Merz wusste von nichts — sein Staatsgast wusste alles
22. Juli 2026
Lesezeit: ca. 7 Min.
Einordnung: Das Baku-Treffen ist kein Skandal wegen der Treffen selbst — informelle Diplomatie gibt es seit Jahrzehnten. Der Skandal ist der Befund der deutschen Sicherheitsbehörden: Diese Treffen sind keine Friedensgespräche, sondern eine russische Einflussoperation. Und die Teilnehmer kommen aus beiden Regierungsparteien. Aber Merz wusste von nichts?
Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew stand heute (22. Juli 2026) neben Bundeskanzler Friedrich Merz im Bundeskanzleramt — und lieferte dabei unfreiwillig den schlagkräftigsten Beweis des Tages gegen die eigene Bundesregierung. Merz hatte gerade erklärt, ihm sei von einem deutsch-russischen Treffen in Baku „nichts bekannt.“ Alijew erwiderte: Doch. Seine Grenzbehörden hätten entsprechende Flugdaten. Der Kanzler stand daneben. Und sagte nichts.
Was am Dienstag (22. Juli 2026) im Bundeskanzleramt passiert ist
Es war ein ungewöhnlicher Moment diplomatischer Offenheit. Alijew, Staatsgast in Berlin, bestätigte auf Nachfrage von Journalisten, was die Wochenzeitung Die Zeit und das ARD-Magazin Kontraste seit Tagen berichteten: Der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla („CDU“) und der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck („SPD“) waren am 12. Juli 2026 gemeinsam von Berlin nach Baku geflogen — und am 14. Juli wieder zurück. Die Flugdaten der aserbaidschanischen Grenzbehörden lagen Alijew vor.
Gleichzeitig mit Pofalla und Platzeck hielten sich in Baku auf: Viktor Subkow, ehemaliger russischer Ministerpräsident und heutiger Gazprom-Aufsichtsratschef, sowie Waleri Fadejew, Leiter des russischen Präsidialrats für Zivilgesellschaft. Beide gelten als enge Vertraute von Wladimir Putin. Ort des Treffens: das Five-Star Hotel Four Seasons in Baku.
Merz’ Kommentar nach Alijews Aussage: Er habe es zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Bereits heute Mittag (22. Juli 2026) hatte das Auswärtige Amt nicht auf Presseanfragen geantwortet. Pofalla und Platzeck schwiegen ebenfalls.
Wer die Akteure sind — und warum das zählt
Ronald Pofalla war von 2009 bis 2013 Kanzleramtschef unter Angela Merkel. Nach seiner Politikzeit wurde er Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn, später Ko-Vorsitzender des Petersburger Dialogs — eines halb offiziellen deutsch-russischen Gesprächsforums. Dieses Forum wurde nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf Initiative Berlins offiziell ausgesetzt. Pofalla hält seitdem informelle Kontakte nach Moskau aufrecht — und gilt in Medienberichten als möglicher inoffizieller Kanal zwischen Berlin und Moskau.
Matthias Platzeck war bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg und zeitweise „SPD“-Bundesvorsitzender. Er leitete das Forum für deutsch-russische Zusammenarbeit und galt innerhalb der „SPD“ lange als Stimme für eine stärkere Annäherung an Russland. Auch nach 2022 reiste er nach eigenen Angaben nach Russland — um bestehende Kontakte nicht abreißen zu lassen.
Beide stehen für eine Denktradition, die den Dialog mit Moskau auch unter Kriegsbedingungen für sinnvoll hält. Die Frage ist nicht, ob man das für richtig oder falsch hält. Die Frage ist, mit wem sie sich in Baku getroffen haben — und was der Befund der Sicherheitsbehörden dazu sagt.
Der Petersburger Dialog und seine stille Wiederkehr
Offizielles Ende: Der Petersburger Dialog wird auf Initiative Berlins nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ausgesetzt. Das deutsch-russische Gesprächsforum gilt als beendet.
Stille Fortsetzung: Laut Recherchen von Zeit und ARD-Kontraste: inoffizielle Treffen in Baku. Deutsche Sicherheitsbehörden bewerten diese als russische Einflussoperation.
Anreise: Pofalla und Platzeck fliegen von Berlin nach Baku. Treffpunkt: Four Seasons Hotel. Auch Ex-Schweizer Botschafter Tim Guldimann nimmt teil.
Russische Delegation: Subkow (Gazprom), Fadejew (Präsidialrat), Gromyko — enge Vertraute Putins reisen an.
Live-Enthüllung: Alijew bestätigt das Treffen neben Merz im Bundeskanzleramt — mit konkreten Flugdaten seiner Grenzbehörden.
