60.000 Impftote? Wie Elon Musk eine gefährliche Falschbehauptung zum viralen „Fakt“ macht.
Helmut Sterz: Wie Elon Musk Fake-Zahlen zu Fakten macht
Die Behauptung vor der Enquete-Kommission
Am 19. März 2026 trat Helmut Sterz, ein Toxikologe im Ruhestand, vor der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages auf. Eingeladen hatte ihn die AfD als Sachverständigen. Seine zentrale Aussage: In Deutschland seien etwa 60.000 Menschen durch den Covid-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer gestorben. Die Zahl klingt dramatisch – und sollte bald ein Millionenpublikum erreichen.
Weiterlesen: 60.000 Impftote? Wie Elon Musk eine gefährliche Falschbehauptung zum viralen „Fakt“ macht.Zunächst erhielt die Aussage wenig Aufmerksamkeit. Ein niederländisches Online-Medium griff die Zahl auf, ohne große Resonanz. Erst als das AfD-nahe Medium „Nius“ gut drei Wochen später einen Artikel mit einer Spanne von 20.000 bis 60.000 Toten veröffentlichte, begann die Verbreitung. Noch am selben Tag teilte ein schwedischer Influencer mit knapp einer Million Followern die Behauptung. Dann geschah, was die Zahl in die globale Öffentlichkeit katapultierte: Elon Musk teilte den Post.
Der Musk-Effekt: Wie 60 Millionen Menschen eine Lüge sehen
Elon Musk, Eigentümer der Plattform X (ehemals Twitter), teilte den Post des schwedischen Influencers mit seinen Followern. Nach Angaben der Plattform erreichte dieser Post dadurch rund 60 Millionen Menschen. Die Zahl wurde nun nicht mehr als Behauptung eines umstrittenen Sachverständigen wahrgenommen – sondern als Tatsache. Der Grund: Die Kombination aus parlamentarischem Gremium und der Reichweite eines der einflussreichsten Tech-Milliardäre der Welt verlieh der Falschbehauptung den Anschein von Legitimität.
Bedenkenloses Teilen durch Personen mit enormer Reichweite hat fatale Folgen für die Wahrheit. Was in einem Ausschusssaal als unbelegte Schätzung begann, wurde durch Musks Weiterverbreitung zu einem vermeintlichen Fakt in den Köpfen von Millionen. Die Mechanik ist klar: Eine Behauptung wird nicht dadurch wahr, dass sie von vielen Menschen gesehen wird – aber sie wird dadurch geglaubt.
Der schwedische Influencer, bekannt für Falschinformationen und rassistische Äußerungen im Sinne einer „weißen Herrenrasse“, verortete die Zahl zunächst direkt in der Anhörung, korrigierte sich später. Doch der Schaden war angerichtet. Die Geschichte zeigt: Desinformation schafft Verbindungen zwischen internationalen autoritären Strömungen – in diesem Fall zwischen Deutschland und den USA.
Die Faktenlage: Was wirklich bekannt ist
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ist in Deutschland für die Überwachung der Arzneimittelsicherheit zuständig. Im aktuellen Bericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe vom März 2025 führt das PEI 2.133 Verdachtsfälle mit tödlichem Ausgang im Zusammenhang mit Comirnaty auf. Ein Verdachtsfall bedeutet: Der Tod trat zeitlich nach der Impfung ein – nicht zwingend durch die Impfung verursacht.
Diese Verdachtsfälle werden vom PEI nach den Kausalitätskriterien der WHO geprüft. Nur wenn biologische Plausibilität, klinische Nachweise und ein direkter Zusammenhang vorliegen, gilt ein Fall als wahrscheinlich durch die Impfung verursacht. Das Ergebnis dieser Prüfung: 28 Todesfälle werden als wahrscheinlich oder möglich auf Comirnaty zurückgeführt.
In Deutschland wurden bis Mitte 2024 mindestens 148,5 Millionen Dosen Comirnaty verabreicht. Rund 65 Millionen Menschen erhielten mindestens eine Covid-Impfung. Weitere Impfungen kamen seither hinzu.
Behauptung vs. Realität
| Helmut Sterz behauptet | Tatsächliche Datenlage | Bewertung |
|---|---|---|
| 60.000 Tote durch Comirnaty in Deutschland | 28 wahrscheinliche Todesfälle laut PEI nach WHO-Kriterien | Falsch – Faktor 2.142 übertrieben |
| Underreporting-Faktor von 30 ist Standard in den USA | Kein anerkannter Faktor 30 in USA oder Deutschland, keine offizielle Schätzung von CDC/FDA | Falsch – keine wissenschaftliche Grundlage |
| Verdachtsfälle sind Grundlage für Hochrechnungen | Verdachtsfälle taugen nicht zur Berechnung tatsächlicher Nebenwirkungen | Falsch – methodisch unzulässig |
Wie die Verzerrung entsteht: Die fehlerhafte Rechnung
Sterz nahm die 2.133 vom PEI gemeldeten Verdachtsfälle – also Todesfälle, die zeitlich nach einer Impfung auftraten – und multiplizierte sie mit dem Faktor 30. Seine Begründung: In den USA gebe es einen „Underreporting-Faktor“ von 30, der die Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle ausgleiche. Das Ergebnis: etwa 60.000 Tote.
Diese Rechnung ist aus mehreren Gründen unhaltbar:
- Verdachtsfälle sind keine bestätigten Todesfälle.
Linda Sanftenberg, klinische Versorgungsforscherin am LMU-Klinikum München, stellt klar: „Aus der reinen Anzahl solcher Meldungen kann keine tatsächliche Häufigkeit von Nebenwirkungen berechnet werden.“ Ein Verdachtsfall bedeutet lediglich zeitliche Nähe – nicht Kausalität. Wenn jemand zwei Tage nach der Impfung an einem Herzinfarkt stirbt, wird das gemeldet. Das PEI schreibt: „Ein Großteil der gemeldeten Verdachtsfälle lässt sich durch andere Faktoren wie Vorerkrankungen oder Begleitmedikationen erklären.“ - Der Faktor 30 ist erfunden.
Linda Sanftenberg erklärt: „Nein, in den USA gibt es keinen allgemein anerkannten Underreporting-Faktor von 30 für Impfnebenwirkungen oder gar Todesfälle.“ Auch das PEI stellt fest: „Das genaue Ausmaß des Underreporting lässt sich nicht exakt beziffern.“ Die Zahl 30 taucht zwar in Debatten auf, stammt aber aus veralteten oder zu kleinen Studien – und bezieht sich nicht auf Todesfälle. - Underreporting ist bei Todesfällen minimal.
Ärzte, Apotheker und Hersteller sind verpflichtet, schwere Ereignisse wie Todesfälle zu melden. Todesfälle werden medizinisch untersucht. „Daher ist die Meldequote bei Todesfällen typischerweise relativ hoch“, so Sanftenberg. Underreporting betrifft vor allem milde Nebenwirkungen – nicht Todesfälle. - Bei Covid-Impfstoffen war die Aufmerksamkeit extrem hoch.
Das PEI weist darauf hin, dass die Pandemie und die neuen mRNA-Impfstoffe eine „große öffentliche und mediale Aufmerksamkeit verbunden mit einer erhöhten Meldebereitschaft“ auslösten. Immunologin Martina Prelog vom Uniklinikum Würzburg vermutet sogar ein „Overreporting“ – also mehr gemeldete Fälle, als tatsächlich vorliegen.
Mehr dazu, wie solche Muster der Desinformation systematisch genutzt werden, liest du hier: Irreführender Corona-Post: So arbeiten die alten Impf-Narrative
Wer ist Helmut Sterz? Der „Pfizer-Insider“, der keiner ist
Sterz wird in der Szene der selbsternannten „Querdenker“ und in dem AfD-nahen Medium „Nius“ als „Pfizer-Insider“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist irreführend. Sterz war laut seinem LinkedIn-Profil seit 2011 in Rente – laut Werbetexten für sein Buch bereits seit 2007. Zu Beginn der Corona-Pandemie und damit der Entwicklung der Covid-Impfstoffe war er also seit mehr als zehn Jahren nicht mehr für Pfizer tätig.
Sterz fungiert seit Jahren als „Kronzeuge“ für Gegner der Corona-Impfung. Sein Buch enthält Vorworte von Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg – zwei zentralen Protagonisten der Corona-Desinformation in Deutschland, die oft auf denselben alten Narrativen beruht. In der Anhörung vor der Enquete-Kommission stellte ihm vor allem Stefan Homburg Fragen – ebenfalls von der AfD benannter Sachverständiger und bekannt für die Verbreitung von Falschinformationen zu Corona und Impfung.
Weitere Falschbehauptungen von Sterz
In der Anhörung wiederholte Sterz diverse bereits widerlegte Behauptungen über die Covid-Impfstoffe:
„Turbokrebs“ durch Impfung: Sterz behauptete fälschlicherweise, die Covid-Impfung verursache „Turbokrebs“. Für diese häufig aufgebrachte Falschbehauptung gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise.
