Sachsen-Anhalt: Wie die „CDU“ ihre eigene Brandmauer abreißt
26. August 2026
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Einordnung: Nicht die „AfD“ hat die Brandmauer in Sachsen-Anhalt eingerissen — das haben CDU-eigene Kandidaten erledigt. Am 21. August 2026 sprachen drei Abgeordnete der CDU-Landtagsfraktion öffentlich über eine Minderheitsregierung, die ihre Mehrheit notfalls auch mit AfD-Stimmen suchen soll. Das ist kein Betriebsunfall. Es ist die Logik des Machterhalts — und sie kollidiert frontal mit dem eigenen Versprechen.
Elf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (6. September 2026) tut die „AfD“ das, was sie immer tut: Stimmung machen, Umfragen steigern, das Feld besetzen. Doch die eigentliche Überraschung dieser Woche kam nicht von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund — sie kam aus den eigenen Reihen der „CDU“. Drei Abgeordnete der Landtagsfraktion sprachen sich öffentlich für eine Minderheitsregierung aus — gestützt, wenn nötig, auf Stimmen der als gesichert rechtsextrem eingestuften „AfD“. Andere demokratische Koalitionsoptionen? Werden gar nicht erst ernsthaft in Betracht gezogen. Man geht direkt zum politischen Feind. Weil es der schnellste Weg zur Macht ist. Brandmauer? – Fehlanzeige.
Drei CDU-Kandidaten, ein Tabubruch
16 Tage vor der Landtagswahl, am 21. August 2026, meldete die taz: CDU-Abgeordnete sprechen offen über das Undenkbare. Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Ulrich Thomas, und die gesundheitspolitische Sprecherin Anja Schneider sagten der taz, sie neigten nach der Wahl zu einer Minderheitsregierung ihrer Partei — mit parlamentarischen Mehrheiten mal durch Stimmen der „AfD“, mal durch die Linke.
Thomas ließ keinen Zweifel, wo seine Präferenz liegt — und sie liegt nicht bei demokratischen Alternativpartnern. Eine Tolerierung durch die Linke lehnte er ausdrücklich und kategorisch ab: „Das würde uns zerreißen, da kriegen wir eine Austrittswelle.“ Was er stattdessen ins Auge fasst: Stimmen der als gesichert rechtsextrem eingestuften „AfD“. „Ich würde sachbezogen mit den Leuten reden: Das ist meine Position als CDU. Kriege ich die mit euren Stimmen im Parlament mehrheitsfähig?“ — das ist kein Notfallplan, kein letzter Ausweg. Das ist die Erstpräferenz eines amtierenden Fraktionssprechers. Er hofft sogar, durch Zusammenarbeit „den Streit in die AfD tragen zu können“ — eine Formulierung, die klingt wie Taktik, aber vor allem eines ist: die Normalisierung eines Akteurs, den sein eigener Parteibeschluss aus dem parlamentarischen Umgang ausschließt.
Auch der sozialpolitische Sprecher Krull äußerte sich — allerdings mit anderer Gewichtung. Ihm ist das Modell Thüringen und Sachsen lieber: Minderheitsregierung mit Linke-Duldung, „auch wenn das wirklich nicht meine Wunschvorstellung wäre“. AfD-Tolerierung lehnte er ab: „Die AfD hat doch das Ziel, dass wir scheitern.“
Das Ergebnis: Drei CDU-Abgeordnete, die dem neuen Landtag wahrscheinlich wieder angehören werden, diskutierten öffentlich und mit vollständigen Namen darüber, wie man Bundesparteitagsbeschlüsse praktisch beiseitelegt. Elf Tage vor der Wahl.
Der Bundesparteitagsbeschluss der CDU — und was er wert ist
Seit dem CDU-Bundesparteitag 2018 gilt ein eindeutiger Beschluss: Zusammenarbeit weder mit der „AfD“ noch mit der Linken. Das ist kein unverbindlicher Leitgedanke — es ist Parteirecht. Bundesweit. Bindend.
