Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vor Solaranlage und Windrad – Montage zur Energiewende-Debatte

Aufgedeckt: Die Milliarden-Legende — Lobbypolitik bremst die Energiewende

31. Juli 2026

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Einordnung: Energiewende? – Eher nicht. 3,1 Milliarden Euro Kosten für das Netzengpassmanagement 2025 — diese Zahl geistert durch die energiepolitische Debatte und wird gerne gegen Wind und Solar in Stellung gebracht. Die Daten der Bundesnetzagentur erzählen eine andere Geschichte: Entschädigungen für abgeregelte Erneuerbare machten nur rund 14 Prozent dieser Kosten aus. Der weitaus größere Anteil entfiel auf Reservekraftwerke und konventionellen Redispatch — also auf Strukturen, die dem alten zentralisierten Energiesystem entspringen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, zuvor sieben Jahre als Lobbyistin und Managerin bei VKU und E.ON tätig, setzt dennoch auf Kurs, der die Erneuerbaren weiter einschränkt. Wer von dieser Bremse profitiert, ist keine Überraschung.

3,1 Milliarden Euro für Netzengpassmanagement — und der Finger zeigt auf Wind und Solar. Wer aber genau hinschaut, findet nicht das Scheitern der Energiewende, sondern das Erbe einer Lobbypolitik, die sich heute auf einem Ministersessel bequem niedergelassen hat.

Das Narrativ: Teuer, störend, bremst sich selbst aus


Die Erzählung läuft seit Jahren so: Die Energiewende ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Windräder produzieren Strom, den das Netz nicht aufnehmen kann. Solaranlagen werden abgeregelt, und die Steuerzahler bezahlen die Rechnung. Milliarden für abgeregelten Grünstrom. Lieber erst das Netz modernisieren, bevor weitere Erneuerbare zugebaut werden — so lautet die Botschaft.

Diese Erzählung hat in der politischen Debatte einen festen Platz — bei der „AfD“, in Teilen der „CDU“, und gelegentlich in Kommentarspalten, die Windkraft mit „Flatterstrom“ gleichsetzen. Das Problem mit dieser Erzählung: Sie stimmt nur halb. Und der fehlende Teil ist politisch entscheidend.

Was die Redispatch-Zahlen wirklich sagen


Die gesamten Kosten des Netzengpassmanagements lagen 2025 bei rund 3,1 Milliarden Euro. Davon entfielen auf Entschädigungen für abgeregelte erneuerbare Anlagen gerade einmal rund 433 Millionen Euro — das entspricht etwa 14 Prozent der Gesamtkosten. Der weitaus größere Anteil entfiel auf Reservekraftwerke mit rund 1,4 Milliarden Euro und konventionellen Redispatch mit rund 1,2 Milliarden Euro. Dazu kommt Countertrading in Höhe von rund 100 Millionen Euro.

Mit anderen Worten: Fast 86 Prozent der Netzengpasskosten entstehen nicht wegen Windrädern und Solaranlagen — sondern wegen Strukturen, die dem alten, zentralisierten Energiesystem entspringen. Die Erneuerbaren sind nicht das Problem. Sie finanzieren es mit.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die EE-Entschädigungen zuletzt sogar gesunken sind: 2023 lagen sie mit 580 Millionen Euro auf ihrem bisherigen Höchststand, 2024 bei 554 Millionen Euro, 2025 auf 435 Millionen Euro — trotz weiter wachsenden Anteils der Erneuerbaren an der gesamten Stromerzeugung. Mehr Grünstrom, weniger Ausgleichszahlungen: Das ist keine Erzählung vom scheiternden System, sondern ihr Gegenteil. Wer mehr über Reiches konkrete Reformvorhaben beim EEG wissen will, findet hier eine ausführliche Einordnung zum Redispatch-Vorbehalt und seinen Folgen.

96,5 Prozent — die verschwiegene Seite der Energiewende


Wer das Scheitern der Energiewende behauptet, sollte diese Zahl erklären: 96,5 Prozent des erneuerbaren Stroms, der 2025 erzeugt wurde, konnte trotz aller Netzengpässe tatsächlich zu den Verbrauchern transportiert werden. Nur 3,5 Prozent wurden abgeregelt. Gleichzeitig deckten Erneuerbare bereits 58 Prozent der deutschen Stromerzeugung — ein historischer Höchststand.

Wohlgemerkt: Die Solar-Abregelung ist 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 94 Prozent gestiegen. Das ist ein reales Problem — aber es ist nicht das Problem, das durch eine Bremse bei Wind und Solar gelöst wird. Es ist das Problem eines Netzes, das dem Ausbautempo nicht folgen konnte. Die Antwort darauf heißt mehr Netz, mehr Speicher, mehr Flexibilität. Nicht weniger grüner Strom.

Katherina Reiche: Vom Lobbyverband ins Ministerium


Seit dem 6. Mai 2025 ist Katherina Reiche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie im Kabinett Merz. Eine karrieretypische Politikerin, die ihren Weg durch Ausschüsse und Fraktionen gemacht hat? Nein. Eine Karriere, die quer durch Lobbyverbände und Energiekonzerne führt — und das ist keine Wertung, sondern ihre Biografie.

Von 2015 bis 2019 war Reiche Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) — des Spitzenverbands der Stadtwerke, die Gas- und Wärmenetze betreiben und direktes wirtschaftliches Interesse an einem kontrollierten Energiewende-Tempo haben. Von 2019 bis 2025 leitete sie als Vorstandsvorsitzende Westenergie — die E.ON-Tochter, die Millionen Haushalte mit Strom und Gas versorgt. Sieben Jahre lang war sie institutionell auf der Seite jener Strukturen, die am stärksten von einer verlangsamten Energiewende profitieren.

Nach Berichten der Energiepolitik-Autorinnen Susanne Götze und Annika Joeres sorgte Reiche bereits in den ersten Monaten ihrer Amtszeit mit mehreren Weichenstellungen dafür, dass bestehende fossile Abhängigkeiten nicht schleunig überwunden werden. Im Mai 2026 geriet ihr Ministerium in die Schlagzeilen, als es laut Spiegel Online und Merkur ein Kampagnenvideo der Arbeitgeberlobby verbreitete — ein Vorgang, der breite Empörung auslöste. Spiegel Online berichtete zudem, dass Reiches Ministerium einer Firma Fördermittel in Höhe von 287.236 Euro bewilligte, an der ihr Lebensgefährte Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt ist.

Jedes dieser Puzzlestücke allein ließe sich als Missgeschick abtun. Zusammen ergeben sie ein Muster, das sich mit den bekannten Mechanismen politischer Einflussnahme deckt — wie politische Inszenierung und Interessenpolitik funktionieren, ist hier nachzulesen.

Wer von der Bremse profitiert


Die Frage ist immer dieselbe: Cui bono?

Nicht die Haushalte, die steigende Netzentgelte zahlen. Nicht die Betreiber von Wind- und Solaranlagen, die für abgeregelten Strom zwar entschädigt werden, aber am liebsten einspeisen würden. Und auch nicht das Klima.

Solaranlage auf Hausdach vor rauchenden Kühltürmen eines Kohlekraftwerks – Kontrast zwischen fossiler und erneuerbarer Energie
Erneuerbare Energien sind keine Ideologie — sie sind die Garantie, dass unsere Kinder eine saubere, grüne und unverbaute Welt erben. // Symbolbild | didicologne-nachgehakt.de

Es profitieren die Betreiber konventioneller Infrastruktur: Gaskraftwerke, die als Reserve im Netz gehalten werden, kosteten 2025 rund 1,4 Milliarden Euro. Jedes Jahr, in dem das Netz nicht ausgebaut wird, ist ein weiteres Jahr, in dem diese Anlagen unersetzlich erscheinen. Verzögerung als Geschäftsmodell — und das ist kein Zynismus, sondern Marktlogik.

Ob das Reiches Absicht ist, lässt sich nicht beweisen. Was sich belegen lässt: Ihre Biografie führt durch genau jene Unternehmen und Verbände, die an dieser Verlangsamung am längsten verdient haben. Und ihre bisherigen energiepolitischen Entscheidungen haben diesen Strukturen bisher keinen nennenswerten Gegenwind gegeben.

Was bleibt

Die Energiewende wird nicht durch Wind und Solar teuer. Sie wird teuer, weil das Netz fehlt, das diese Energie transportieren kann — und weil Reservekraftwerke und konventionelle Ausgleichsmaßnahmen die Rechnung der jahrzehntelangen Vernachlässigung des Netzausbaus begleichen. Die Milliarden-Legende ist ein nützliches Narrativ für jene, die an der Verlangsamung der Wende verdienen. Katherina Reiche hat die beste institutionelle Ausbildung genossen, um dieses Narrativ zu kennen — von innen.

Was können Sie tun? Teilen Sie diesen Artikel. Denn die Datenlage ist klar — aber das Narrativ gewinnt trotzdem, solange es nicht angefochten wird.


Alle Fakten selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Visitenkarte Katherina Reiche (Abruf: 31. Juli 2026)

Campact: Katherina Reiche — Die Lobby-Ministerin und ihre Rolle bei der Energiewende (Abruf: 31. Juli 2026)

ZfK: Johannes Steiniger wird neuer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (Abruf: 31. Juli 2026)

Bundesnetzagentur / SMARD: Maßnahmenvolumen im Gesamtjahr 2025 stabil (Abruf: 31. Juli 2026)

ZfK / Bundesnetzagentur: Solarstrom-Abregelung steigt um 94 Prozent — Redispatch-Zahlen 2025 (Abruf: 31. Juli 2026)

Wikipedia: Katherina Reiche — Lebenslauf und politische Ämter (Abruf: 31. Juli 2026)

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