Windräder vor Atomanlage – Symbol für Widersprüche in der Energiepolitik

Rosatom in Lingen: Wie Deutschland seine Sanktionen selbst unterläuft

Utopia jubelt über Milliarden-Jobs durch Windkraft. Gleichzeitig genehmigt die Bundesregierung die Rosatom-Kooperation in Lingen. Willkommen in der deutschen Energiepolitik 2026.

Es gibt Momente, in denen die deutsche Energiepolitik so viel Schizophrenie auf einmal produziert, dass man sich kurz fragen muss, ob irgendjemand im Raum die andere Hand weiß, was die eigene tut. Ende April 2026: Das Nachhaltigkeitsmagazin Utopia.de feiert eine „versteckte Studie“ des Wirtschaftsministeriums, die Milliarden-Jobs durch Wind- und Solarenergie verspricht. Zur selben Zeit hat die Bundesregierung grünes Licht gegeben für das, was Umweltorganisationen seit Jahren als sicherheitspolitischen Wahnsinn bezeichnen: Rosatom, der russische Staatskonzern unter direkter Kontrolle des Kremls, darf in der Brennelementefabrik Lingen mitmischen. Genehmigt. Vollzogen. Kaum diskutiert.
Was das mit Putins Atomkonzern, einer Petition in Niedersachsen und 454 Bundestagsabgeordneten zu tun hat — lies weiter.

Utopia und die Kunst der selektiven Wahrheit

Windkraftanlagen auf grüner Wiese in Deutschland
Die grüne Zukunft der Energiewende – zumindest in der PR. Was in Lingen parallel läuft, zeigt die andere Seite.

Utopia.de gehört mehrheitlich der DDVG, der Medienholding der SPD. Das macht die Plattform nicht automatisch unglaubwürdig – aber es erklärt die Schlagrichtung: Hier wird nicht nur berichtet, hier wird missioniert. „Versteckte Studie“ klingt nach investigativem Journalismus. Tatsächlich handelt es sich um eine reguläre Auftragsarbeit des Bundeswirtschaftsministeriums zum Thema regionale Wertschöpfung durch erneuerbare Energien – Redaktionsschluss Juli 2025. Der Grund für die geringe Kommunikation? Möglicherweise schlicht bürokratisch: Solche Gutachten werden teils erst ausgezahlt, wenn sie veröffentlicht sind. Online stellen, damit bezahlt werden kann. Nicht gerade der Stoff, aus dem Enthüllungen gemacht werden.

Und die Studie selbst? Faktisch nicht falsch. Wind- und Solarenergie erzeugten 2023 rund 51.000 direkte Vollzeitarbeitsplätze, bis 2033 könnten es über 100.000 werden. Das ist real, das ist gut, das verdient Aufmerksamkeit. Was Utopia dabei weglässt: Die Brutto-Jobzahlen sagen nichts darüber aus, was mit den Beschäftigten in bestehenden Energieinfrastrukturen passiert. Und vor allem: Sie sagen nichts darüber, wie Deutschland mit seinen energiepolitischen Altlasten umgeht – zum Beispiel in Lingen.

Kontext-Info: Was die Studie wirklich sagt

Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ (BMWK, Redaktionsschluss Juli 2025) unterscheidet zwischen direkten Arbeitsplätzen in der Energiewirtschaft (51.000 in 2023, prognostiziert 100.000+ bis 2033) und indirekter regionaler Wertschöpfung durch Steuereinnahmen und Infrastrukturinvestitionen (10 Mrd. Euro in 2023). Utopia vermischt beides – was nicht falsch ist, aber verkürzt.

Ein Praxisbeispiel: Die Energiestadt Lichtenau (Kreis Paderborn) betreibt 187 Windkraftanlagen überwiegend in Bürgerhand. Die Gewinne fließen in eine lokale Stiftung, finanzieren vergünstigte Stromtarife und ermöglichen Investitionen in Kitas und ÖPNV. Laut Umfrage befürworten 82% der Bürger im Kreis Paderborn den Windenergieausbau.

Die Studie basiert auf Modellrechnungen und optimistischen Ausbauannahmen – keine Ist-Zahlen. Utopia nennt das Erscheinungsdatum nicht prominent.


Rosatom in Lingen: Genehmigt, während Europa sanktioniert

Seit April 2023 produziert Deutschland keinen Atomstrom mehr. Die Brennelementefabrik in Lingen aber läuft weiter – und sucht neue Kunden. Der französische Betreiber Framatome (Tochter ANF) hat die Lösung gefunden: eine Kooperation mit Rosatom, dem russischen Staatskonzern, der dem Kreml direkt untersteht. Ziel ist die Produktion hexagonaler Brennelemente für WWER-Reaktoren sowjetischer Bauart – die es in Tschechien, der Slowakei, Bulgarien, Finnland und anderen Ländern noch zu Dutzenden gibt. Ein lukratives Geschäftsfeld. Ein katastrophales Signal.

Symbolbild: Radioaktive Fässer und Industrieanlage – Rosatom als politisches Sicherheitsrisiko in Deutschland

Am 5. Dezember 2025 hatte der Bundestag die letzte Chance, ein klares Zeichen zu setzen: Ein Antrag der Grünen, die Zusammenarbeit mit russischen Unternehmen in Lingen zu verhindern, wurde mit 454 zu 130 Stimmen abgelehnt. Wenige Monate später folgte die offizielle Bundesregierungs-Empfehlung zur Genehmigung – unter Auflagen, versteht sich. Als ob Auflagen Rosatom-Mitarbeiter daran hindern würden, Zugang zu kritischer Atominfrastruktur im Herzen Europas zu erhalten.

„Eine Kooperation mit Rosatom würde die Abhängigkeit von Russland weiter ausbauen.“
— Bettina Ackermann, Anti-Atom-Bündnis „ausgestrahlt“

Das Ironie-Potenzial ist kaum zu überbieten: Dieselbe Bundesregierung, die Russland wegen des Ukraine-Kriegs sanktioniert, lässt gleichzeitig zu, dass Rosatom-Techniker in einer deutschen Atomanlage arbeiten. Atomgeschäfte mit Russland unterliegen bis heute keinen EU-Sanktionen. Der Atomsektor ist – wie ZDF Frontal im April 2026 dokumentierte – die große Ausnahme in der europäischen Sanktionspolitik. Und Lingen ist der Beweis, dass diese Ausnahme kein Versehen ist.


„Auf der einen Seite Milliarden-Jobs durch Wind und Sonne. Auf der anderen Seite Rosatom im Herzen Europas. Beides gleichzeitig zu verkaufen – das ist deutsche Energiepolitik 2026.“


Das Dilemma des Christian Meyer: Recht contra Moral

Christian Meyer, Grüner Umweltminister in Niedersachsen, steckt in einer klassischen Realpolitik-Falle. Öffentlich lehnt er Rosatom ab – schärfer als die meisten seiner Kabinettskollegen. Juristisch aber ist er als Genehmigungsbehörde an Recht und Gesetz gebunden, nicht an politische Opportunität. Solange Rosatom nicht auf der EU-Sanktionsliste steht, ist eine Ablehnung kaum rechtlich zu halten. Das wissen die Kritiker, das weiß Meyer, das weiß Rosatom.

Und genau das ist das eigentliche Problem: Die EU sanktioniert russisches Gas, russisches Öl, russische Banken. Aber Rosatom – ein Konzern, der nachweislich die technische Leitung des militärisch besetzten Atomkraftwerks Saporischschja übernommen hat – steht nicht auf der Liste. Das ist keine Übersicht. Das ist eine politische Entscheidung.

AkteurPositionArgument
Umweltverbände / Anti-AtomGegen Rosatom-KooperationSicherheitsrisiko, Spionagegefahr, Finanzierung des Krieges
Christian Meyer (Grüne, NDS)Öffentlich kritisch, rechtlich gebundenAblehnung ohne EU-Sanktionen juristisch kaum haltbar
Framatome / ANF LingenFür Kooperation mit RosatomArbeitsplätze, Marktchance, Versorgungssicherheit Ost-EU
Bundesregierung (Merz)Genehmigung empfohlen (mit Auflagen)Keine EU-Sanktionen = keine rechtliche Grundlage zur Ablehnung

Fazit: Wer Sonnenschein-PR feiert, muss auch über den Regen reden

Utopia.de ist kein Fake-News-Portal. Die Studie existiert, die Jobs werden kommen, die Energiewende ist real und notwendig. Aber Journalismus, der nur die angenehme Hälfte der Wahrheit erzählt, ist kein Journalismus mehr – er ist Werbung mit redaktionellem Deckmantel. Wer über Milliarden-Jobs durch Windkraft schreibt, sollte auch darüber schreiben, dass Rosatom zur gleichen Zeit Einzug in eine deutsche Atomanlage hält. Genehmigt von einer Bundesregierung, die Russland offiziell sanktioniert.

Das ist kein Widerspruch, den man wegschweigen kann. Das ist der Elefant im Raum der deutschen Energiepolitik. Und dieser Elefant heißt Rosatom.

Zum Weiterlesen:


Offener Brief an die Bundesregierung.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert