Stolpersteine von Max Salomon und Hans David Tobar vor Karnevalisten in Sepia – Kölner Karneval in der NS-Zeit

Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz – Der Kölner Karneval in der NS-Zeit

7–11 Minuten

Es gibt Themen, über die Köln lange lieber nicht gesprochen hat. Eines davon ist das, was zwischen 1933 und 1945 auf den Straßen der Domstadt passierte, wenn Karneval war. Kein Ausnahmezustand, keine Besetzung durch Fremde – es war die eigene Stadt, die eigenen Vereine, die eigenen Jecken. Und was dort auf Festwagen durch die Straßen rollte und von Bühnen gerufen wurde, hatte mit harmloser Narretei herzlich wenig zu tun.

Der Historiker Jürgen Meyer nennt es den „tabuisierten Teil der Stadtgeschichte“. Lange hat das Kölner Karnevalsmuseum lieber historische Narrenkappen ausgestellt als die unschönen Kapitel seiner eigenen Geschichte aufzuarbeiten. Dieser Artikel tut es trotzdem. aber er ist auch ein Artikel gegen das Vergessen.

1933: Endlich wieder Karneval – und sofort auf Linie

Es war Kölns damaliger Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der darauf bestand, dass wieder ein Rosenmontagszug stattfinden müsse. Die Stadt unterstützte das Festkomitee finanziell, das Dreigestirn stand bereit, und erstmals zogen auch die Veedelszöch durch die Stadt. Der erste Kölner Rosenmontagszug nach Jahren der Unterbrechung fand 1933 statt – und die Nazis wussten das zu nutzen.

Bereits am 1. März 1933 jubelte das NS-Parteiblatt Westdeutscher Beobachter über den Zug: Er habe nichts Volksfremdes mehr, sei frei von „liberalistisch-marxistischen Strömungen“ – urwüchsiger Humor, volkstümlich, passend zum Volksfest. Im November 1933 erließ die NSDAP die Anweisung, den Karneval als „deutsches Volksgut“ herauszustellen, alle kirchlichen Bezüge zu streichen und politische Witze sowie jede Kritik am Regime zu verbieten. Der Rosenmontagszug wurde nicht mehr von den Karnevalsgesellschaften organisiert, sondern von einem Bürgerausschuss unter NS-Kontrolle – mit zwei SA-Männern in der Leitung.

Die „Narrenrevolte“ 1935 – eine Legende zerfällt

Im Mai 1935 eskalierte der Machtkampf. Der NS-Beigeordnete Wilhelm Ebel verkündete die Gründung eines „Vereins Kölner Karneval e.V.“ aus Vertretern der Stadtverwaltung, der NSDAP, der Polizei und der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Ziel: vollständige Übernahme des Karnevals.

Die großen Karnevalsgesellschaften revoltierten. Ihr Präsident Thomas Liessem – selbst seit 1932 NSDAP-Mitglied – drohte mit Totalboykott. Die Nazis lenkten ein. Das „Festordnende Komitee“ blieb erhalten, fortan „Festausschuss“ genannt.

In der Nachkriegszeit wurde dieser Vorgang als mutiger Widerstand der Kölner Narren gefeiert. Die historische Forschung hat dieses Bild korrigiert: Es war kein Akt gegen den Nationalsozialismus. Es war ein Verwaltungsstreit um Organisationshoheit. Danach arrangierten sich die Karnevalisten bereitwillig: Sie moderierten KdF-Karnevalssitzungen und verliehen Karnevalsorden an lokale NS-Größen.

Historische Einordnung: Die „Narrenrevolte“ von 1935 gilt in der heutigen Geschichtswissenschaft nicht als Widerstandsakt, sondern als Selbstgleichschaltung unter Wahrung der eigenen Organisationsstrukturen. Erste Versuche einer kritischen Aufarbeitung scheiterten nach dem Krieg am aktiven Widerstand im Festkomitee – angeführt von Thomas Liessem, der nahtlos vom NS-angepassten Funktionär zum Hüter der Widerstandslegende wurde.

Der Rassenwahn rollt durch Kölns Straßen

Was auf den Rosenmontagszügen von 1933 bis 1939 durch die Kölner Innenstadt fuhr, war kein Einzelfall. Es war Programm.

Bereits 1934 rollte ein Wagen mit der Aufschrift „Die Letzten ziehen ab“ – darauf Männer, als orthodox-jüdische Karikatur verkleidet. Eine perfide Verhöhnung der Menschen, die zu diesem Zeitpunkt bereits unter massiven Repressalien litten.

1936 – nach den Nürnberger Rassengesetzen – fuhr Wagen Nummer 13: „Däm han se op d’r Schlips getrodde“ (Dem haben sie auf den Schlips getreten). Zu sehen: eine riesige Pappfigur mit grotesk übertriebener Hakennase, hilfesuchend die Arme reckend, während eine als Paragraf stilisierte Figur ihr den Fuß auf die Krawatte setzt.

