Symbolbild: 14 Silhouetten vor deutscher Altstadt, darüber stilisierter Reichsadler mit Neonkontur – AfD-Bundesvorstand Erfurt 2026

Aufgedeckt: Der völkische „AfD“-Bundesvorstand nach Erfurt

Jünger, radikaler, vernetzter: Beim Parteitag in Erfurt hat die „AfD“ einen neuen Bundesvorstand gewählt — und CORRECTIV hat alle 14 Mitglieder unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist kein Zufallsbild. Es ist ein Dokument.


Weidel gewinnt — aber zu welchem Preis?

Alice Weidel geht gestärkt aus Erfurt hervor: 81 Prozent der Delegierten stimmten für sie, ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla kam nur auf 70 Prozent. Der Abstand spricht Bände. Den Vorstand hat Weidel zu ihren Gunsten besetzt — mit Vertrauten aus ihrem Netzwerk und aus der aufgelösten Jungen Alternative.

Der Preis dafür ist real: Weidel sagte dem Antrag Björn Höckes zu, die Unvereinbarkeitsliste der Partei zu überarbeiten. Bisher stand darauf unter anderem die Identitäre Bewegung — Mitglieder durften nicht in die „AfD“ aufgenommen werden. Nun soll sich der neue Bundesvorstand dieser Frage annehmen. Das ist kein Versehen. Das ist ein Signal.

Ein neues Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte bescheinigt Weidel, seit dem Beginn ihrer Karriere „strategisch opportunistisch“ aufzutreten. Einst betrieb sie ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke — heute nennt sie das einen Fehler. Die Distanz zu völkisch-nationalistischen Positionen, die Weidel gern nach außen projiziert, existiert innerparteilich längst nicht mehr.


Das Münzenmaier-Netzwerk: Fäden aus dem Hintergrund

Sebastian Münzenmaier hat sich in Erfurt selbst nicht aufstellen lassen. Trotzdem war er überall. Als es bei einer Vorstandswahl zu Schwierigkeiten kam, beriet sich Weidel zwischendurch mit ihm. Das Netzwerk um den rheinland-pfälzischen Bundestagsabgeordneten wirkt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes „offensichtlich zielgerichtet und erfolgreich auf die Ausrichtung der Gesamtpartei“ ein — und sei mit dem aufgelösten Höcke-„Flügel“ inhaltlich vergleichbar, „jedoch besser organisiert.“

In Mainz betreibt Münzenmaier das „Zentrum Rheinhessen“, das der rheinland-pfälzische Innenminister 2025 als „zentralen Baustein für die Vernetzung der „AfD“ mit der rechtsextremen Szene“ bezeichnete. Treffen mit der Identitären Bewegung, rechtsextremen Burschenschaften und „AfD“-Mitgliedern finden dort statt. Münzenmaier kandidiert nicht — aber er regiert trotzdem mit.


Pass ≠ Deutsch: Der völkische Kern

Was fünf der neuen Vorstandsmitglieder eint, ist eine Überzeugung, die dem Grundgesetz widerspricht: Ein deutscher Pass mache noch keinen Deutschen. Staatsbürgerschaft und Volkszugehörigkeit — für sie zweierlei Dinge.

Stefan Möller, engster Vertrauter Höckes, schrieb es 2020 offen auf X: „Wenn man einen deutschen Pass hat, muss man noch lange kein Deutscher sein.“ Hannes Gnauck, neuer Bundesschatzmeister und letzter Vorsitzender der aufgelösten Jungen Alternative, fordert öffentlich, man müsse „entscheiden dürfen, wer überhaupt zu diesem Volk gehört“. Der Verfassungsschutz führt ihn als Rechtsextremisten. Marc Jongen, langjähriger „Parteiphilosoph“ der „AfD“, sagte in einem ZEIT-Interview: „Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen.“ Dennis Hohloch bezeichnete den Einbürgerungsanspruch von 2015 nach Deutschland geflüchteter Menschen als „Angriff auf unser Volk“. Und Katrin Ebner-Steiner erklärte, die deutsche Staatsbürgerschaft werde heute „an alle Welt verramscht“.

Das ist kein Randphänomen. Das ist der ideologische Konsens weiter Teile des neuen Bundesvorstands — eine Weltsicht, bei der der demokratische Rechtsstaat endet, bevor der Satz fertig ist.


Die JA-Alumni übernehmen

Mehr als ein Drittel des neuen Vorstands hat Wurzeln in der Jungen Alternative — jener Jugendorganisation, die der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufte und die sich 2024 selbst auflöste. Die Köpfe sind geblieben.

