Skandal: 87 Prozent – Merz und das Vertrauen
Ein Jahr Merz – und die Geduld ist aufgebraucht
Neun von zehn. Das ist die nüchterne Bilanz nach einem Jahr Merz-Regierung: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL/ntv aus dem Mai 2026 – unabhängig bestätigt durch eine zeitgleiche Infratest-dimap-Erhebung – sind 87 Prozent der Deutschen mit der Bundesregierung unzufrieden. Infratest dimap bezeichnet das als den tiefsten jemals gemessenen Wert nach einem Jahr Amtszeit seit Beginn der Messung 1997. Gerade mal 13 Prozent geben der schwarz-roten Koalition ein positives Zeugnis. Diese Zahl ist kein Ausreißer in einer turbulenten Nachrichtenwoche. Sie ist das Symptom eines schleichenden Prozesses: einer politischen Vertrauenserosion, die sich in der Mitte der Gesellschaft festgesetzt hat wie ein Schaden im Fundament, den man lieber nicht sehen wollte.

Wenn in einer öffentlichen Debatte ein CDU-Politiker mit dieser Zahl konfrontiert wird und keine überzeugende Antwort findet, dann ist das mehr als ein Kommunikationsproblem. Das ist die sichtbar gewordene Hilflosigkeit einer politischen Mitte, die selbst nicht mehr genau weiß, wofür sie steht – und die auf unangenehme Fragen lieber ausweicht, statt sie zu beantworten.
Der neue Kanzler hatte die Chance, das zu ändern. Er hat sie – zumindest bislang – nicht genutzt. Stattdessen regiert er in einem politischen Klima, das sich von Monat zu Monat weiter eintrübt. Eine Regierung kann Umfragetäler überstehen. Aber sie gerät in eine strukturelle Krise, wenn selbst ihre Verteidiger die Unzufriedenheit nur noch verwalten, statt sie argumentativ zu widerlegen. Denn Vertrauen lässt sich nicht verwalten – es muss verdient werden.
Hinweise zu den Datenpunkten:
- Quelle durchgehend: ARD DeutschlandTrend / Infratest dimap (repräsentative Jahreswerte, jeweils ca. Herbst/Q4 – außer 2020 Corona-Peak April und 2026 Forsa/Mai)
- 2015: Hochpunkt unter Merkel (GroKo) – 74% zufrieden
- 2016: Einbruch nach Flüchtlingskrise
- 2020: Corona-Solidaritäts-Peak – kurzzeitiger Vertrauensschub
- 2022: Ampel-Tiefstwert nach Energiekrise
- 2024/25: Scholz-Endphase – historisch schwach
- 2026: Merz/Forsa – 13%, neuer Allzeit-Tiefstwert
Der soziale Nährboden: Was Populismus zum Wachsen braucht
Rechtspopulismus entsteht selten zuerst als Ideologie. Er wächst aus dem Alltag: aus der Mieterhöhung, die man sich eigentlich nicht leisten kann. Aus der Energierechnung, die den Monat sprengt. Aus dem Arzttermin, auf den man wochenlang wartet – und aus dem stillen Gefühl, dass die da oben das alles irgendwie nicht wirklich sehen. Oder nicht sehen wollen.
Der Nährboden, das Vertrauen in staatliche Zusagen schwindet für das, was wir gerade erleben, ist selten ideologischer Natur. Er ist materiell. Schwindende Kaufkraft, wachsende Abstiegsangst, das Gefühl, trotz Arbeit, Rente oder Krankheit immer stärker unter Druck zu geraten – das sind die Bedingungen, unter denen einfache Erzählungen und politische Sündenböcke Konjunktur haben.