Dieser Wagen war jahrzehntelang nur als Foto bekannt. Erst 2013 entdeckte der Verein „Köln im Film“ im Landesfilmarchiv Bremen einen Stummfilm von 1936 – erstmals bewegte Bilder des antisemitischen Motivwagens. Der Film wurde 2014 öffentlich gezeigt, unter anderem im NS-Dokumentationszentrum Köln. Bis 1939 fuhren in jedem Kölner Rosenmontagszug antisemitische Motivwagen mit. Dazu kamen Lieder wie „Die Jüdde wandern uss“ – die im Karneval ganz normal wurden.

Gleichschaltung bis ins Detail: Körper, Tradition, Identität

Der NS-Eingriff beschränkte sich nicht auf Festwagen und Parolen. Er griff tief in Traditionen ein.

Paragraph 3 der Satzung des Festausschusses Kölner Karneval legte schriftlich fest: „Nichtarier werden nicht in den Verein aufgenommen.“ 1935 wurden alle Nicht-Arier aus allen Gesellschaften ausgeschlossen. Jüdische Karnevalsvereine wurden aufgelöst.

Die Funkenmariechen wurden seit Menschengedenken von Männern dargestellt. Für die Nationalsozialisten war das Transvestitismus. Ab 1935 wurden die Gesellschaften angewiesen, Frauen einzusetzen. Die Korps gehorchten. Die NS-Presse behauptete anschließend, Mariechen seien ursprünglich immer von Frauen dargestellt worden – eine bewusste Geschichtsfälschung.

1938 setzte die NSDAP durch, was sie seit 1935 gefordert hatte: Die männliche Jungfrau im Dreigestirn wurde durch eine Frau ersetzt. Die weiblichen Tanzmariechen blieben nach dem Krieg – bis heute.

Ab Mitte der 1930er Jahre vermarktete die KdF den Karneval bundesweit als Tourismusevent. Sonderzüge aus dem ganzen Reich, vergünstigte Eintrittskarten. 1936 gab es erstmals eine bundesweit ausgestrahlte Rundfunksitzung: „Kölle Allaaf“ – als Propagandashow für das Ausland.

Die Verfolgten: Jüdische Karnevalisten zwischen Auftrittsverbot und Flucht

Wer waren die Menschen, die aus dem Kölner Karneval vertrieben wurden?

Hans David Tobar, geboren 1888 in Köln, war Krätzchensänger und Autor kölscher Programme. Er sorgte bis 1933 für ausverkaufte Veranstaltungen im Kaiserhofpalast. Sein Name wurde aus den offiziellen Programmheften gestrichen. 1939 floh er über Rotterdam in die USA. Er starb 1956 in New York.

Max Salomon, geboren 1886 in Köln, war Gründer und Präsident des einzigen jüdischen Karnevalsvereins in Köln – des „Kleinen Kölner Klubs“. Büttenredner, Kabarettist, stadtbekannte Figur. Ab 1935 Auftrittsverbot. 1939 Flucht nach Los Angeles. Dort trat er noch in den 1940er Jahren bei Veranstaltungen für Emigranten auf. Seine Mutter Henriette, die 1939 in die Niederlande geflohen war, wurde 1943 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet. Max Salomon starb 1970.

Für beide wurden Stolpersteine in Köln verlegt – fotografiert von 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Das Andenken an beide Karnevalisten wird heute vom jüdischen Kölner Karnevalsverein Kölsche Kippa Köpp gepflegt, der sich als geistiger Nachfolger von Max Salomons „Kleinem Kölner Klub“ versteht. Der Stolperstein für Hans David Tobar wurde unter Beteiligung seiner Nachfahren und der Kölsche Kippa Köpp verlegt. Auch die Initiative für den Stolperstein von Max Salomon ging maßgeblich von den Kölsche Kippa Köpp aus. Was 1933 zerstört wurde, lebt damit – in anderer Form – weiter.

Karl Küpper: Der eine, der den Mund aufmachte

Inmitten dieser Geschichte gibt es eine Ausnahme. Nur eine.

Georg Karl Küpper, geboren 1905, Buchdrucker, Büttenredner, auftretend als „D’r Verdötschte“. Er machte aus seiner Verachtung für das Regime keine Geheimsache. Er parodierte den Hitlergruß, indem er auf der Bühne den Arm hob und sagte: „Su huh litt bei uns dr Dreck em Keller!“ – So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller. Er äffte Görings Stimme nach. Er verhöhnte den NS-Staat.

1938 wurde er noch als bester Karnevalist Deutschlands ausgezeichnet. Gleichzeitig schrieb die Festausschuss-Satzung Juden aus dem Verein. Das war die Realität dieses Landes.

1939 verurteilte das Sondergericht Köln Küpper auf Grundlage des „Heimtückegesetzes“ zu lebenslangem Redeverbot und täglicher Meldepflicht bei der Gestapo im EL-DE-Haus. Die Vergehen: Verächtlichmachung des Deutschen Grußes, Görings, des NS-Staats. Als 1941 erneut eine Verhaftung drohte, warnte ihn ein befreundeter Gestapo-Beamter. Küpper meldete sich am nächsten Morgen freiwillig zur Wehrmacht – und überlebte im Fronttheater.