Was bei dieser Debatte besonders ins Auge springt: Es geht nicht um eine Abwägung zwischen mehreren demokratischen Optionen, von denen keine funktioniert. Es geht um eine Entscheidung zwischen zwei Partnern, die der eigene Parteitag gleichermaßen ausschließt — und die „CDU“-Abgeordneten greifen dabei direkt zur gesichert rechtsextremen Partei, weil der andere Weg zu teuer für die eigene Mitgliedschaft wäre. Nicht zu teuer für die Demokratie. Zu teuer für die Partei. Das ist der Unterschied.
„SPD“, „Grüne“, „FDP“ — die klassischen demokratischen Partner? In den Umfragen kratzen alle drei an der Fünfprozenthsürde. Eine Dreierkoalition aus bürgerlichen Parteien ist rechnerisch kaum möglich. Aber diese Lücke nutzt die „CDU“ nicht, um über neue Bündnisse nachzudenken — sie nutzt sie, um die Abkürzung zu nehmen. Die führt direkt zur „AfD“. Wer das Pragmatismus nennt, sollte den Preis benennen, den die Demokratie dafür zahlt.
CDU-Landesvize André Schröder formulierte das öffentlich auf Linie — und doch ausweichend: Parlamentarische Mehrheiten mit der „AfD“ strebe die Landesspitze ausdrücklich nicht an. Eine Minderheitsregierung nach der Wahl aber schloss er „nicht aus“. Ein Satz, der alles offenlässt — und der genau deswegen so viel verrät.
Schulze (CDU)
fehlt — Siegmund füllt den Raum
Während seine eigenen Kandidaten die Brandmauer diskutierten, hielt Ministerpräsident Sven Schulze Abstand — von allem. Die Einladung des YouTubers Ben „{ungeskriptet}“ zu einem gemeinsamen Gespräch mit Ulrich Siegmund lehnte Schulze ab. Siegmund kam allein. Er bekam fast vier Stunden Sendezeit — mit enormer Reichweite im Netz.
Gleichzeitig flankte der Spiegel mit seiner Titelgeschichte: Siegmund, der „gefährlichste Mann Deutschlands“. Das Kalkül dahinter war gut gemeint — traf aber die alte Howard-Stern-Formel: Wer auch immer ihn benennt, vergrößert seine Bühne. Wer ihn ignoriert, überlässt ihm das Feld. Schulze hat beides gleichzeitig getan.
In Umfragen steht die „AfD“ bei 42 bis 43 Prozent. Die „CDU“ bei 22 bis 23 Prozent — ein historischer Absturz. Haseloff hatte sie 2021 noch auf 37,1 Prozent geführt. Schulze hat keine vergleichbare Autorität, keine vergleichbare Reichweite, keine vergleichbare Strategie. Was er hat: das Amt. Und elf Tage Zeit.
Die CDU-Brandmauer war nie ein Prinzip — sie war Rhetorik
Was in Sachsen-Anhalt gerade passiert, ist kein Ausrutscher. Es ist die konsequente Fortschreibung einer Logik, die schon in Berlin sichtbar war: Wenn Machterhalt wichtiger wird als Glaubwürdigkeit, weicht das Prinzip dem Pragmatismus. Was öffentlich als unverrückbare Linie verkauft wird, verhandelt man intern als Schieberegler.
Das Problem ist nicht nur das Signal an die Wählerinnen und Wähler — es ist das Signal an die „AfD“ selbst. Wer ihre Stimmen braucht, wer „sachbezogen mit den Leuten redet“, behandelt die „AfD“ als normalen parlamentarischen Akteur. Als Partei, die man zwar nicht in die Koalition einlädt, aber doch konsultiert, nutzt, einbezieht. Genau das war die Substanz der Brandmauer: Nicht Koalitionsmathematik — sondern die Verweigerung genau dieser Normalität. Diese Verweigerung liegt gerade zerstört am Boden. Und der Hammer war kein AfD-Angriff. Es waren CDU-Hände.

