Stillstand: Wie Katherina Reiche die Energiewende ausbremst
Das EEG — der gesetzliche Förderrahmen für Wind- und Solarenergie — läuft am 31. Dezember 2026 aus. Eine Neufassung liegt nicht vor. Dafür gibt es bald neue externe Berater für mindestens 1,2 Millionen Euro. Und die Deutschen zahlen weiterhin den teuersten Haushaltsstrom Europas.
Was das EEG ist — und warum jetzt Feuer auf dem Dach ist
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz garantiert Betreibern von Solar- und Windanlagen eine feste Vergütung über 20 Jahre. Es ist die wirtschaftliche Grundlage für jeden Investor, der in Deutschland eine Anlage baut. Ohne diese Planungssicherheit — keine Investition. Ohne Investition — kein Ausbau.
Das Problem: Das EEG läuft zum 31. Dezember 2026 aus. Bevor eine Neufassung in Kraft treten kann, muss die EU-Kommission sie beihilferechtlich genehmigen. Das braucht Zeit — mindestens mehrere Monate. Wer also im Herbst 2026 noch keinen genehmigten Entwurf hat, riskiert eine Lücke, in der neue Ausschreibungen rechtlich nicht mehr möglich sind. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) warnt seit Monaten: Ein solcher Ausbaustopp wäre strukturell — und er käme nicht von selbst wieder weg.
Katherina Reiche weiß das seit ihrem ersten Arbeitstag als Wirtschaftsministerin.
Reiche weiß es — und tut nichts
Im März 2026 wurde ein Referentenentwurf aus dem Wirtschaftsministerium geleakt. Sein Inhalt war brisant: Streichung der Einspeisevergütung für neue private Solaranlagen bis 25 Kilowatt, Pflicht zur Direktvermarktung. Die Branche reagierte mit Entsetzen, die Grünen mit einem ungewöhnlichen Schachzug — sie bauten aus dem geleakten Entwurf kurzerhand einen eigenen Gesetzentwurf und brachten ihn ins Parlament ein. Weil Reiche es nicht tat.
Bis heute liegt kein Kabinettsentwurf vor. Keine Abstimmung, kein Zeitplan, kein Signal an Investoren. Der BDEW-Fortschrittsmonitor vom Juni 2026 hält fest: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung ist 2025 auf 58,6 Prozent gestiegen — aber Reiches geplantes Netzpaket und die EEG-Hängepartie gefährden genau diesen Aufwärtstrend. Mehrere Branchenverbände und Umweltpolitiker warnen vor „hohen Investitionsrisiken und einer Zubaublockade.“
Das ist kein Unfall. Das ist Methode.
Statt Gesetz gibt es Berater
Im Koalitionsvertrag haben CDU und SPD vereinbart, die Ausgaben für externe Berater zu senken. Was Reiche tut: Sie schreibt erneut einen Millionenauftrag für externe Beratungsleistungen aus — Industriepolitik, Automobilwirtschaft, Chemie. Mindestens 1,2 Millionen Euro, rund 6.800 Arbeitsstunden, Kernaufgaben des Ministeriums.
Die Kritik kommt nicht von außen. Sie kommt aus dem eigenen Haus. Interne Stimmen machen deutlich: Die Expertise für diese Aufgaben ist im Ministerium vorhanden. Eine Antwort auf den Widerspruch zum Koalitionsvertrag blieb das Ministerium gegenüber CORRECTIV schuldig.
Das Geld für die Berater ist da. Das Gesetz für die Energiewende nicht.

Was deutsche Haushalte zahlen — und was andere zahlen
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im ersten Halbjahr 2025 zahlten deutsche Haushalte 38,7 Cent pro Kilowattstunde — der zweithöchste Preis in der gesamten EU. Spanien lag bei 26,1 Cent, Frankreich bei 25,6 Cent.
Das ist kein vorübergehender Ausreißer. Deutschland war schon 2018 mit rund 29,8 Cent deutlich teurer als seine Nachbarn — und hat seitdem den Abstand kontinuierlich vergrößert. Spanien hat in derselben Zeit durch politisches Handeln gegengesteuert: Steuersenkungen, Preisbremsen, konsequenter Solarausbau. Frankreich hat durch sein reguliertes Tarifmodell und einen stabilen Energiemix Preissprünge abgefedert. Beide Länder haben entschieden. Deutschland hat verwaltet.
Wer sich fragt, warum Strom in Deutschland so teuer ist, während andere Länder längst günstiger sind — der muss sich fragen, wer das zu verantworten hat.
Die Volksmeinung ist klar — die Politik schulterzuckt
Eine repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag von naturstrom, durchgeführt im März 2026 mit 5.000 Befragten, liefert ein vernichtendes Urteil: 69 Prozent der Deutschen bewerten Reiches Energiepolitik als „sehr negativ“ oder „eher negativ“. Über die Hälfte sogar als „sehr negativ“. Nur vier Prozent als „sehr positiv“. Selbst unter CDU-Wählerinnen und -Wählern findet nur jede Dritte die Arbeit der Ministerin positiv — bei der SPD sind es unter zehn Prozent.
Parallel dazu: 81 Prozent der Deutschen wollen laut einer Vattenfall/Civey-Umfrage vom April 2026 den Ausbau erneuerbarer Energien. 94 Prozent halten Deutschland bei Energiepreisen und -versorgung für verwundbar. 68 Prozent wünschen sich, dass die Bundesregierung die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten durch mehr Erneuerbare reduziert.
Die Volksmeinung ist seit Jahren abgefragt, dokumentiert, veröffentlicht. Die Antwort der Politik: betretenes Schulterzucken. Verwaltung bis zum Excess. Und ein neuer Beraterauftrag.
Das Muster und seine Folgen
Was hier passiert, ist kein Versagen einer einzelnen Ministerin. Es ist das Symptom eines politischen Systems, das Entscheidungen so lange verwaltet, bis sie sich von selbst erledigen — oder bis andere sie treffen. Die Lobby der fossilen Industrie weiß das zu nutzen. Jedes Jahr ohne EEG-Neufassung ist ein Jahr, in dem bestehende Strukturen zementiert bleiben.
Wer die Energiewende will, braucht keine Verwaltungsangestellten mit Abgeordnetengehalt. Er braucht Macher — Politiker, die entscheiden, auch wenn es unbequem ist, auch wenn Lobbyisten dagegen arbeiten, auch wenn der eigene Koalitionspartner drückt.
Spanien hat das bewiesen. Frankreich auf seine Weise auch. Deutschland schreibt derweil Berater aus.
Und genau das ist das Biotop, in dem Populisten gedeihen. Wer jahrelang erlebt, dass die Volksmeinung ignoriert wird, dass Steuergelder in Beraterhonorare fließen statt in Lösungen, dass Preise steigen während Politiker verwalten — der wird empfänglich für einfache Antworten. Ob diese Antworten stimmen, ist dann leider zweitrangig. Wie das funktioniert, habe ich in meiner Analyse zu Deutschland, Merz und der „AfD“ beschrieben — das Muster ist dasselbe.
69 Prozent der Deutschen lehnen Reiches Energiepolitik ab. Das EEG läuft in fünf Monaten aus. Der Kabinettsentwurf fehlt. Die Berater kommen. Und die Stromrechnung zahlen andere.
Deutschland braucht keine Ministerien, die Entscheidungen verwalten. Es braucht Ministerinnen und Minister, die sie treffen. Solange das nicht passiert, läuft die Uhr — für die Energiewende, für die Strompreise, und für das Vertrauen in eine Politik, die behauptet, für die Menschen da zu sein.
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Wer nachlesen will, bitte sehr. Alles öffentlich zugänglich.
- CORRECTIV: Reiche will erneut Millionenauftrag an externe Berater vergeben (08.07.2026) – Abgerufen am 09.07.2026
- taz: Nötige Reform der Erneuerbaren-Förderung – Grüne handeln, Reiche nicht (09.07.2026) – Abgerufen am 09.07.2026
- naturstrom/Civey: Repräsentative Umfrage zur Energiepolitik der Bundesregierung, März 2026 (5.000 Befragte) – Abgerufen am 09.07.2026
- t-online/BDEW: Fortschrittsmonitor 2026 – Erneuerbare bei 58,6%, Zubaublockade droht (Juni 2026) – Abgerufen am 09.07.2026
- Eurostat: Electricity price statistics – Haushaltsstrompreise EU 2018–2025 (nrg_pc_204) – Abgerufen am 09.07.2026
- Solarserver: Vattenfall/Civey-Umfrage – 81% für Erneuerbare-Ausbau, 94% sehen Deutschland als verwundbar (April 2026) – Abgerufen am 09.07.2026