Genau darin liegt der eigentliche populistische Moment: Nicht die Stärke der Rechten ist der Ausgangspunkt, sondern die Schwäche eines politischen Systems, das soziale Unsicherheit verwaltet, statt sie zu beseitigen. Wo die Mitte keinen Schutz mehr verspricht und das Vertrauen in staatliche Zusagen schwindet, wächst die Versuchung, dem radikalen Rand zuzuhören. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist eine, die in Berlin offenbar immer wieder aufs Neue vergessen wird.
Die AfD als soziale Schutzgöttin – eine gut inszenierte Farce
Die AfD inszeniert sich gern als Anwältin der Abgehängten. Rentner, Pflegebedürftige, Geringverdiener, Erwerbslose – sie alle tauchen in AfD-Kampagnen auf, als Beweis dafür, dass „das System“ versagt habe. Klingt nach Mitgefühl. Ist aber vor allem Kalkül.
Wer nämlich die tatsächlichen sozial- und gesundheitspolitischen Positionen der AfD analysiert, findet dort kein Schutzprogramm für die Schwachen – sondern einen direkten Angriff auf das Solidarprinzip der sozialen Sicherungssysteme. Die Gruppen, mit deren Sorgen politisch geworben wird, wären unter einer konsequenten AfD-Politik oft die ersten, die das unmittelbar zu spüren bekämen. Soziale Not wird hier nicht gelöst. Sie wird vermarktet.
Als Kulisse für Empörung. Als Beleg für den eigenen Feldzug gegen Minderheiten, Migranten und demokratische Institutionen. Die Betroffenen werden nicht als Bürger mit Rechten behandelt, sondern als politische Ware. Das ist Populismus in seiner perfidesten Form – und er funktioniert, weil die demokratische Konkurrenz keine überzeugenden Gegenentwürfe liefert. Ein Vertrauen auf das falsche Pferd.
Grundsicherung: Mehr als ein Sozialsystem – ein Symbolstreit
Die Grundsicherung (verschärftes Bürgergeld/Vegetationshilfe) ist längst kein reines Verwaltungsthema mehr. Es ist der Verdichtungspunkt einer viel tieferen gesellschaftlichen Frage: Für wen gilt eigentlich das Prinzip der Fairness in diesem Staat?
Einerseits wächst bei einem Teil der arbeitenden Bevölkerung das Gefühl, die eigene Leistung werde schlechter honoriert als staatliche Transferleistungen. Andererseits erleben Bezieher ein System, das ihnen Würde und Handlungsspielraum oft verweigert – durch Sanktionen, Bürokratie und öffentliche Stigmatisierung. Beide Gruppen haben handfeste Anlässe zur Frustration. Und beide werden von Populisten instrumentalisiert: mal werden Empfänger als Drückeberger dargestellt, mal als Opfer eines kaltherzigen Staates.
Wer Grundsicherung nur als Missbrauchsproblem diskutiert oder nur als moralisches Schutzschild, greift zu kurz. Die eigentliche Frage lautet: Kann Politik nachvollziehbar erklären, warum soziale Sicherung gerecht ist – und wie sie Arbeit anerkennt, statt sie gegen Unterstützung auszuspielen? Gelingt das nicht, entsteht ein Resonanzraum für genau jene, die aus diesem Streit politisches Kapital schlagen. Und der Resonanzraum ist gerade sehr groß.
Die Grundsicherung ist damit nicht nur eine sozialpolitische Frage. Es ist eine demokratische Stabilitätsfrage. Wo Menschen den Eindruck haben, soziale Regeln seien unfair, Eliten seien abgehoben und Regierungen nicht handlungsfähig, wächst nicht automatisch eine sozial gerechte Alternative – sondern zunächst die Bereitschaft zur autoritären Protestwahl. Auf dem Rücken von Millionen Bedürftiger – nicht der wenigen, die wirklich betrügen – wird eine Hexenjagd 2026 angezettelt, die nichts Humanes mehr hat.
Merz und die AfD: Das gefährliche Doppelspiel
Friedrich Merz steht exemplarisch für das Dilemma der Union. Einerseits betont er die Abgrenzung zur AfD – Brandmauer, heißt das Schlagwort. Andererseits hat die Union, allen voran Merz selbst, in der Migrationsdebatte Formulierungen und Positionen gewählt, die der AfD politisch nützen – weil sie deren Themen in die Mitte tragen und damit normalisieren.
Das Problem ist nicht nur die Schärfe der Sprache, sondern ihre Wirkung. Wer die politische Debatte in Begriffen führt, die Angst, Abwehr und nationale Abgrenzung in den Mittelpunkt stellen, stärkt am Ende das Original. Wer AfD-Rhetorik kopiert, legitimiert das politische Feld, auf dem die AfD längst heimisch ist. Man kämpft dann nicht gegen die AfD – man füttert sie. Und fragt sich hinterher, warum sie noch stärker geworden ist.
Merz versucht ein Doppelspiel: bürgerliche Stabilität versprechen und gleichzeitig rechte Reizthemen bedienen. Das wirkt nicht souverän, sondern getrieben – wie es Gauland 2017 prophezeit hatte. Und wer getrieben wirkt, verliert Vertrauen – bei jenen, die Verlässlichkeit suchen, genauso wie bei jenen, die den Unterschied zwischen Union und AfD immer schwerer erkennen.
Halbherzige Reformen und das Ende der Glaubwürdigkeit
Die Verantwortung liegt dabei nicht nur bei Merz. Die SPD hat mit Hartz IV und der nur halbherzig reformierten, nun zur Grundsicherung verschärften Leistung einer ganzen Generation von Menschen unmissverständlich gezeigt, was von sozialen Versprechen zu halten ist: Sie gelten bis zum nächsten Koalitionsfrieden. Oder bis zum nächsten Sparpaket. Oder bis zur nächsten Regierungsarithmetik.
Wo Reformen groß angekündigt und klein umgesetzt werden, wächst nicht Vertrauen, sondern Zynismus. Wer immer wieder hört, dass alles gerechter werden soll, während der eigene Alltag von Sanktionen, Pflegekosten und Rentenangst geprägt bleibt, verliert früher oder später den Glauben an die Mitte. Und sucht Alternativen – nicht unbedingt bessere, aber eindeutigere.
Die FDP hat das auf ihre eigene Art vorgeführt. Ein harter marktwirtschaftlicher Kurs, wenig soziale Bindungskraft, und bei der Bundestagswahl 2025 das konsequente Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde. Raus aus dem Parlament, weitgehend verschwunden aus der politischen Öffentlichkeit. Das ist die Quittung für eine Politik, die den Sozialstaat vor allem als Belastung behandelt und gesellschaftliche Entlastung nach unten regelmäßig an Sparlogik und Schuldenbremsen bindet.
Und wenn reale Reformen immer nur halbherzig ausfallen, Diäten und politische Privilegien aber selbstverständlich gesichert erscheinen, wächst der Eindruck eines politischen Betriebs, der sich zuerst selbst schützt. Genau aus diesem Widerspruch nähren sich Resignation, Wut – und populistische Verführbarkeit. Dann ist auch der Verzicht auf die zum 1. Juli 2026 geplante Diätenerhöhung von 4,2 Prozent – ausgerechnet zeitlich gekoppelt an Reformgesetze, die den Bürgern selbst etwas abverlangen – eher Makulatur als wirkliches Zeichen. Wer Bescheidenheit als PR-Instrument einsetzt und den Zeitpunkt dafür strategisch kalkuliert, hat das Prinzip von Maß und Verantwortung nicht verstanden. Er hat es vermarktet.
Das Identitätsproblem der Volksparteien
CDU, SPD und andere wirken in immer mehr Fragen austauschbar. Das ist kein Zufall – es ist das Ergebnis jahrelanger Koalitionsarithmetik, bei der Profil dem Kompromiss geopfert wird. Was dabei entsteht, ist keine stabile Mitte, sondern eine politische Leere, in die andere vorstoßen.