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Färbt sich die „CDU“ langsam blau?
Es ist eine Frage, die man vor einem Jahr noch kaum laut stellen konnte — heute drängt sie sich auf: Löst sich die „CDU“, wie wir sie kennen, gerade selbst auf?
Nicht durch eine dramatische Entscheidung. Nicht durch einen Parteitagsbeschluss. Sondern still, funktional, schrittweise — indem sie die Logik der „AfD“ übernimmt, bevor es irgendeine formale Kooperation gibt. Wer die Stimmen der „AfD“ braucht, denkt irgendwann in den Kategorien der „AfD“. Wer nie der Frage ausweichen muss, wie weit man gehen kann, lernt nie mehr, wo man aufhören sollte.
Was dabei vollständig fehlt, ist Reflexion. Die Abkehr breiter Bevölkerungsschichten von der demokratischen Mitte ist real — und sie ist kein Kommunikationsproblem. Sie ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen Politik Versprechen machte und Kompromisse lieferte, soziale Sicherheit beschwör und Sparpolitik betrieb, Zusammenhalt predigte und Spaltung produzierte. Das wäre der Moment, innezuhalten. Zu fragen: Was haben wir falsch gemacht? Wen haben wir verloren, und warum?
Stattdessen: weiter so wie immer. Schulze tritt nicht zum Gespräch an. Thomas redet von sachbezogener Zusammenarbeit mit einer gesichert rechtsextremen Partei. Schröder schließt nichts aus. Die Antwort auf das Misstrauen der Bevölkerung ist nicht Glaubwürdigkeit — sondern neues Misstrauen, diesmal gegenüber der demokratischen Substanz selbst.
Das kann dieses Land spalten. Es kann es sehr unruhig werden lassen. Und wenn Freiheit und Demokratie zur Verhandlungsmasse werden, bevor der Wähler auch nur das erste Kreuz gesetzt hat — dann ist das nicht der Triumph der „AfD“. Dann ist es das Versagen derer, die Demokratie hätten verteidigen sollen.
Was jetzt noch zählt — elf Tage bis zur Entscheidung
Die Wahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. Was danach kommt, ist ungewiss. Was jetzt schon feststeht: Die „CDU“ geht geschwächt und ohne klare Linie in diesen Endspurt. Die „AfD“ geht stark hinein — gestützt durch Rekordzahlen in Umfragen, durch stundenlange unkontrollierte Podcastauftritte und durch die unfreiwillige Vorarbeit der CDU, die ihr eigenes Prinzip öffentlich zur Verhandlungsmasse gemacht hat.
Wer die Brandmauer nur dann aufrechthält, wenn sie nichts kostet — und sie aufgibt, sobald sie unbequem wird — hat nie wirklich eine gebaut. Das ist die eigentliche Nachricht dieser Woche. Nicht die Stärke der „AfD“. Die Schwäche derer, die sie begrenzen sollten. Dazu hatte ich bereits den AfD-Plan B im Detail analysiert — was damals noch Spekulation war, wird heute von der CDU selbst bestätigt.
Was bleibt: Am 6. September 2026 entscheiden die Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter. Aber CDU-Abgeordnete proben schon jetzt öffentlich, was danach kommen soll. Wer wirklich verstehen will, wie Demokratien ausshöhlen, muss nicht auf die „AfD“ schauen. Sondern auf jene, die vorgeben, sie zu begrenzen — und dabei die eigenen Grenzen aufgeben. Teilen Sie diesen Artikel, wenn Sie finden, dass mehr Menschen das wissen sollten.
Wer nachlesen will, bitte sehr. Alles öffentlich zugänglich.
taz: CDU-Kandidaten in Sachsen-Anhalt offen für Minderheitsregierung (21.08.2026)
NZZ: Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt — CDU erwägt Duldung durch Linkspartei (2026)
t-online: Sachsen-Anhalt-Wahl 2026 — Wahlumfragen im Überblick (aktualisiert 21.08.2026)
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