Weißes AfD-Logo mit Sprung und weiße Taube vor dunklem Hintergrund – Symbolbild AfD-Machtkampf NRW

Liebesgrüße aus NRW: Der Friedensbrief war eine Finte

23. Juli 2026

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Einordnung: Der AfD-Machtkampf in NRW hat ein neues Kapitel — und es ist das bisher absurdeste. AfD-Landeschef Martin Vincentz schrieb dem Bundesvorstand einen Friedensbrief, behauptete öffentlich, die Klage zurückgezogen zu haben — und tat es nicht. Das Landgericht Düsseldorf widerspricht ihm direkt. Was intern als Beruhigung inszeniert wird, ist in Wahrheit die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

Der AfD-Streit in Nordrhein-Westfalen war schon kaum noch zu überbieten — jetzt hat er sich selbst überboten. Was als Friedensangebot inszeniert wurde, entpuppt sich als Finte. Was als Gerichtsentscheidung kommuniziert wurde, war keine. Und was als innerparteiliche Aufarbeitung angekündigt wird, läuft in zwei gegnerischen Kommissionen parallel — beide untersuchen denselben Vorfall, beide kommen mutmaßlich zu anderen Ergebnissen. Willkommen im politischen Irrenhaus der deutschen Rechten.

Was in Marl wirklich passiert ist — kurze Erinnerung

Wer den Ausgangspunkt noch nicht kennt: Beim Aufstellungsparteitag der „AfD“ NRW in Marl Mitte Juli (18. Juli 2026) eskalierte ein seit Jahren schwelender Richtungsstreit. Das gemäßigter Lager um Landeschef Martin Vincentz setzte sich bei der Listenaufstellung für die Landtagswahl 2027 auf den meisten Plätzen durch. Das völkische Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich — eng verbandelt mit Parteichefin Alice Weidel — blockierte daraufhin Listenplatz 22, indem es über 100 Kandidaten für diesen Platz anmeldete. Mehrere aussichtsreiche Listenplätze blieben unbesetzt.

Die Vorgeschichte dazu und die „Operation Filibuster“ haben wir in zwei früheren Artikeln aufgearbeitet — zum Marl-Parteitag und zur „Schattenarmee“ hinter der Blockade.


Der Friedensbrief: Was Vincentz schrieb — und was davon stimmte

Am Montag (21. Juli 2026) verschickte Vincentz ein Schreiben an die Parteivorsitzenden Weidel und Chrupalla. Ton: versöhnlich. Inhalt: Er bedauere die Eskalation, wolle keinen Schaden von der Partei, und — entscheidend — er werde die Klage zurückziehen, „im Vertrauen, dass der Bundesvorstand genauso besonnen und beruhigend mit uns diesen Weg geht“.

Das Schreiben landete umgehend in der Presse. Aus dem Vincentz-Lager ist zu hören, wer es durchgestochen hat — der Bundesvorstand. Das Friedensangebot war damit öffentlich, bevor eine Antwort kam. Deeskalation durch Eskalation.

Brief mit Totenschädel und Atompilz — Symbolbild für AfD-internen Friedensbrief NRW
Symbolbild | Foto-Compositing: didicologne-nachgehakt.de | Elemente: Pixabay

Doch das eigentliche Problem: Vincentz hatte den Antrag auf einstweilige Verfügung gar nicht zurückgezogen. Das bestätigte eine Sprecherin des Landgerichts Düsseldorf gegenüber t-online am Mittwoch (22. Juli 2026): „Das Verfahren liegt hier vor und wurde nicht zurückgenommen.“ Die Stellungnahmefrist für den Bundesvorstand laufe noch, eine Entscheidung sei nicht absehbar.


Was das Gericht wirklich entschieden hat

Hier lohnt ein genauer Blick, denn die Berichterstattung war an diesem Tag unscharf. CORRECTIV meldete, der Eilantrag sei vom Gericht zurückgewiesen worden — wegen fehlender Eilbedürftigkeit, da die Landeswahlversammlung bereits stattgefunden hatte. t-online hingegen berichtete, der Antrag liege weiterhin vor und sei nicht zurückgenommen worden.

Beides kann stimmen — und widerspricht sich trotzdem nicht vollständig: Der ursprüngliche Antrag, der die Versammlung selbst stoppen sollte, ist durch Zeitablauf obsolet. Was aber weiterläuft, ist eine separate einstweilige Verfügung: Vincentz will dem Bundesvorstand künftige Direkt-E-Mails an NRW-Mitglieder am Landesvorstand vorbei untersagen — bei Zuwiderhandlung drohen 250.000 Euro Strafzahlung. Dieser Antrag läuft. Das Gericht hat nicht entschieden. Die Lage bleibt offen.


Zwei Kommissionen, ein Konflikt — und kein Ende

Als wäre das nicht genug, haben nun beide Lager eigene Untersuchungskommissionen eingesetzt — um denselben Vorfall aufzuarbeiten. Die des Bundesvorstands leitet Roman Reusch, ein ehemaliges Bundesvorstandsmitglied aus dem Weidel-Umfeld. Die des Landesverbands leitet Bundestagsabgeordneter Sascha Lensing — aus dem Vincentz-Lager. Dass beide Kommissionen zum selben Ergebnis kommen, ist unwahrscheinlich.

Weidel und Chrupalla schrieben unterdessen direkt an alle „AfD“-Mitglieder in NRW und erklärten, die aufgestellte Landesliste sei aus ihrer Sicht anfechtbar. Das Weidel-Lager stört sich nicht daran, dass damit die eigene Partei in einem der wichtigsten Wahlkämpfe des Jahres 2027 öffentlich beschädigt wird. Hauptsache, der interne Machtkampf wird gewonnen.

Die Uhr tickt dabei für alle: Die Einreichungsfrist für die NRW-Landesliste läuft bis zum 15. Februar 2027. Bis dahin sind parteiinterne Korrekturen möglich — aber nur, wenn jemand einen Schritt zurücktritt. Dazu ist bisher niemand bereit.


Was bleibt: Der Friedensbrief war kein Angebot — er war Taktik. Vincentz wollte den Bundesvorstand zur Gegenleistung bewegen. Als die ausblieb, wurde der Brief nicht zurückgenommen. Als er in der Presse landete, war der Schaden trotzdem angerichtet — nur diesmal für Vincentz selbst.

Was dieser Machtkampf zeigt, ist kein Ausnahmefall: Er ist der Normalzustand einer Partei, deren autoritärer Führungsanspruch auf allen Ebenen mit lokaler Gegenmacht kollidiert. Die „AfD“ predigt Ordnung und Stärke — und kann intern nicht einmal einen Parteitag geordnet zu Ende bringen. Nicht jeder Friedensbrief bedeutet also gleich Frieden.

Wer verstehen will, wie Populismus intern funktioniert und warum solche Widersprüche das Markenkern-Versprechen untergraben, findet die Grundlagen in unserem Artikel zu Populismus und Manipulation.

Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.

AfD-Machtkampf in NRW: Gericht weist Eilantrag zurück — CORRECTIV, abgerufen am 23.07.2026

Friedensbrief war wohl nur eine Finte — t-online, abgerufen am 23.07.2026

Geheime Chatgruppe und AfD-Schlacht — CORRECTIV, abgerufen am 23.07.2026

Die Parteitage in NRW und Erfurt zeigen den Machtkampf in der AfD — CORRECTIV, abgerufen am 23.07.2026

AfD NRW: Showdown beim Parteitag in Marl — didicologne-nachgehakt.de, 14.07.2026

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