Kulturkahlschlag: Die „AfD“ will MDR, Theater und freie Sender in Sachsen-Anhalt gleichschalten. Vorlagen? Drittes Reich und DDR.
15. August 2026
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Einordnung: Teil 4 der RiffReporter-Serie zum „AfD“-Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt. Die Partei plant eine „patriotische Kulturpolitik“ — mit weitreichenden Folgen für den MDR, freie Radios, Theater, Hochschulen und die politische Bildung. Viele Vorhaben stoßen an verfassungsrechtliche Grenzen. Für zahlreiche Einrichtungen und Menschen würden sie trotzdem tiefe Spuren hinterlassen.
Mit einer sogenannten „patriotischen Kulturpolitik“ will die „AfD“ Sachsen-Anhalts Medien- und Kulturlandschaft grundlegend umbauen. Was das konkret bedeutet — von der MDR-Kündigung bis zur Landeszentrale für politische Bildung —, zeigt Teil 4 unserer Serie zum „AfD“-Regierungsprogramm. Sachsen-Anhalt wird zum Tal der Ahnungslosen.
MDR abschalten? Was hinter dem großen Versprechen steckt

MatthiasK2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de
Der Mitteldeutsche Rundfunk steht ganz oben auf der „AfD“-Streichliste. Als „Sofortmaßnahme“ innerhalb der ersten 100 Tage einer „AfD“-geführten Landesregierung sollen die Rundfunkstaatsverträge gekündigt werden. Das Ziel: den MDR auf ein schlankes „Grundangebot“ — frei nach Prinzip Volksempfänger — reduzieren, Sport und Unterhaltung als kostenpflichtige Abonnements auslagern und die Finanzierung durch Werbung oder den Staatshaushalt ersetzen.
Klingt nach einem schnellen Schnitt. Ist es aber nicht. Denn die Kündigung des MDR-Staatsvertrags unterliegt einer Frist von zwei Jahren zum Jahresende. Das bedeutet: Bis Ende 2028 würde der MDR weiterhin für alle drei Länder senden — auch für Sachsen-Anhalt. Die Rundfunkbeiträge? Fließen trotzdem. Das Bundesverfassungsgericht hat die Länder ausdrücklich in die Pflicht genommen, ein staatsfernes öffentlich-rechtliches Angebot zu gewährleisten und zu finanzieren.
Und der MDR? Bereitet sich längst auf Gegenwehr vor. Jan Ole Schröder, Juristischer Direktor der Anstalt, ließ im Juli 2026 gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur keinen Zweifel: Sobald eine Kündigung des Staatsvertrags eingehe, werde man juristisch dagegen vorgehen — noch am selben Tag.
Tag der Kündigung
„AfD“ kündigt MDR-Staatsvertrag als
„Sofortmaßnahme“
keine sofortigen Folgen
2 Jahre Kündigungsfrist
MDR sendet weiter für Sachsen-Anhalt
—
Rundfunkbeiträge laufen weiter
Ende 2028
Staatsvertrag läuft aus
MDR kein Pflichtprogramm
mehr für Sachsen-Anhalt
Danach (offen)
Folgen für Beiträge und Filmförderung
verfassungsrechtlich weitgehend ungeklärt
Betroffen wäre übrigens auch die regionale Filmförderung — sie ist Bestandteil des MDR-Staatsvertrags, und ihr Schicksal bei einer Kündigung ist noch nicht abzusehen. Was hinter dem rechtlichen Rahmen der Staatsverträge steckt, haben wir gestern (14. August 2026) separat beleuchtet: Populistische Träumerei: Warum die AfD den MDR-Staatsvertrag nicht kündigen kann.
Radio Corax: Ein kleines Radio im großen Fadenkreuz