Geburtenrückgang durch Impfung: Sterz spielte auf die Behauptung an, ein Geburtenrückgang in der EU sei auf die Covid-Impfstoffe zurückzuführen. Studien haben jedoch gezeigt, dass der Rückgang nicht an den Impfungen liegt. In den meisten Ländern ist die Geburtenrate inzwischen wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie. Portugal, mit der höchsten Covid-Impfquote in der EU (96 Prozent mindestens eine Dosis), verzeichnet aktuell die gleiche Geburtenrate wie vor der Pandemie.
1.223 Todesfälle aus Pfizer-Bericht: Sterz zitierte aus einem Pfizer-Bericht von 2021, der von der US-Zulassungsbehörde FDA veröffentlicht wurde, die Zahl von 1.223 Todesfällen. Auch hier unterschlägt er: Es handelt sich um gemeldete Todesfälle mit zeitlichem Zusammenhang – nicht um nachweislich durch die Impfung verursachte Todesfälle. Diese falsche Interpretation kursierte in den USA bereits 2022 und wurde damals widerlegt.
Was die Wissenschaft tatsächlich zeigt
Große Studien widersprechen der Behauptung von Sterz fundamental:
Eine groß angelegte Kohorten-Studie aus Frankreich untersuchte das Sterberisiko von Geimpften über 45 Monate nach der Impfung. Ergebnis: Das Sterberisiko ist nicht erhöht.
Eine aktuelle Studie aus Ontario (Kanada) untersuchte zwischen April 2021 und Juni 2023 Fälle von plötzlichem Herztod bei Menschen zwischen 12 und 50 Jahren. Auch hier: kein erhöhtes Risiko für Geimpfte.
Linda Sanftenberg fasst zusammen: „Wenn 60.000 Impftote real wären, müsste man eine massive Übersterblichkeit direkt nach der Impfkampagne sehen, eine Konzentration in bestimmten Altersgruppen oder Chargen sowie deutliche Signale in den internationalen Daten. Solche Signale wurden in großen Datensätzen aus mehreren Ländern nicht gefunden.“
Fazit
Die Behauptung von Sterz, 60.000 Menschen seien in Deutschland durch den Biontech-Impfstoff Comirnaty gestorben, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Seine Rechnung basiert auf Verdachtsfällen, die keine Kausalität belegen, und einem erfundenen Underreporting-Faktor. Das Paul-Ehrlich-Institut führt nach WHO-Kriterien 28 wahrscheinliche Todesfälle auf – bei 148,5 Millionen verabreichten Dosen.
Was diesen Fall besonders gefährlich macht: Elon Musk verlieh der Falschbehauptung durch sein bedenkenloses Teilen auf X den Anschein von Legitimität. 60 Millionen Menschen sahen die Zahl – viele glaubten sie. Die Geschichte zeigt: Reichweite ersetzt keine Recherche. Wer unbelegte Behauptungen teilt, trägt Verantwortung für die Verbreitung von Desinformation – unabhängig davon, wie viele Follower er hat.
Quellen
Offizielle Berichte und Daten
Diese Kategorie umfasst Primärquellen staatlicher oder institutioneller Stellen mit hoher Evidenzstufe.
- Paul-Ehrlich-Institut: Pharmakovigilanzbericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe – Sachstand 31.12.2024 (Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 01/2025)
- Paul-Ehrlich-Institut: Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen
- Robert Koch-Institut: Digitales Impfquotenmonitoring zur COVID-19-Impfung (Stand 30.06.2024)
- Deutscher Bundestag: Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie“
- Deutscher Bundestag: Öffentliche Anhörung vom 19. März 2026
Wissenschaftliche Studien
Peer-reviewte Forschung und unabhängige Datenauswertungen.
- Semenzato L. et al.: COVID-19 mRNA Vaccination and 4-Year All-Cause Mortality Among Adults Aged 18–59 Years in France JAMA Network Open (2025)
- Abdel-Qadir H. et al.: Association between COVID-19 vaccination and sudden death in apparently healthy younger individuals PLOS Medicine (2026)
- Eurostat: Fertility statistics (EU-Geburtenraten)
Faktenchecks und Einordnungen
Journalistische Prüfungen und mediale Kontextualisierung.
- BR24 Faktenfuchs: AfD-Sachverständiger verbreitet haltlose Zahl zu Impftoten (24.04.2026)
- USA Today Fact Check: Pfizer report misinterpreted (2022)
Stand der Recherche: 25. April 2026. Alle Quellenangaben wurden am 25.04.2026 überprüft.
Zum Weiterlesen: Erfahre mehr darüber, warum pauschale Behauptungen wie „Wir hatten Recht“ ohne Quellenprüfung brandgefährliche Narrative bedienen.
