Zerknüllte Briefe auf dunklem Holztisch – Symbol für die AfD-Brandbriefe aus Baden-Württemberg

Brandbriefe aus der AfD: Was die eigene Partei über sich selbst sagt

4–6 Minuten

Die Partei der Ordnung – und was intern wirklich los ist

Die AfD tritt bei jeder Gelegenheit als Partei der Ordnung, Transparenz und des gesunden Menschenverstands auf. Sie verspricht, den politischen Betrieb aufzuräumen, Vetternwirtschaft zu beenden und endlich wieder „das Volk“ zu vertreten. Was intern passiert, klingt anders. Sehr viel anders.

Zwei Brandbriefe an die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla, berichtet vom Spiegel (7. Juni 2026), zeichnen das Bild einer Partei, die intern genau das praktiziert, was sie anderen vorwirft: Machtmissbrauch, Einschüchterung und den systematischen Ausschluss von Kritikern. Verfasst von eigenen Leuten. Mit Namen.


Wer schreibt – und was steht drin

Der erste Brief stammt von Rüdiger Klos. Kein Außenseiter, kein Unzufriedener von der Seitenlinie. Klos saß zehn Jahre für die AfD im Landtag Baden-Württemberg. Er war Gründungsmitglied des Landesverbands und von 2015 bis 2017 stellvertretender Landessprecher der Partei. Er kennt die AfD BW von innen – er hat sie mitgebaut.

Sein Brief liest sich wie eine Abrechnung. Klos wirft der Landesführung um Markus Frohnmaier und Emil Sänze vor, Kritiker mit Parteiausschlussverfahren zum Schweigen zu bringen. Er spricht von „Säuberungsaktionen wie im Totalitarismus“, von „innerparteilichen Goebbels-Methoden“ und von „sektenartigen Zuständen“. Und er zieht die einzig logische Schlussfolgerung: Führende Funktionäre seien „offensichtlich inkompetent“ – sollten sie je Regierungsverantwortung übernehmen, wäre „ein Chaos für Deutschland die Folge“.

Der zweite Brief, sechs Seiten lang, kommt von mehreren langjährigen Mitgliedern aus zwei Kreisverbänden im Südwesten. Auch sie beschreiben Machtkonzentration, Vetternwirtschaft und mangelnde Transparenz bei Finanzen und Personalentscheidungen. Sie sprechen von einer Entwicklung „von der Basisdemokratie zur autokratischen Funktionärspartei“, von „Machtcliquen“, „Beutegemeinschaften“ und einer „Kultur der skrupellosen Selbstbedienung“.

Das ist nicht irgendwer. Das sind Menschen, die diese Partei jahrelang getragen haben.

VorwurfVerfasserAdressat
Säuberungsaktionen wie im TotalitarismusKlos (10 Jahre MdL, Gründungsmitglied)Frohnmaier / Sänze
Innerparteiliche Goebbels-MethodenKlosFrohnmaier / Sänze
SektenstimmungKlosLandesführung BW
Vetternwirtschaft, MachtcliquenKreisverbandsmitgliederLandesführung BW
Von Basisdemokratie zur autokratischen FunktionärsparteiKreisverbandsmitgliederLandesführung BW
Kultur skrupelloser SelbstbedienungKreisverbandsmitgliederLandesführung BW

Die demokratische Fassade – und der Parteitag danach

Was machte die AfD Baden-Württemberg, als diese Vorwürfe auf dem Tisch lagen? Sie hielt Parteitag – und wählte Markus Frohnmaier mit über 91 Prozent der Stimmen als Landesvorsitzenden wieder ins Amt. Das beste Ergebnis, das ein AfD-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg je erzielt hat.

Man kann das auf zwei Arten lesen. Entweder die Mehrheit der Parteitagsdelegierten hält die Vorwürfe für haltlos. Oder sie hält sie für zutreffend – und findet das in Ordnung. Beides ist keine besonders beruhigende Aussicht für eine Partei, die in Regierungsverantwortung drängt.