Das Format nennt sich in Teilnehmerkreisen selbst „Petersburger Dialog“ — also genau jenes Forum, dessen Auflösung die Bundesregierung öffentlich veranlasst hatte. Was das bedeutet: Der Dialog läuft weiter. Nur eben ohne öffentliche Legitimation, ohne parlamentarische Kontrolle und ohne dass der Kanzler davon weiß. Oder wissen will.
Was Merz wusste — und was er hätte wissen müssen
Die einfachste Interpretation: Merz hat schlicht keine Kenntnis gehabt. Das ist möglich. Es wäre aber auch beunruhigend genug. Denn wenn zwei prominente Ex-Politiker aus den beiden Regierungsparteien sich mit Putin-Vertrauten treffen, die auf EU-Sanktionslisten stehen, und der Bundeskanzler das nicht erfährt, dann funktioniert etwas in der Informationsarchitektur der Bundesregierung nicht.
Die zweite Interpretation: Merz wusste es und hat es trotzdem öffentlich verneint. Das wäre noch gravierender. Merz steht in dieser Woche doppelt unter Druck: erst Kretschmer, der die Brandmauer zur „AfD“ öffentlich in Frage stellt — darüber haben wir heute (22. Juli 2026) bereits berichtet —, jetzt ein Staatsgast, der ihn live in Berlin korrigiert. Kretschmer und die Brandmauer: Wie die CDU ihre eigene Linie unterhöhlt.

Geheimkanal oder Einflussoperation?
Pofalla und Platzeck sehen sich offenbar als informelle Brücke zwischen Berlin und Moskau. Das ist eine verständliche Selbstwahrnehmung — und laut deutschen Sicherheitsbehörden eine falsche.
Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik erklärte gegenüber der Zeit, Subkow und Fadejew seien „nicht Teil einer Verhandlungsmaschinerie“, sondern „Teil des russischen Propagandaapparates.“ Politologin Sarah Pagung sagte gegenüber der ARD, es sei „völlig fehlgeleitet“ zu glauben, man könne über „solche Leute“ Einfluss auf die russische Politik nehmen. Das Ziel Russlands bei solchen Treffen ist nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden klar: Es geht darum, zu vermitteln, dass Frieden nur zu russischen Bedingungen möglich ist — und die westliche Geschlossenheit als bröckelnd darzustellen.
Das ist keine Diplomatie. Das ist der Versuch, deutsche Gesprächsbereitschaft politisch zu verwerten. Wie solche Muster funktionieren, haben wir grundsätzlich beschrieben: Populismus erkennen: Die Tricks der Manipulation.
Fazit: Hinterzimmer-Diplomatie ist keine Außenpolitik
Was bleibt: Dass sich frühere Politiker mit russischen Akteuren treffen, ist keine neue Erscheinung. Dass sie das unter dem Namen eines offiziell aufgelösten Forums tun, ohne Mandat, ohne Transparenz und mit Personen, die auf EU-Sanktionslisten stehen, ist eine andere Qualität. Und dass der Kanzler das nicht weiß — oder nicht wissen will — ist das eigentliche Alarmsignal.
CDU-Politiker Roderich Kiesewetter warnte bereits vor einem deutschen Sonderweg, der Verbündete verunsichern könnte. Er hat recht. Wer mit dem russischen Propagandaapparat spricht und dabei glaubt, Friedensdiplomatie zu betreiben, liefert Moskau genau das, was Moskau braucht: das Bild eines gespaltenen Westens.
Baku ist ein Ort, der für informelle Diplomatie bekannt ist. Was dort am 12. Juli 2026 stattfand, war aber keine Diplomatie. Es war ein Netzwerktreffen im Fünfsternehotel — bezahlt von wem auch immer, legitimiert von niemandem und kontrolliert von keiner demokratischen Institution. Das sollte auch denen zu denken geben, die meinen, am Ende zähle nur das Ergebnis.
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Alle Fakten selbst nachprüfbar — wie es sich gehört.
→ Frankfurter Rundschau: Merz’ Staatsgast bestätigt deutsch-russisches Geheimtreffen (22.07.2026)
→ Euronews: Deutsche Ex-Politiker treffen Russen in Baku, sagt Aserbaidschan (22.07.2026)
→ news.de/dpa: Aserbaidschan bestätigt Geheimdiplomatie in Baku (Abruf: 22.07.2026)
→ dpa: Platzeck verteidigt Kontakte nach Russland (Abruf: 22.07.2026)
→ Baku-Connection: Platzeck und Pofalla treffen Russen (Kontraste/Zeit-Recherche) (Abruf: 22.07.2026)