„Donnerkuppel von Marl“: Wie sich die „AfD“ selbst zerlegt — 55 Tage vor Sachsen-Anhalt
Erstellt am 14. Juli 2026
Einordnung: Das Chaos beginnt. Die „AfD“ liegt in Sachsen-Anhalt bei über 41 Prozent und will dort erstmals alleine regieren. Gleichzeitig ist ihr größter Landesverband nicht in der Lage, 80 Kandidaten für eine Landtagswahl aufzustellen. Was in Marl passiert ist, zeigt: Die Partei ist fraktionsfähig — aber nicht regierungsfähig.
Sie nennen es intern die „Donnerkuppel von Marl“ — in Anspielung auf die Eventhalle in der Ruhrgebietsstadt, in der die „AfD“ Nordrhein-Westfalen am vergangenen Wochenende ihre Kandidaten für die Landtagswahl 2027 aufstellen wollte. Was dort passierte, war kein Parteitag. Es war ein offener Machtkampf, mit chaotischen Zuständen, der zeigt, wie es in der Partei wirklich aussieht — wenn man nicht mehr nur auf Bühnen spricht, sondern tatsächlich Entscheidungen treffen muss.
3 Tage, 22 Listenplätze, totale Blockade
Eigentlich sollten 80 Kandidaten aufgestellt werden. Nach drei Chaostagen stand die Versammlung bei Listenplatz 22 — und kam nicht weiter. Drohungen, angebliche körperliche Übergriffe, fehlerhafte Auszählungen, Dutzende Scherzbewerber: Was in Marl live ins Netz gestreamt wurde, ließ selbst parteiinterne Beobachter fassungslos zurück. Einer sprach von einem „Kindergarten“ — was insofern ungerecht gegenüber Kindergärten ist, als dort irgendwann Einigung entsteht.
Hintergrund ist ein seit Jahren schwelender Machtkampf zwischen zwei Lagern. Auf der einen Seite Martin Vincentz, der vergleichsweise gemäßigt auftretende Landeschef. Auf der anderen Matthias Helferich, einer der einflussreichsten Strippenzieher des rechtsextremen Höcke-Flügels im Westen. Der NRW-Verband hat rund 13.000 Mitglieder — und ist damit der größte Landesverband der „AfD“ überhaupt.
Der Kipppunkt kam auf Listenplatz 13. Das Vincentz-Lager schickte Klaus Esser ins Rennen — einen Strippenzieher, gegen den die Staatsanwaltschaft Aachen einen Strafbefehl über 13.500 Euro wegen mutmaßlicher Urkundenfälschung beantragt hat. Esser soll unter anderem sein juristisches Abschlusszeugnis gefälscht haben; er hat Einspruch eingelegt. Für das Helferich-Lager ist Esser die größte Hassfigur im Verband — weshalb Helferich selbst antrat, obwohl er bis 2029 sicher im Bundestag sitzt. Er verlor: 251 Stimmen für Esser, 221 für Helferich.
Danach zog das Vincentz-Lager durch — keine Kompromisse, keine Einbindung der rund 40 Prozent auf der Gegenseite. Als das Helferich-Lager realisierte, dass es untergeht, wechselte es die Strategie: Auf Listenplatz 22 wurden 90 angebliche Bewerber benannt — darunter ein YouTuber, der nicht einmal Parteimitglied ist. Das Ziel war nicht mehr, eigene Kandidaten durchzubringen. Das Ziel war, die gesamte Versammlung zu sprengen, und Öl ins Chaos zu kippen.
11.–13.07.2026 — Aufstellungsversammlung „AfD“ NRW in Marl, Eventzentrum NRW
Listenplatz 13 — Esser (Vincentz-Lager) schlägt Helferich: 251 zu 221 Stimmen
Listenplätze 14–21 — Vincentz-Lager zieht durch, keine Einbindung der Gegenseite
Listenplatz 22 — Helferich-Lager nominiert 90 Scherzbewerber — Versammlung blockiert
14.07.2026 — Bundesspitze kündigt Ordnungsmaßnahmen und Mediatoren an
Folgewochenenden — Fortsetzung geplant — bis zu 200 Blockade-Bewerber angekündigt
Weidel, Chrupalla — und die Brandstifter aus Berlin
Die Bundesspitze zeigte sich am Montag wenig amüsiert. Ausgerechnet jetzt, 55 Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo die „AfD“ erstmals alleine regieren will, kollabiert der größte Landesverband auf offener Bühne. Nun sollen Mediatoren nach NRW entsandt und Ordnungsmaßnahmen gegen drei Landesvorstandsmitglieder geprüft werden.
Was die Bundesspitze dabei gerne verschweigt: Sie hat den Brand selbst mitgelegt, ist also für des Chaotische Spektakelmitschuld. Alice Weidel und Tino Chrupalla haben sich in den vergangenen Monaten auf unterschiedliche Seiten des NRW-Konflikts geschlagen — und damit den Graben aktiv vertieft, den sie jetzt überbrücken sollen. Dass ihre Mediatoren in NRW irgendetwas bewirken werden, glaubt intern kaum jemand.
Das Helferich-Lager kündigt bereits an, die Blockade-Strategie fortzusetzen: Bis zu 200 Bewerber auf einen einzigen Listenplatz am nächsten Wochenende. „Die Schattenarmee wird bereitstehen“, heißt es. Das Vincentz-Lager gibt sich gelassen: „Sollen sie ihre Schrottwichtelarmee doch ruhig verbrennen.“ Mit diesen Kandidaten werde danach niemand mehr zusammenarbeiten.
Kein Kompromiss in Sicht. Keine gemeinsame Zukunft. Nur zwei Lager, die sich gegenseitig zerfleischen — während die Uhr Richtung Sachsen-Anhalt tickt, bleibt das angerichtete Chaos..
Kein Kindergarten — ein Strukturproblem
Das Chaos von Marl ist kein Ausrutscher. Es ist ein Muster. Die „AfD“ zerfleischt sich überall dort, wo es nicht mehr um Empörung auf der Bühne geht, sondern um echte Machtverteilung: Wer bekommt das Mandat? Wer bekommt die Mitarbeiterstellen? Wer kontrolliert wen?
Mandate und die daran hängenden Parlamentsmitarbeiter-Stellen sind in der „AfD“ das eigentliche Währungssystem der internen Macht. Sie dienen nicht primär der Befähigung der Kandidaten — sie dienen als Belohnung für Treue und als Köder für die Unentschiedenen. Wer die kritische Masse der „Flexiblen“ verliert, verliert alles. Das wissen beide Seiten. Deshalb gibt es keine Kompromisse. Das geplante Chaos durch Machtspiele ist weiter Akut.

Dieses Muster ist nicht neu. In Thüringen hat der „AfD“-Bundesvorstand in Erfurt gezeigt, wie die Partei ideologisch radikalisiert und intern gleichzeitig Machtgefechte ausficht. In Brandenburg, Sachsen, überall im Osten: Wo die „AfD“ nah an die Regierung herankommt, beginnt das Gerangel um Posten, Einfluss und Kontrolle — und endet regelmäßig in Eskalation. Wer die Mechanismen des Populismus kennt, weiß: Eine Bewegung, die auf Empörung aufgebaut ist, hat kein Werkzeug für den Kompromiss. Sie kann nur eskalieren oder zerfallen.
- NRW-Verband: 13.000 Mitglieder — größter Landesverband der „AfD“, seit Jahren im Machtkampf
- Marl: 3 Tage Versammlung, 22 von 80 Listenplätzen besetzt — dann Totalblockade
- Bundesspitze: Weidel und Chrupalla haben gegnerische Lager aktiv befeuert
- Kommende Wochenenden: Blockade-Strategie mit bis zu 200 Scheinbewerbern angekündigt
- Sachsen-Anhalt: 41,1% in Umfragen — aber die Partei, die dort regieren will, kann sich nicht einigen
55 Tage bis Sachsen-Anhalt: Was das bedeutet
In 55 Tagen wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die „AfD“ liegt im aktuellen PolitPro-Wahltrend bei 41,1 Prozent — weit vor der „CDU“ mit 23,3 Prozent. Erstmals in ihrer Geschichte könnte die Partei eine Landesregierung alleine führen. Das ist der Plan. Das ist das Versprechen.
Und gleichzeitig ist da Marl.
Eine Partei, die nicht in der Lage ist, ihren größten Landesverband zu einen, die sich beim internen Kampf um Listenplätze mit „Kameradenschwein“ und „Schrottwichtelarmee“ beschimpft, die zwei Bundesvorsitzende hat, die gegeneinander arbeiten — diese Partei will Sachsen-Anhalt regieren. Will Haushalt aufstellen, Koalitionen verhandeln, Verwaltungen führen, Kompromisse schließen.
Das ist keine Frage der Ideologie. Das ist eine Frage der Funktionsfähigkeit. Und die Antwort aus Marl lautet: nein.
Die Bundesspitze wird Mediatoren schicken. Die werden scheitern. Am nächsten Wochenende wird die Blockade weitergehen. Und in Sachsen-Anhalt werden die Wählerinnen und Wähler entscheiden, ob sie einer Partei die Landesregierung anvertrauen wollen, die sich selbst nicht regieren kann.
Fazit
Was in Marl passierte, ist kein lokales Randphänomen. Es ist die „AfD“ in ihrem Naturzustand: fraktionsfähig, aber nicht regierungsfähig. Gut im Empören, schlecht im Entscheiden. Stark auf der Protestbühne, schwach im Maschinenraum der Demokratie — wo Kandidatenlisten, Kompromisse und institutionelle Verantwortung zählen.
55 Tage bis Sachsen-Anhalt. Die Uhr läuft. Und in Marl läuft die nächste Runde der „Donnerkuppel“ an. Gedonnert hat es nur innerhalb der AfD. Und das so kräftig, dass man sich fragen muss: Versinken die Bundesländer ins Unregierbare Chaos wenn diese Partei regieren sollte?
Teilen Sie diesen Artikel, wenn Sie finden, dass die Öffentlichkeit wissen sollte, wie es in der „AfD“ wirklich aussieht — hinter den Kulissen der Empörungsmaschine.
Quellen
Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.
- ZDFheute: „Sesselmann: AfD-Landrat in Thüringen, Sonneberg“ – 25.06.2024 – zum Artikel
- Campact: „AfD-Landrat Robert Sesselmanns katastrophale Bilanz“ – zum Artikel
- Der Westen: „Große AfD-Versprechen, schwache Bilanz: Landrat Sesselmann ist Letzter im Abschiebe-Ranking“ – 19.06.2026 – zum Artikel
- Wikipedia: Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 – zur Seite
- Landesamt für innere Verwaltung MV: Landtagswahl 20. September 2026 – zur Seite
Interne Links
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