MatthiasK2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de
Während der MDR-Angriff an verfassungsrechtlichen Hürden hängen dürfte, hat die „AfD“ ein direkteres Ziel ins Fadenkreuz genommen: Radio Corax in Halle. Der freie Sender, der regelmäßig über antifaschistische Initiativen und „AfD“-kritische Themen berichtet, soll seinen Geldhahn zugedreht bekommen.
Konkret will die „AfD“ die Projektgelder aus dem Landeshaushalt streichen. Das würde Radio Corax rund ein Drittel seiner Einnahmen kosten. Auf die Grundförderung durch die Landesmedienanstalt hätte eine „AfD“-Regierung zwar keinen direkten Zugriff — wohl aber auf das Gesetz, das nichtkommerzielle Lokalradios im Land grundsätzlich fördert. Kippt die „AfD“ diese Regelung, trifft das sämtliche freie Sender in Sachsen-Anhalt — nicht nur Radio Corax.
Was hat der Sender der Partei zuschulden kommen lassen? Laut Wahlprogramm: „linken Fanatismus“ und eine „perverse Regenbogenideologie“. Im Klartext: Radio Corax berichtet kritisch über die „AfD“. Das allein reicht als Begründung.
Gibt es dann in Sachsen-Anhalt nur noch die „Göbbelsschnauze“?*
*Göbbelsschnauze (auch Goebbels-Schnauze): Ein historischer, abwertend gemeinter umgangssprachlicher Ausdruck aus der Zeit des Nationalsozialismus, der sich auf den Volksempfänger (insbesondere das Modell VE 301) bezog. Da diese preiswerten Rundfunkgeräte massenhaft produziert wurden, um die nationalsozialistische Propaganda unter der Leitung von Reichsminister Joseph Goebbels gezielt in jeden deutschen Haushalt zu übertragen, etablierte sich dieser sarkastische Spitzname im Volksmund als Synonym für das Rundfunkgerät als reines Sprachrohr der NS-Staatspropaganda.
„Patriotische Kulturpolitik“: Goethe ja, Vielfalt nein
Mit dem Begriff „patriotische Kulturpolitik“ zieht sich ein Leitmotiv durch das „AfD“-Programm, das an vielen Stellen erschreckend konkret wird. Die intensive Auseinandersetzung Deutschlands mit den Verbrechen der NS-Zeit nennt die Partei eine „Verewigung eines Schuldkomplexes“. Stattdessen soll Kulturpolitik unverkrampft „auf die guten Seiten der deutschen Geschichte“ verweisen.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt die folgende Liste:

MatthiasK2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de
Der Theaterkahlschlag: Wenn plötzlich die halbe Weltliteratur fehlt
Folgt man dieser Logik bis zum Ende, sollen auf den Bühnen künftig am besten nur noch „deutsche Klassiker“ gespielt werden — Goethe, Schiller, Kleist und Co. als Bollwerk gegen eine vermeintliche Überfremdung. Doch abgesehen davon, dass eine solche staatlich verordnete Verengung den Tod jeder künstlerischen Freiheit bedeutet, offenbart sich hier auch ein bemerkenswert geschichts- und kulturvergessener Blick auf die eigene Literaturgeschichte.
Wer den Rotstift ansetzt und alles ausmustert, was nicht „deutsch“ im Sinne einer heutigen, national engstirnigen Definition ist, räumt das Bücherregal der Weltliteratur gründlich leer. Denn viele der vermeintlich urdeutschen Klassiker waren bei genauerem Hinsehen gar keine Deutschen:
Die Schweizer Moderne: Autoren wie Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch gehören zum absoluten Pflichtstoff im Deutschunterricht und prägen seit Jahrzehnten die Theaterlandschaft. Mit Deutschland hatten sie geografisch und staatsrechtlich nichts zu tun — sie waren und blieben Eidgenossen.
Die Prager Moderne: Franz Kafka oder Rainer Maria Rilke schrieben in deutscher Sprache und wurden zu Giganten der Weltliteratur. Kafka war jedoch Bürger der Habsburgermonarchie bzw. der Tschechoslowakei, Rilke lebte zeitlebens zwischen Paris, der Schweiz und Italien. Staatlich gesehen waren beide keine Deutschen im heutigen Sinne.
Die österreichischen Meister: Ob Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Adalbert Stifter — die geistige Blütezeit Wiens und der Donaumonarchie hat den deutschsprachigen Kulturraum maßgeblich geprägt, war aber österreichisch, nicht deutsch.
Der historische Blick auf die Klassiker selbst: Selbst bei Goethe, Schiller oder den Gebrüdern Grimm greift die nationale Schublade zu kurz. Zu ihrer Lebenszeit gab es den modernen deutschen Nationalstaat überhaupt noch nicht. Sie waren Bürger von Fürstentümern, Königreichen oder Freien Städten — und verstanden sich als Teil eines gesamteuropäischen Kultur- und Geisteslebens, das Grenzen stets überwunden statt gezogen hat.
Die Idee, Kultur in nationale Schablonen zu pressen, scheitert schlicht an der Realität der Geistesgeschichte. Große Literatur entsteht im Austausch, im Grenzverkehr und in der Vielfalt — und wer heute fordert, nur noch „deutsche“ Klassiker zu spielen, müsste konsequenterweise die Hälfte der wichtigsten Stimmen dieses Sprachraums von der Bühne verbannen.
Das ist keine Kulturpolitik. Das ist Kulturkontrolle. Wer künftig in Sachsen-Anhalt Staatsgelder haben will, soll offenbar Staatsgenehmigtes liefern. Mit Populismus-Tricks wie diesen beschäftigt sich unser Artikel über Populismus, Manipulation und die Mechanismen dahinter.
Muezzin-Verbot — und das Grundgesetz lässt grüßen

MatthiasK2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de
Besonders grotesk ist das Kapitel zur Islampolitik. Unter der Überschrift „Nein zu Muezzin und Minarett!“ erklärt die „AfD“ den Islam für „kulturfremd“ und fordert faktisch ein Verbot des Gebetsrufs sowie von Minaretten. Zwar räumt das Wahlprogramm mit gönnerischer Geste ein, die Religionsfreiheit gelte „auch für Moslems“ (sic!) — aber sie dürfe kein „Supergrundrecht“ sein.
Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen sieht das anders. In mehreren Urteilen hat es klargestellt: Pauschale Verbote von Minaretten und muslimischen Gebetsrufen verstoßen gegen die Menschenwürde, das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes und die Religionsfreiheit — Grundrechte, die in Sachsen-Anhalt selbstverständlich ebenso gelten.
Recherchen und Berichte über das muslimische Leben im Bundesland zeigen zudem ein entlarvendes Bild: In Sachsen-Anhalt gibt es im ganzen Land keine einzige Moschee mit einem klassischen Minarett — und auch keine Gemeinde, die über Lautsprecher zum Gebet ruft. Die „AfD“ kämpft hier vehement gegen ein Problem, das im Alltag schlicht nicht existiert. Echte Menschen werden durch diese Stimmungsmache trotzdem in Mitleidenschaft gezogen.
Umbau der Bildung: Vom kritischen Diskurs zur staatlichen Lenkung

MatthiasK2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Bildbearbeitung: didicologne-nachgehakt.de
Zum Abschluss des Kultur- und Medienkapitels liefert die „AfD“ einen der erschütterndsten Sätze ihres gesamten Regierungsprogramms: „Echten Rassismus gibt es kaum noch.“ Programme gegen Rassismus seien deshalb überflußsig.
Besonders deutlich wird der autoritäre Geist des Programms beim Blick auf die politische Bildung. Die Landeszentrale für politische Bildung, die unter anderem das Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ fördert, gilt der „AfD“ als „Spinne in einem Netz linker bis linksextremer Institutionen“ — und soll in ihrer aktuellen Form konsequenterweise abgeschafft werden. An ihre Stelle soll ein „Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität“ treten.
Wer hier an historische Vorbilder denkt, liegt nicht falsch: Die Ersetzung unabhängiger Bildungsstrukturen durch eine staatlich verordnete „Staatspolitik“-Anstalt erinnert fatal an dunkle Kapitel deutscher Geschichte. Sowohl in der NS-Diktatur als auch im SED-Staat der DDR gehörte es zum Standardrepertoire, die politische Bildung gleichzuschalten, kritische zivilgesellschaftliche Initiativen als „staatsfeindlich“ oder „zersetzend“ zu brandmarken und stattdessen eine linientreue, ideologische Unterweisung von oben durchzusetzen. Mündige Bürger, die hinterfragen, stören in diesem Weltbild — gefragt ist blinder Gehorsam gegenüber der vorgegebenen „Identität“.
Was das bedeutet: Eine Einrichtung, die Kindern beibringt, Diskriminierung zu erkennen und abzulehnen, wird durch eine Institution ersetzt, die „Identität“ im Sinne der „AfD“ definiert. Wie die „AfD“ ihr Weltbild systematisch verbreitet, beschreiben wir auch in unserer Analyse zur völkischen Ideologie im „AfD“-Bundesvorstand.
Was bleibt: Die „AfD“ plant in Sachsen-Anhalt keinen kulturpolitischen Kurswechsel, sondern einen Kahlschlag. MDR, freie Radios, Theater, Hochschulen, Bildungseinrichtungen — alles, was nicht in das Bild einer ethnisch und ideologisch homogenen Gesellschaft passt, steht auf der Streichliste. An vielen Stellen würde das Bundesverfassungsgericht bremsen. Aber nicht überall. Allein der Versuch würde tiefe Spuren hinterlassen.
Wer am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt wählt, entscheidet darüber, ob diese Pläne Realität werden können. Informieren Sie sich — und reden Sie darüber.
Die Belege liegen auf dem Tisch. (Abrufdatum: 15. August 2026)
„AfD“ Sachsen-Anhalt: Regierungsprogramm 2026 (Originalquelle, PDF, 258 S.)
„AfD“ Sachsen-Anhalt: 100-Tage-Sofortprogramm (PDF)
Netzpolitik.org: „Freier Radiosender Corax — Die AfD will uns zermürben“ (2026)
Bundesverfassungsgericht: Urteil zum Rundfunkbeitrag vom 20. Juli 2021
Weitere Artikel unserer Serie und zum Thema:
AfD Sachsen-Anhalt: Schule, Familie, Inklusion — Teil 1 der Serie
AfD Sachsen-Anhalt: Energiewende rückwärts — Teil 2 der Serie
AfD Sachsen-Anhalt: Migration und Sicherheit — Teil 3 der Serie
Populistische Träumerei: Warum die AfD den MDR-Staatsvertrag nicht kündigen kann
Hinweis: Für Recherche und Formulierung wurde KI unterstützend genutzt. Der Beitrag wurde vor der Veröffentlichung von mir geprüft, bearbeitet und redaktionell verantwortet.