Stilisierte blaue Holzfigur mit überlanger Nase vor stürmischem Himmel über einer Stadtsilhouette, Symbolbild zum Renten-Vergleich; auf der Nasenspitze liegt eine 1-Euro-Münze mit der Zahl 12, ein roter Pfeil führt von dort zu einem Stapel Geldscheine, darüber der Schriftzug "Alternative Wahrheiten"

Renten-Trick: Wie die AfD mit echten Zahlen manipuliert

Kategorie: Politik im Fokus | PiF: Innenpolitik

Veröffentlicht: 13. Juni 2026

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Kurz zusammengefasst: Zwei aktuelle Geschichten zeigen, wie AfD-nahe Akteure reale Ereignisse und echte Zahlen so verkürzen oder gegenüberstellen, dass ein verzerrtes Bild entsteht – mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026.

Zwei Geschichten, ein Muster

In den vergangenen Tagen kursierten zwei Geschichten durch deutsche soziale Netzwerke, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: der Tod eines Mädchens in den Niederlanden vor sechs Jahren – und eine Rentenerhöhung in der Ukraine. Beide Geschichten haben einen wahren Kern. Und beide werden von AfD-Politikern und ihrem Umfeld genutzt, um eine Botschaft zu transportieren, die mit diesem Kern nur noch lose verbunden ist. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt, und die AfD rechnet sich dort gute Chancen aus.

Fall 1: Ein Todesfall von 2020 wird reaktiviert

Die 14-jährige Tamar starb 2020 im niederländischen Marken, nachdem ein Auto sie erfasst hatte. Seit einigen Tagen taucht ihr Fall wieder auf – auf Facebook, X und sogar auf LinkedIn, in auffällig ähnlichen Formulierungen. Die Behauptung: Die niederländische Polizei habe die Herkunft der Unfallbeteiligten verschleiert, um dem rechtspopulistischen Politiker Geert Wilders keinen politischen Aufwind zu geben – ein sogenannter „Wilders-Effekt“.

AfD-Bundestagsabgeordneter Maximilian Krah teilte Bilder der Verstorbenen und griff den Vorwurf der Vertuschung auf. Der Politikberater Johannes Hillje ordnet das Muster ein: Rechtspopulistische Akteure seien international digital eng vernetzt und könnten gemeinsame Erzählungen in hoher Geschwindigkeit verbreiten. Solche Geschichten sollen den Eindruck erzeugen, Bürger seien zu Opfern von Staat und Migration geworden – und es brauche einen „Retter“, der das ändert.

Was an dem Fall tatsächlich neu ist: nichts. Der Unfall liegt sechs Jahre zurück, neue Erkenntnisse gibt es keine. Neu ist nur der Zeitpunkt der erneuten Verbreitung – wenige Monate vor einer Wahl, in der die AfD um die stärkste Kraft kämpft.

Fall 2: Die Rente, die angeblich „unser Geld“ ist

Beim zweiten Fall geht es um Zahlen statt um ein Gesicht – das Prinzip bleibt dasselbe. Ende April 2026 stellte AfD-Europaabgeordneter Petr Bystron auf X eine Rechnung auf: Mit den 90 Milliarden Euro, die die EU der Ukraine als Kredit zugesagt hatte, ließen sich die laufenden Rentenzahlungen in Deutschland angeblich um 24 Prozent erhöhen. CORRECTIV stufte die Rechnung als irreführend ein – aus gutem Grund: Es handelt sich um ein EU-Darlehen über zwei Jahre, finanziert von allen EU-Staaten gemeinsam, nicht um eine deutsche Direktzahlung.

Wenige Tage später, am 2. Mai, legte Bystron mit einer anderen Zahl nach: Die Ukraine erhöhe ihre Renten um zwölf Prozent – „von unserem Geld“, während deutsche Rentner angeblich Flaschen sammeln müssten. Auch der AfD-Kreisverband Weiden griff das Thema auf und stellte die ukrainische Rentenerhöhung von 12,1 Prozent der deutschen Rentenerhöhung von rund vier Prozent gegenüber, ergänzt um den Hinweis auf die rund 94 Milliarden Euro, die Deutschland der Ukraine seit 2022 insgesamt an zivilen und militärischen Leistungen zukommen ließ.

Die einzelnen Bausteine dieser Rechnung sind nicht erfunden. Die Ukraine hat ihre Renten zum 1. März 2026 tatsächlich um 12,1 Prozent erhöht – das ist eine gesetzlich vorgeschriebene jährliche Anpassung an die Inflation, keine kriegsbedingte Sonderleistung. Und Deutschland hat der Ukraine seit 2022 tatsächlich erhebliche Summen zukommen lassen. Was fehlt, ist die Verbindung zwischen beiden Fakten – und vor allem die Größenordnung, von der hier eigentlich die Rede ist.

Zwölf Prozent von wenig bleibt wenig

Die ukrainische Durchschnittsrente lag zum Jahresbeginn 2026 bei umgerechnet knapp 130 Euro im Monat – mehr als die Hälfte der gut zehn Millionen Rentner erhält sogar weniger als 100 Euro. Die Erhöhung um 12,1 Prozent bedeutet für die Durchschnittsrente also ein Plus von rund 16 Euro.

In Deutschland liegt der durchschnittliche monatliche Rentenzahlbetrag – also das, was tatsächlich auf dem Konto landet, nicht die theoretische „Eckrente“ – bei rund 1.180 Euro. Die für 2026 erwartete Rentenerhöhung von etwa 3,7 Prozent macht hier ein Plus von rund 44 Euro aus. Allein die deutsche Erhöhung ist also größer als die gesamte ukrainische Durchschnittsrente.

Split-Bild: Links steht eine ältere Frau mit Gehstock auf einer kleinen, grauen Banknote mit der Zahl 50 vor einer zerstörten Stadt, rechts steht eine ältere Frau mit Rollator auf einer größeren, goldgelben Banknote mit der Zahl 200 vor einem grünen Park

Kaufkraft: Was als Minimum übrig bleibt

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man sich ansieht, was der jeweilige Staat als Minimum garantiert. In der Ukraine liegt die Mindestrente für nicht erwerbstätige Rentner bei umgerechnet rund 76 Euro im Monat, das gesetzlich definierte Existenzminimum für Erwerbsunfähige sogar nur bei etwa 59 Euro. In Deutschland beträgt allein der Regelsatz der Grundsicherung für einen Alleinstehenden rund 563 Euro im Monat – Wohnkosten werden zusätzlich übernommen.

Wer eine Rentenerhöhung von 12 Prozent gegen eine von vier Prozent ausspielt, vergleicht zwei Prozentzahlen – und verschweigt, dass die eine Zahl auf einer Basis steht, die ein Vielfaches der anderen beträgt. Das ist keine „Lüge“ im engeren Sinn. Es ist eine Auswahl wahrer Zahlen, die so zusammengestellt wird, dass eine falsche Schlussfolgerung naheliegt.

Warum das funktioniert

Beide Fälle – der reaktivierte Todesfall und die Renten-Rechnung – folgen demselben Prinzip, das wir in unserem Grundlagenartikel zu Populismus und Manipulationstechniken beschrieben haben: Ein wahrer Ausgangspunkt wird so weit verkürzt, dass nur noch die emotionale oder rechnerische Pointe übrig bleibt. Wer eine Schlagzeile liest, hat selten Zeit oder Lust, fehlenden Kontext selbst zu recherchieren – genau darauf setzen solche Posts.

Bei Zahlen-Sharepics kommt ein zweiter Effekt hinzu: Prozentangaben wirken objektiv und seriös, gerade weil sie wie „Fakten“ aussehen. Dass eine Prozentzahl ohne Bezugsgröße nichts aussagt, fällt im schnellen Scrollen kaum auf. Auch das Faktencheck-Portal Mimikama hat ein ähnliches Sharepic zur ukrainischen Rentenerhöhung bereits im April 2026 eingeordnet – mit demselben Befund: Die nackten Zahlen stimmen, der Kontext fehlt, und genau das macht den entscheidenden Unterschied.

Der Blick auf Sachsen-Anhalt

Beide Geschichten erreichen ihre größte Reichweite in den Monaten vor der Landtagswahl am 6. September 2026, bei der die AfD sowohl bundesweit als auch in Sachsen-Anhalt in Umfragen vorne liegt. Das ist kein Beweis für eine zentral gesteuerte Kampagne. Es zeigt aber, wie gut sich emotionale Einzelfälle und vermeintlich „harte“ Zahlen ergänzen, wenn es darum geht, ein Gefühl von Bedrohung und Ungerechtigkeit zu erzeugen – kurz bevor gewählt wird.

Am Ende bleibt von beiden Geschichten dasselbe übrig: ein Körnchen Wahrheit, verpackt in einem Rahmen, der eine andere Geschichte erzählt, als es die Fakten tun. Wer mehr über die Methode hinter solchen Erzählungen wissen will, findet im Fall des erfundenen Luxusjachten-Fakes um Maximilian Krah ein weiteres Beispiel desselben Akteurs.

Ist dir diese Art von Vergleich auch schon untergekommen – vielleicht sogar in deiner eigenen Facebook-Timeline? Schreib es in die Kommentare, und teile den Artikel, wenn du findest, dass solche Rechnungen mal eingeordnet werden müssen.

Fall 1 – Tamar / Sachsen-Anhalt:

Fall 2 – Renten-Vergleich Ukraine/Deutschland:

Zahlen Deutschland – Renten und Existenzminimum:

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