen Netzwerker der Bundespartei. Seine Positionen sind Weidel-nah, sein Auftreten ist kalibriert auf Vertrautheit. Das Programm dahinter ist weder moderat noch umsetzbar — es ist Konfektionsware aus einer Narrativfabrik, die nachweislich auf Desinformation und KI-gestützte Propaganda setzt. Wer am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern abstimmt, stimmt nicht für Holm. Er stimmt für das, was hinter ihm steht.

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Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.

Tagesspiegel: „Der nette Herr Holm — Ein Nachmittag im AfD-Wahlkampf in MV“, 18.07.2026

taz: „AfD-Fakes gegen Postkolonialismus: Weiße Schuld weißwaschen“, 17.07.2026

Berliner Zeitung: „AfD MV will absolute Mehrheit bei Landtagswahl“, 12.07.2026

campact.de: „AfD-Wahlprogramm Mecklenburg-Vorpommern“, 19.05.2026

NDR: Debatte über Brandmauer zur AfD vor der Landtagswahl MV, Juli 2026

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