Frohnmaier ist dabei keine unbeschriebene Seite. Gemeinsame Recherchen von ZDF, Spiegel, BBC und weiteren Medien haben schon 2018 gezeigt, dass in russischen Strategiepapieren davon die Rede war, Frohnmaier als Abgeordneten gezielt zu unterstützen, um deutschen Parlamentseinfluss im Sinne Moskaus zu gewinnen. Der Correctiv-Bericht von 2026 dokumentiert zudem sein Netzwerk mit kremlnahen Akteuren. Frohnmaier bestreitet, je russische Unterstützung erhalten oder beantragt zu haben – an den Dokumenten ändert das nichts. Dieser Mann sitzt heute im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags. Und leitet einen Landesverband, aus dem heraus ihm nun Säuberungen und Totalitarismus-Methoden vorgeworfen werden.

Leerer Plenarsaal des Landtags Baden-Württemberg mit Landeswappen
Der Landtag Baden-Württemberg – wo Frohnmaier trotz aller Vorwürfe mit 91 Prozent wiedergewählt wurde. (Foto: Mike Ax, Wikimedia Commons, Copyrighted free use)

Was das über die AfD insgesamt sagt

Die Brandbriefe aus Baden-Württemberg sind kein Betriebsunfall. Sie sind ein Symptom. Wer die Geschichte der AfD verfolgt, kennt das Muster: Innerparteiliche Querelen, Ausschlussverfahren, Machtcliquen – das zieht sich durch die Parteigeschichte wie ein roter Faden, von Sachsen bis Bayern, von der Gründungsgeneration bis heute.

Wie die AfD gleichzeitig autoritäre Strukturen aufbaut und nach außen demokratische Normalität beansprucht, habe ich in dieser Analyse zu Merz, AfD und den Ursachen des Rechtspopulismus ausführlicher beschrieben.

Was hier passiert, hat einen Namen: Wenn eine Partei ihre eigene Basis mit den Methoden behandelt, die sie der politischen Gegenseite vorwirft, dann sagt das etwas Grundsätzliches über ihr Verständnis von Demokratie. Nicht als Prinzip, sondern als Werkzeug. Nützlich, wenn es Macht bringt. Störend, wenn es Kritik ermöglicht.

Das ist kein Zufall, das ist Struktur. Wer verstehen will, wie Populisten Sprache und Macht einsetzen, findet in diesen Brandbriefen ein Lehrstück. Mehr dazu, wie das funktioniert, habe ich hier ausführlich beschrieben.

Wer wissen will, wie das in der Parteipraxis aussieht – von Ex-Neonazis in Führungspositionen bis zu Remigrationsgipfeln – findet hier ein weiteres Beispiel.


Wenn die Maske fällt, fällt sie von innen

Man braucht keinen politischen Feind, um die AfD zu beschreiben. Man braucht nur ihre eigenen Mitglieder.

Ein Gründer des Landesverbands. Ein Zehnjahres-Abgeordneter. Mehrere langjährige Kreisverbandsmitglieder. Sie alle beschreiben dasselbe: eine Partei, die nach außen Demokratie verkauft und nach innen Autokratie betreibt. Die Ordnung verspricht und Chaos produziert. Die den kleinen Mann schützen will – und die eigenen Leute per Ausschlussverfahren mundtot macht.

Der Parteitag hat Frohnmaier mit 91 Prozent bestätigt. Das ist die Antwort der AfD auf diese Vorwürfe.

Fazit

Wer die AfD wählt, wählt diese Parteistruktur mit. Wer das wissen will, muss nicht auf politische Gegner hören – er kann einfach lesen, was die AfD über sich selbst schreibt. Teile diesen Artikel, wenn du findest, dass das mehr Menschen wissen sollten.

Quellen

Quellen – hier können Sie meine Arbeit selbst recherchieren.

Hinweis: Der Originalartikel des Spiegel (7. Juni 2026) liegt hinter einer Paywall. Die hier verwendeten Inhalte basieren auf übereinstimmenden Wiedergaben der dts Nachrichtenagentur, die von mehreren unabhängigen Nachrichtenportalen parallel veröffentlicht wurden.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert