43,8 Prozent: Sachsen-Anhalt hat gewählt — erstmals seit 1945 droht ein rechtsextrem geführtes Bundesland
Erstellt: 7. September 2026
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Einordnung: Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 ist eine Zäsur. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, ein Bundesland regieren. Die „AfD“ hat ihr Ergebnis gegenüber 2021 mehr als verdoppelt — von 20,8 auf 43,8 Prozent. Die „CDU“ wurde halbiert. Und die einzige Koalition, die ohne die „AfD“ eine Mehrheit ergibt, erfordert alle fünf anderen Parteien gleichzeitig — eine politische Quadratur des Kreises.
Das Ergebnis ist keine Überraschung, aber ein Schock. Sachsen-Anhalt hat am Sonntag (6. September 2026) gewählt — und die „Alternative für Deutschland“ hat gewonnen. Mit 43,8 Prozent. Die „CDU“ von Ministerpräsident Sven Schulze stürzt auf 17,2 Prozent ab. Das ist ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und entspricht exakt dem, wovor Analysten seit Monaten gewarnt haben. Wer die vierteilige Analyse dieses Blogs zum Wahlprogramm der „AfD“ gelesen hat, ahnte: Es wird schlimm. Es ist schlimmer geworden.
Das Ergebnis in Zahlen — ein Rekord, der keiner sein sollte
43,8 Prozent. Mehr als doppelt so viel wie 2021, als die „AfD“ noch bei 20,8 Prozent lag. Es ist der beste Wert, den eine Partei in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren bei einer Landtagswahl erzielt hat. Und er gehört einer Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft.
Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent — der höchste Wert in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung 1990. 2021 waren es noch 60,3 Prozent. Die Menschen haben gewählt. Nur eben so.
Das vollständige Ergebnis im Überblick (vorläufiges amtliches Ergebnis, Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, 07.09.2026, 03:27 Uhr):
„AfD“: 43,8 Prozent (+23,0 gegenüber 2021) — 39 Sitze
„CDU“: 17,2 Prozent (−19,9) — 15 Sitze
„SPD“: 9,3 Prozent (+0,9) — 8 Sitze
„Grüne“: 8,9 Prozent (+3,0) — 8 Sitze
„Linke“: 8,6 Prozent (−2,4) — 8 Sitze
„BSW“: 5,3 Prozent (neu) — 5 Sitze
„FDP“: 2,6 Prozent (−3,8) — aus dem Landtag ausgeschieden
Von 41 Direktwahlkreisen hat die „AfD“ 40 gewonnen. Den einzigen anderen holten die „Grünen“ — in Halle. Die „CDU“ gewann keinen einzigen Direktwahlkreis, auch nicht in Magdeburg: Ministerpräsident Schulze verlor sein eigenes Direktmandat gegen den „AfD“-Kandidaten (35,2 zu 31,7 Prozent).
Eine gesichert rechtsextreme Partei vor der Regierungsmacht
Den letzten Hochrechnungen zufolge könnte mit der „AfD“ erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei in einem Bundesland an die Macht gelangen. Das ist kein rhetorischer Overkill. Das ist der sachliche Befund.
Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt hat den Landesverband der „AfD“ bereits 2021 als rechtsextremen Verdachtsfall eingestuft. Seit 2023 gilt er als gesichert rechtsextrem. Die Partei, die jetzt den Ministerpräsidenten stellen will, ist damit keine normale demokratische Partei, die man mögen oder ablehnen kann. Sie ist eine staatlich bestätigte verfassungsfeindliche Organisation — und hat gerade 43,8 Prozent der Stimmen bekommen.
„AfD“-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ließ am Wahlabend keinen Zweifel an seinen Ambitionen. Er sehe einen klaren Regierungsauftrag. Inhaltlich werde er sich nicht verbiegen. Das Programm der Partei — Abschaffung des Kirchenasyls, Aufnahmestopp für Nicht-EU-Ausländer, Kündigung des MDR-Staatsvertrags, Aufbau einer Art Bürgerwehr gegen Migranten — sei nicht verhandelbar. Sollte die Regierungsbildung scheitern, schließt Siegmund Neuwahlen nicht aus: „Im Notfall würden wir halt 50 oder 55 Prozent bekommen.“
Das ist keine Drohung. Das ist ein Geschäftsmodell.
Regierungsbildung: Ein Gordischer Knoten — oder doch verlüffend einfach?
Der Koalitionsrechner zeigt: Die „AfD“ allein kommt auf 39 Sitze. Die absolute Mehrheit im Landtag liegt bei 42 von 83 Sitzen. Drei Stimmen fehlen.
Aber: „AfD“ plus „BSW“ ergibt 44 Sitze — und damit eine absolute Mehrheit. Das ist die eigentliche politische Bombe des Abends, die in der Schockberichterstattung über das Wahlergebnis etwas untergeht. Das „BSW“ hat explizit erklärt, keine Brandmauer zu kennen. „BSW“-Spitzenkandidat Thomas Schulze am Wahlabend: „Wir sprechen mit allen Parteien. Dazu gehört die „AfD“. Die Brandmauer interessiert uns nicht.“
Die Alternative: Alle fünf anderen Parteien gemeinsam — „CDU“ (15 Sitze), „SPD“ (8), „Grüne“ (8), „Linke“ (8) und „BSW“ (5) — kämen ebenfalls auf 44 Sitze. Aber die „CDU“ hat per Bundesparteitagsbeschluss eine doppelte Brandmauer nach rechts UND nach links: keine Zusammenarbeit mit der „AfD“, keine Zusammenarbeit mit der „Linken“. Eine Minderheitsregierung unter „CDU“-Führung, die auf wohlwollendes Dulden der „Linken“ angewiesen wäre — das ist die theoretische Alternative zur „AfD“-Regierung. Praktisch wäre das der politische Selbstmord der „CDU“.

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Siegmund weiß das. Und er hat es auf den Punkt gebracht: „Ich weiß ja nicht, ob es einzelne Abgeordnete gibt, die sagen: Jetzt ist Schluss, jetzt spiel ich das hier nicht mehr mit.“ Was sich nach einem Angebot anhört, ist in Wahrheit eine Einladung zum Verrat an der eigenen Fraktion. Die „AfD“ wartet darauf, dass die Demokraten den nächsten Fehler machen.
Was die „AfD“ in den ersten 100 Tagen plant
Das Regierungsprogramm der „AfD“ für Sachsen-Anhalt ist kein Wunschkonzert. Es ist ein Sofortmaßnahmenpaket. Punkt eins auf der Liste: Kündigung des MDR-Staatsvertrags. Dieser Vertrag zwischen Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist kündbar zum 31. Dezember 2028 — wenn die Kündigung bis Ende 2026 erklärt wird. Das Zeitfenster ist also jetzt.
Ob das rechtlich Bestand hätte, ist fraglich — das Bundesverfassungsgericht hat eine flächendeckende Versorgung mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk als Verfassungsgebot beschrieben. Der MDR hat bereits angekündigt, rechtliche Schritte zu prüfen. Aber dass die Drohung real ist, zeigt Siegmunds Klarheit: Es ist Punkt eins seines Hundert-Tage-Programms. Noch vor Migration, noch vor Wirtschaft.
Weiteres aus dem Programm: Abschiebungen priorisieren, Arbeitspflicht für Asylsuchende, Aufbau einer Bürgerwehr gegen irreguläre Einwanderung, Förderung von Kulturprojekten künftig nur noch für solche, die zur „deutschen Identitätsfindung“ beitragen — und Ausschluss von Projekten, die als „antideutsch“ eingestuft werden. Wer das definiert, lässt sich denken.
Musk, Salvini und die Glückwunschparade von rechts
Elon Musk, der reichste Mann der Welt, gratulierte der „AfD“ noch in der Wahlnacht auf seiner Plattform X. Siegmund antwortete ihm auf Englisch und bot konstruktive Zusammenarbeit an. Deutschland wäre dann „wieder ein Standort, in den es sich zu investieren lohnt.“ Lega-Chef Matteo Salvini sprach von einem „überwältigenden Erfolg“. Das internationale Rechtsnetzwerk hatte seine Gratulanten losgeschickt, noch bevor alle Wahlkreise ausgezählt waren.
„AfD“-Chefin Alice Weidel zog sofort die nächste Schlussfolgerung: „Die „CDU“ wird im Bund keine Wahl mehr gewinnen. Keine Bundestagswahl.“ Das ist nicht nur Arroganz. Das ist Kalkül.
Was das für Kanzler Merz bedeutet
Friedrich Merz war 2018 angetreten mit dem Versprechen, die „AfD“ zu halbieren. Sachsen-Anhalt liefert die Antwort: Die „CDU“ wurde halbiert. Von 37,1 auf 17,2 Prozent. Drei Viertel der Befragten im ZDF-Politbarometer sagen, Merz habe dem „CDU“-Ergebnis in Sachsen-Anhalt geschadet.
Am Wahlabend schwieg der Kanzler. Kein Statement, kein Eingeständnis, keine Analyse. Konfrontationsscheu ist noch das freundlichste Wort dafür. Wer das Ergebnis seiner eigenen Politik nicht benennen kann, hat das Ergebnis seiner eigenen Politik noch nicht verstanden.
Dabei wäre die Diagnose nicht schwer. Sparmaßnahmen, die vor allem diejenigen treffen, die schon am unteren Ende der Kaufkraftskala stehen. Lobbyarbeit, die ungerührt weiterläuft. Bürgergeld, das zur „Grundsicherung“ umgetauft wird — eine Mogelpackung, die den alten Prügelknaben nur neu beschriftet. Statt am Kopf der Verschwendung zu sparen, also dort, wo Privilegien, Subventionen und politische Günstlingswirtschaft florieren, trifft die Sparlogik wieder unten. Das ist keine Haushaltspolitik. Das ist Klassenpolitik mit anderem Namen.
Und dann die Wirtschaftsfrage, die niemand laut stellt: Wohin geht eine Exportnation, wenn sich die eigene Bevölkerung das tägliche Leben nicht mehr leisten kann? Wer kauft dann noch die deutschen Produkte — nur der Export? Das ist kein Wachstumsmodell. Das ist ein Auslaufmodell.
„Wir sind das Volk“ — mit diesem Satz hat 1989 eine Revolution begonnen. Dieselbe Formel trägt heute andere Fahnen. Wer das ignoriert und auf „Weiter so“ setzt, hat nicht nur eine Wahl verloren. Er riskiert etwas Größeres: den demokratischen Zusammenhalt einer Bundesrepublik, die gerade dabei ist, sich selbst aufzugeben.
In 13 Tagen: Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Am 20. September 2026 wählen gleich zwei Bundesländer: Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die „AfD“ im Wahltrend (Stand: 6. September 2026) bei 35,9 Prozent. Die „SPD“ von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig folgt mit 30 Prozent. Die „CDU“: 9 Prozent. Einstellig.
Schwesig reagierte noch am Wahlabend: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben Rechtsextremisten sehr deutlich eine Landtagswahl gewonnen. Das ist gefährlich.“ In Mecklenburg-Vorpommern könne und müsse verhindert werden, dass die „AfD“ stärkste Kraft wird. Ob das gelingt, ist nach dem Ergebnis aus Sachsen-Anhalt keine einfach zu beantwortende Frage mehr. Der Rückenwind ist real.
Was bleibt: Sachsen-Anhalt ist kein Ausreißer. Es ist ein Beweis. Der Beweis, dass populistische Rhetorik kein Wählerversehen ist — sondern eine politische Methode, die funktioniert. Eine gesichert rechtsextreme Partei hat 43,8 Prozent erhalten. Und der einzige Weg, sie von der Macht fernzuhalten, ist ein Bündnis, das politisch kaum haltbar ist.
Was jetzt passiert in Sachsen-Anhalt, ist nicht nur eine Frage der Regierungsbildung. Es ist eine Frage, wie belastbar die demokratischen Institutionen der Bundesrepublik tatsächlich sind. Die nächste Antwort kommt in 13 Tagen. Aus Mecklenburg-Vorpommern.
Wer die Hintergründe des „AfD“-Wahlprogramms nachlesen möchte, findet auf diesem Blog die vollständige vierteilige Analyse — von Energie und Klima bis zu Medien und Rundfunk.
Alle Fakten selbst nachprüfbar — wie es sich gehört.
ZDF: Wahl in Sachsen-Anhalt — Ergebnisse und Reaktionen, Liveblog (Abruf: 07.09.2026)
Deutsche Welle: AfD will in Sachsen-Anhalt regieren — aber wie? (Abruf: 07.09.2026)
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