Sven Tritschler war zwischen 2015 und 2018 Bundesvorsitzender der JA, Alice Weidel schlug ihn persönlich für den Vorstand vor. Beim internationalen „Remigration Summit 2026″ posierte er mit dem früheren US-ICE-Kommandeur Greg Bovino. Im Landtag diffamierte er Greta Thunberg in einem Bild im Hitler-Look. Hannes Gnauck war letzter JA-Bundesvorsitzender, bevor die Organisation aufgelöst wurde. Dennis Hohloch war fünf Jahre lang JA-Vorsitzender, der Brandenburger Verfassungsschutz stufte ihn bereits 2019 namentlich als Rechtsextremisten ein. Maximilian Kneller war Mitgründer der JA in Nordrhein-Westfalen, wurde 2015 wegen Bedrohung einer Frau zu 30 Tagessätzen verurteilt und postete im Januar 2026 gemeinsam mit Tritschler ein KI-Bild, das die Festnahme Angela Merkels zeigte.

Die Parteijugend wurde aufgelöst. Die Ideologie wurde befördert.

Demonstrationsschild mit Aufschrift „So hat es damals auch angefangen
Foto: Leonhard Lenz, CC0, via Wikimedia Commons

Sellner-Netzwerk direkt im Vorstand

Die Identitäre Bewegung und ihr langjähriger Kopf Martin Sellner sollen offiziell auf der Unvereinbarkeitsliste der „AfD“ stehen. De facto zieht sich das Netzwerk durch den gesamten neuen Bundesvorstand.

Tritschler nahm am Remigration Summit teil, den Sellner mitorganisiert hatte. Möller traf Sellner im Thüringer Landtag. Jean-Pascal Hohm, Chef der neuen „AfD“-Jugendorganisation Generation Deutschland und frisch gewählter Beisitzer, hält die IB für „absolut legitim“ und sprach sich im Februar 2026 noch gegen ein Kontaktverbot für Parteimitglieder mit Sellner aus. Hohloch arbeitet in einer Arte-Dokumentation offen die Zusammenarbeit mit der IB durch — das sei „notwendig“, weil man einen „Kulturkampf“ führe.

Und Weidel? Hat nun zugesagt, die Unvereinbarkeitsliste zu überprüfen. Was bisher die letzte formelle Barriere war, steht offenbar zur Disposition.


Was dieser Vorstand für Sachsen-Anhalt bedeutet

Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die „AfD“ liegt in aktuellen Umfragen bei rund 41 Prozent. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dessen Netzwerk CORRECTIV ausführlich dokumentiert hat, führt eine Partei, deren Bundesvorstand nun genau jene Leute enthält, die den völkischen Kurs seit Jahren vorantreiben.

Martin Reichardt, Landesvorsitzender der „AfD“ Sachsen-Anhalt, wurde in Erfurt mit 85 Prozent in den Bundesvorstand gewählt. Er ist Teil der sogenannten „Pokerrunde“, jener Sachsen-Anhalter Gruppe, die laut CORRECTIV Posten unter Verwandten aufgeteilt hat — die Vetternwirtschafts-Affäre, die Anfang 2026 publik wurde. Ende Juni veröffentlichte die Welt ein Foto, das ihn beim Hitler-Gruß zeigt. Der Großteil der Delegierten in Erfurt hat ihn trotzdem mit überwältigender Mehrheit gewählt — oder gerade deshalb.

Diese Partei will in Sachsen-Anhalt regieren. Wer das wählt, wählt diesen Vorstand.


Der neue „AfD“-Bundesvorstand ist kein Zufallsprodukt. Er ist das Ergebnis jahrelanger, geduldiger Radikalisierung: Jugendorganisationen wurden aufgelöst, ihre Anführer nach oben durchgereicht. Netzwerke, die der Verfassungsschutz als gefährlich einstuft, sitzen jetzt am Tisch der Parteiführung. Und die Unvereinbarkeitsliste — das letzte formelle Bollwerk gegen den offenen Schulterschluss mit der extremen Rechten — soll überarbeitet werden.

„So hat es damals auch angefangen“ stand auf einem Schild bei einer Demo gegen die „AfD“ in Berlin — ein Zitat, das Margot Friedländer zugeschrieben wird, die den Nationalsozialismus als Kind überlebt hat. Man muss kein Prophet sein, um zu verstehen, was gemeint ist.

Im September entscheiden die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wer entscheiden möchte, sollte wissen, wen er wählt — und wer im Hintergrund die Fäden zieht. Informieren Sie sich. Reden Sie mit Ihrem Umfeld. Und wenn Ihnen das wichtig ist: Teilen Sie diesen Artikel.


Die Belege liegen auf dem Tisch.

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