Er selbst sah sich nie als Widerstandskämpfer. Er sah sich als Karnevalisten, der bis an die Grenzen der Narrenfreiheit ging. Das ist vielleicht das Ehrlichste, was über diese Zeit gesagt werden kann.

Zwei Gedenktafeln für Karl Küpper – links im Gürzenich Köln, rechts an der Kalker Hauptstraße 215
Gedenktafeln für Karl Küpper. Links: © Superbass, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. Rechts: © Balham Bongos, Public Domain, via Wikimedia Commons.

Doch auch nach Kriegsende blieb Karl Küpper nicht von Repressalien verschont — und ausgerechnet derjenige, der den Karneval mitgeholfen hatte gleichzuschalten, sorgte dafür: Thomas Liessem.

1952 bestieg Küpper erneut die Bühne. In seiner Rede „D’r verdötschte Funk-Reporter“ hob er den Arm zum Hitlergruß und sagte: „Et eß ald widder am rähne!“ — Es regnet schon wieder. Eine unmissverständliche Anspielung auf die Rückkehr alter NS-Kader in Politik, Wirtschaft und Karneval. Liessem, inzwischen wieder einflussreich im Festkomitee, leitete pikanterweise die Sitzung, in der das faktische Auftrittsverbot gegen Küpper beschlossen wurde. Karnevalsgesellschaften wurden davon abgeraten, ihn als Redner zu verpflichten.

Küpper entschärfte seine Reden danach — und feierte in den 1950er Jahren trotzdem noch Erfolge. 1953 ließ ihn das Hänneschen-Theater als Stockpuppe auftreten. 1960 zog er sich vom Karneval zurück und betrieb bis zu seinem Tod die Gaststätte „Küppers Karl“ in der Kalker Hauptstraße 215. Karl Küpper starb am 26. Mai 1970 in Köln.

Das Schweigen danach – und die Leute, die es organisierten

Nach 1945 herrschte im Kölner Karneval kollektives Schweigen. Und es herrschte nicht zufällig.

Thomas Liessem – NSDAP-Mitglied seit 1932, Festausschuss-Chef während der ganzen NS-Zeit – wurde entnazifiziert und blieb Schlüsselfigur im Kölner Karneval. Er baute die Legende vom standhaften Widerstand aktiv auf. Und er war es, der 1952 Karl Küpper faktisch aus dem Nachkriegskarneval verbannte, weil Küpper auf die Rückkehr alter NS-Kader hingewiesen hatte.

Erste ernsthafte Versuche historischer Aufarbeitung stießen auf aktiven Widerstand aus dem Festkomitee. Erst in den 1990er Jahren begann das Licht anzugehen. 2013 tauchte der Bremer Stummfilm auf. 2014 wurde er öffentlich gezeigt. 2020 wurde der Karl-Küpper-Preis für demokratisches Engagement ins Leben gerufen. Es hat Jahrzehnte gedauert.

Darüber lachen? Nein.

Es gibt eine bequeme Reaktion auf diese Geschichte: achselzucken, historisch verorten, weitermachen. War halt so damals.

Diese Reaktion ist falsch.

Nicht weil der heutige Kölner Karneval dasselbe wäre. Das ist er nicht. Sondern weil die Geschichte zeigt, was passiert, wenn eine Gemeinschaft beschließt, „unpolitisch“ zu sein. Der Kölner Karneval der 1930er Jahre war kein Opfer des Nationalsozialismus. Er war – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein bereitwilliger Mitmacher. Nicht aus fanatischer Überzeugung, sondern aus Opportunismus, Bequemlichkeit und dem Wunsch, das eigene Fest einfach weiterfeiern zu dürfen.

Demokratie braucht keine Helden. Sie braucht Menschen, die nicht wegschauen, wenn es unbequem wird. Karl Küpper hat das gezeigt – als Einzelner, in einer Zeit, in der fast niemand sonst den Mut dazu hatte. Dafür wurde er von der Gestapo verfolgt, mit Berufsverbot belegt, fast verhaftet. Und im Nachkriegskarneval noch einmal mundtot gemacht.

Über diese Geschichte zu lachen wäre keine Narrenfreiheit. Es wäre Ignoranz. Wer heute meint, den Karneval frei von Politik zu halten, hat den Sinn nicht verstanden — und bereitet den Nährboden für eine Wiederholung der Geschichte.

Fazit: Der Kölner Karneval zwischen 1933 und 1945 wurde nicht von außen gebrochen – er hat sich selbst gleichgeschaltet, Schritt für Schritt, Wagen für Wagen, Satzungsparagraph für Satzungsparagraph. Die Aufarbeitung hat Jahrzehnte gebraucht und begann erst, als die Täter und Mitläufer der ersten Generation nicht mehr da waren, um sie zu blockieren. Geschichte, die nicht aufgearbeitet wird, wiederholt sich nicht zwangsläufig – aber sie bleibt ein offener Rechnungsposten.


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