Wenn neun von zehn Menschen unzufrieden sind und die politischen Hauptdarsteller keine klaren Antworten geben, erscheinen selbst falsche Antworten attraktiv – wenn sie nur entschlossen klingen. Die AfD liefert entschlossene Antworten. Sie sind falsch, autoritär und sozial selektiv. Aber sie wirken eindeutig, während die demokratische Mitte laviert, taktiert und sich erklärt.
Grünen-Co-Chef Felix Banaszak hat die Konsequenz klar benannt: Bei anhaltender Schwäche der demokratischen Mitte droht die AfD nicht nur Protest zu bündeln, sondern realen Zugriff auf staatliche Institutionen zu gewinnen. In ostdeutschen Bundesländern ist das längst keine abstrakte Warnung mehr.
Man fragt sich unweigerlich, ob unsere Politiker beim Thema Weimarer Republik im Geschichtsunterricht geschlafen haben – oder ob der blinde Fleck gegenüber dem, was da gerade passiert, eine ganz andere, beunruhigendere Erklärung hat. Denn die zweite Möglichkeit wiegt schwerer: Wer die Zeichen kennt und trotzdem wegschaut, wer die Forderungen des Souveräns – des deutschen Volkes – bewusst ignoriert, um den eigenen Machterhalt nicht zu gefährden, begeht keinen Fehler aus Unwissenheit. Der handelt aus Kalkül.
Machterhalt als Selbstzweck – und seine Folgen
Der eigentliche Kern des Problems ist der Machterhalt um fast jeden Preis. Parteien, die ihre Sprache, ihre sozialen Versprechen und ihre politischen Grenzen taktisch verschieben, untergraben das Vertrauen, auf dem Demokratie beruht. Demokratie ist kein selbstlaufendes System. Sie braucht Glaubwürdigkeit – und die ist nicht delegierbar.
Die FDP hat das mit dem Absturz aus dem Bundestag exemplarisch vorgeführt. Die SPD zahlt noch immer für den Vertrauensverlust, der entsteht, wenn man soziale Gerechtigkeit verspricht und bei zentralen Konflikten regelmäßig den kleinsten Kompromiss zulasten der Schwächsten abnickt. Und die Union riskiert dasselbe, wenn sie glaubt, AfD-Themen instrumentalisieren zu können, ohne selbst instrumentalisiert zu werden.
Machterhalt ohne glaubwürdige soziale Orientierung führt nicht zur Stabilität – sondern in den politischen Untergang. Weil er das Feld jenen überlässt, die Empörung in Identität verwandeln und soziale Unsicherheit in autoritäres Kapital ummünzen. Das ist keine Prognose. Das ist Gegenwart.
Fazit: Das ist kein Sturm im Wasserglas
87 Prozent Unzufriedenheit sind kein Stimmungstief, das sich von selbst auflöst. Sie sind das Symptom einer tiefer liegenden Krise: einer politischen Mitte, die soziale Ängste nicht mehr glaubwürdig beantwortet – und einer Rechten, die genau daraus ihre Kraft zieht.
Solange soziale Schwäche vermarktet, Reformen halbherzig umgesetzt und rechte Narrative aus taktischen Gründen übernommen werden, wächst die AfD nicht trotz der Fehler der anderen, sondern durch sie. Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht nur im Erfolg der Rechten, sondern in der politischen Plumpheit jener, die meinen, man könne sie mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen.
Das Vertrauen in die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Politik, die ernst nimmt, was die Menschen bewegt – ehrlich, konsequent und ohne taktische Schönfärberei. Wer das vergisst, überlässt das Feld denen, die auf Spaltung, Angst und Empörung gesetzt haben. Und das sollte zu denken geben.
Wenn du wissen willst, wie Populismus funktioniert und wie man seine Mechanismen erkennt, bevor sie wirken: → Populismus erkennen – die Tricks der Manipulation
