Karikatur: Windrad neben riesigem Braunkohlebagger, AfD-Politiker zeigt auf Windrad als „Naturzerstörung", während hinter ihm Landschaft abgebaggert wird

AfD-Energiepolitik: Naturschutz als Vorwand, Kohle als Programm

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Was die AfD fordert — und was sie damit meint

Im Bundestagswahlprogramm 2025 formuliert die „AfD“ ihr energiepolitisches Programm in wenigen prägnanten Sätzen: „Wiedereinstieg in die Kernenergie“, „kurzfristig notwendiger Ausbau von Kohlekraftwerken“ und das sofortige Ende der „großflächigen Naturzerstörungen durch Windkraft- und Photovoltaikanlagen in Wäldern, Feldern und auf Ackerflächen“. Die CO₂-Abgabe soll ersatzlos gestrichen, die Nord-Stream-Pipelines für russisches Gas sollen reaktiviert werden.

Die Botschaft ist klar: Erneuerbare Energien sind Naturzerstörung. Kohle und Kernkraft sind die Alternative. Wer diese Aussage ernst nimmt, muss sie auch ernst prüfen.


Der Widerspruch: Was Braunkohle wirklich anrichtet

Braunkohle ist nicht irgendein Energieträger. Sie ist der flächenintensivste, irreversibleste und klimaschädlichste Energieträger, den Deutschland je genutzt hat — und er hinterlässt Wunden, die Generationen nicht schließen können.

410 Dörfer von der Landkarte getilgt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden in Deutschland rund 410 Orte vollständig oder teilweise für den Braunkohletagebau abgebaggert — darunter Immerath im Rheinland, Horno in der Lausitz, Hunderte weiterer Gemeinden im Mitteldeutschen Revier. Keine Windkraftanlage hat je ein Dorf vernichtet.

130.000 Menschen verloren ihre Heimat. Über etwa 100 Jahre hinweg mussten insgesamt 130.000 Menschen wegen des Braunkohletagebaus umsiedeln — im Mitteldeutschen Revier allein etwa 54.000, im Rheinischen Revier rund 40.000, in der Lausitz knapp 29.000. Die Umsiedlungen erfolgten oft unter Zwang, rechtlich kaum anfechtbar, bis der Bagger buchstäblich vor der Haustür stand. Das Bundesverfassungsgericht erklärte die Zwangsenteignung im sogenannten „Garzweiler-Urteil“ 2013 für verfassungswidrig — zu spät für die meisten Betroffenen.

Täglich 1,2 Hektar unwiederbringlich verloren. Noch 2024 fraß der Braunkohletagebau laut Umweltbundesamt täglich 1,2 Hektar Fläche — das entspricht fast zwei Fußballfeldern pro Tag, die dauerhaft aus der Landschaft herausgeschnitten werden. Nicht für eine Windkraftanlage, die das umliegende Land weitgehend nutzbar lässt. Sondern für einen Krater, der Jahrhunderte braucht, um sich zu schließen.

Der Hambacher Forst als Sinnbild. Von dem ursprünglich 4.100 Hektar großen Hambacher Wald sind heute noch rund 650 Hektar übrig. Der Rest wurde abgebaggert — für Braunkohle. Dieselbe Partei, die Windräder als Bedrohung für Natur und Tierwelt bezeichnet, hat gegen den Erhalt des Hambacher Forstes nie auch nur einen Antrag gestellt.

Kerpen-Manheim: Schumachers Heimat als Gesicht der Zahl. 130.000 Umgesiedelte — das ist eine Zahl. Kerpen-Manheim ist ein Name. In diesem Dorf bei Köln wuchs Michael Schumacher auf, siebenfacher Formel-1-Weltmeister, der bekannteste deutsche Sportler seiner Generation. Sein Vater betrieb dort die Kartbahn Erftlandring — die Wiege einer Weltkarriere. 1.700 Menschen lebten in Manheim. Der Tagebau Hambach hat das Dorf weitgehend vernichtet. Die Bewohner wurden umgesiedelt, die Häuser abgerissen, die Straßen abgebaggert. Was blieb: ein Geisterdorf, das Elternhaus der Schumachers und die Kartbahn — verschont nur, weil Ralf Schumacher das Grundstück gehört. Das Dorf selbst existiert nicht mehr. Kein Windrad hat je ein Dorf vernichtet. Ein Braunkohlebagger hat es getan.

„Heimat“ ist eines der heiligsten Wörter im AfD-Vokabular. Es steht im Programm, in Wahlkampfslogans, in unzähligen Reden — als Versprechen des Bewahrens, des Schützens. In Kerpen-Manheim haben 1.700 Menschen ihre Heimat verloren. Nicht wegen Windrädern. Nicht wegen der EU. Nicht wegen Migration. Wegen Braunkohle. Die „AfD“ hat dazu geschwiegen.

Karikatur: Braunkohlebagger reißt deutsches Fachwerkhaus ab, Familie klammert sich zusammen — Vertriebene des Kohletagebaus ohne Heimat
Symbolbild, KI-generiert (Gemini) | didicologne-nachgehakt.de

Was Kohle kostet — und wie lange sie noch reicht

Braunkohle ist nicht reproduzierbar. Sie entstand vor 20 bis 30 Millionen Jahren aus Mooren und Sümpfen — ein Prozess, der sich menschlichen Zeiträumen vollständig entzieht. Was abgebaggert ist, ist weg.

In den aktuell genehmigten Tagebauen im Rheinland liegen noch rund 3.500 Millionen Tonnen — bei heutigem Förderniveau reicht das für knapp 35 Jahre. Nicht für Generationen. Nicht für ein Energiekonzept. Für drei bis vier Jahrzehnte.

Deutschland förderte 2024 noch rund 92 Millionen Tonnen Braunkohle — und war damit nach wie vor der größte Braunkohleproduzent der gesamten EU, mit einem Anteil von 47 Prozent. Ein Titel, auf den kein vernünftiger Industriestaat stolz sein sollte.

Die Frage, die die „AfD“ nicht beantwortet: Was kommt nach der Kohle? Wenn in 35 Jahren die genehmigten Vorräte erschöpft sind, wenn neue Tagebaue erschlossen werden sollen — welche Dörfer sollen dann verschwinden? Welche 130.000 Menschen der nächsten Generation sollen ihre Heimat verlassen?


Was Windkraft wirklich kostet — im Vergleich

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat in seiner Studie von Juli 2024 die Stromgestehungskosten aller Technologien verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Onshore-Windkraftanlagen erzeugen Strom für 4,3 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Photovoltaik-Freiflächenanlagen kommen auf 4,1 bis 6,9 Cent.

Neue Kernkraftwerke kosten dagegen zwischen 13,6 und 49,0 Cent pro Kilowattstunde — und das ohne Rückbau- und Endlagerkosten. Kohlestrom liegt je nach Technologie zwischen 15 und 30 Cent, steigend durch CO₂-Zertifikatspreise.

Wind und Sonne sind also nicht nur ökologisch überlegen — sie sind auch wirtschaftlich die günstigsten Optionen. Und sie haben keine Brennstoffkosten: Die Anlage steht, der Wind bläst, die Grenzkosten tendieren gegen null. Kein Importpreis, keine Abhängigkeit von Moskau, kein Weltmarktschock.

2025 waren Wind und Photovoltaik erstmals gemeinsam die führenden Nettostromerzeuger in Deutschland. In den ersten fünf Monaten 2026 gab es 242 Stunden mit negativen Strompreisen an der Börse — Stunden, in denen Strom so günstig war, dass Erzeuger draufzahlten, ihn loszuwerden. Wer wirklich billigen Strom will, baut mehr davon aus — nicht weniger. Wer mehr über die wirtschaftlichen Hintergründe der Windkraft in Deutschland erfahren will, findet dazu eine vertiefende Analyse auf diesem Blog.

Und das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft: Allein auf den Dächern öffentlicher Gebäude in Deutschland — Schulen, Rathäuser, Behörden, Gerichte — schlummert ungenutztes Solarstrompotenzial, das keinen einzigen Quadratmeter Natur verbraucht. Was das konkret bedeuten würde, ist eine Frage, die einen eigenen Artikel verdient.

Composite: Solar-Carport über Parkplatz, Windräder auf Wiese mit Schafen, Wasserkraftwerk am Fluss — drei erneuerbare Energiequellen ohne Naturzerstörung
Symbolbild. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de

Was fossile Abhängigkeit bedeutet

Ein weiteres Element der AfD-Energiepolitik ist die Reaktivierung der Nord-Stream-Pipelines für russisches Gas. 2022 hat Deutschland erlebt, was fossile Abhängigkeit in der Praxis bedeutet: Die Importrechnung für fossile Brennstoffe stieg auf rund 69 Milliarden Euro — ein historischer Höchstwert, bezahlt von Verbrauchern und Unternehmen.

Jede Kilowattstunde aus importiertem Gas, Öl oder Kohle unterliegt Preisen, die Berlin nicht kontrolliert. Die Erfahrung von 2022 war keine Ausnahme — sie war die Regel, die sich wiederholen wird, sobald die Abhängigkeit wiederhergestellt ist. Wind und Sonne haben keine Lieferketten, die sabotiert, sanktioniert oder gesprengt werden können.


Fazit: Die „AfD“ argumentiert gegen Windkraft mit Naturschutz — und fordert gleichzeitig eine Energiepolitik, die in Deutschland 410 Dörfer vernichtet, 130.000 Menschen ihre Heimat geraubt und täglich weitere Landschaften irreversibel zerstört hat. Das ist kein Widerspruch, der sich wegdiskutieren lässt. Das ist das Programm, schwarz auf weiß. Wer Windräder als Naturzerstörung bezeichnet und Braunkohlebagger als Alternative, hat entweder die Geschichte nicht gelesen — oder darauf gewettet, dass die Wähler es nicht getan haben. Wie solche Mechanismen politisch funktionieren, beschreibt eine Analyse populistischer Argumentationstricks auf diesem Blog.


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