Charme, KI und kalte Küche: Wie die „AfD“ Sachsen-Anhalt einnehmen will
Ulrich Siegmund tuckert auf seiner blauen Schwalbe durchs Land, schüttelt Hände auf Volksfesten, lässt sich für Selfies aufstellen. Fast 625.000 Menschen folgen ihm auf TikTok. Das freundliche Gesicht der „AfD“ in Sachsen-Anhalt wirkt so normal, dass man vergessen könnte, was er beim Geheimtreffen in Potsdam 2023 als seine eigentliche Strategie beschrieb: Die entscheidenden politischen Inhalte bringe er „zum Schluss durch die kalte Küche“. Was genau in dieser Küche zubereitet wird — und mit welcher industriellen Infrastruktur — das ist das eigentliche Thema vor dem 6. September 2026.
Der Popstar: Siegmund und die Inszenierung der Normalität
Wer Ulrich Siegmund nur aus sozialen Medien kennt, sieht einen lächelnden Mann, der früher Raumdüfte an Firmen verkaufte und heute mit Simson-Fans durch Sachsen-Anhalt fährt. Die DDR-Motorradmarke aus Suhl hat die „AfD“ längst als Mobilisierungsvehikel entdeckt: Ostdeutsche Identität als Kulisse, Gemeinschaftsgefühl als Klebstoff. Siegmund versteht das Prinzip. Er wirkt wie ein ganz normaler Typ, sagt er selbst — und genau das ist Methode.
Denn beim Potsdamer Geheimtreffen 2023, das CORRECTIV jetzt im Detail rekonstruiert hat, war Siegmund unter ganz anderen Vorzeichen zugegen. Dort, nach dem Vortrag von Martin Sellner vom Kopf der „Identitären Bewegung“, skizzierte er, wie er in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen will: menschliche Sympathie aufbauen, als normaler Typ auftreten — und die eigentlichen Inhalte „durch die kalte Küche“ servieren. Was diese Inhalte sind, ließ er in Potsdam ebenfalls anklingen: Das Straßenbild müsse sich „innerhalb kürzester Zeit“ ändern. Ausländische Restaurants sollen unter Druck gesetzt werden. Sachsen-Anhalt solle für „dieses Klientel möglichst unattraktiv“ sein — und das, so Siegmund, sei „sehr, sehr einfach“ umzusetzen.
Die Unterscheidung von Staatsbürgern nach ethnischen Kategorien ist nicht nur menschenverachtend, sondern verfassungsfeindlich. Was in Potsdam als Strategie beschrieben wurde, ist im Wahlprogramm der „AfD“ Sachsen-Anhalt als Forderung zu finden: 671 Ausrufezeichen auf 156 Seiten, das umfangreichste Kapitel widmet sich der Migration. Dass Siegmund das nach außen hinter Schwalben-Ausfahrten verbirgt, macht die Strategie nicht weniger gefährlich — sondern nur schwerer erkennbar.
Die Fabrik: „Alternita Studio“ und die KI-Hetze-Maschine
Während Siegmund volksnah durchs Land tingelt, rattert im Hintergrund eine Maschine. Sie heißt „Alternita Studio“, gehört einer Firma des „AfD“-Bundesvorstands und wurde Anfang Juli auf dem Bundesparteitag in Erfurt präsentiert. CORRECTIV hatte vorab Zugang — und was die Recherche zutage fördert, ist ein politisches Werkzeug, das in seiner Konsequenz neu ist.
Das System zieht alle 15 Minuten Nachrichten über RSS-Feeds ein. Nicht aus beliebigen Quellen, sondern gezielt: Nius, Apollo News, Junge Freiheit — Portale, die Faktenchecks regelmäßig als Desinformationsquellen identifizieren. Für jede Meldung berechnet die Maschine einen „Viralitätsscore“: Wie viel Empörungspotenzial steckt darin? Danach produziert sie auf Knopfdruck fertige Social-Media-Posts, Parolen und Grafiken im Parteidesign — binnen Sekunden, im Dutzend.

Das Brisante: Während gängige KI-Systeme von OpenAI, Google oder Anthropic eingebaute Sperren gegen Volksverhetzung und verfassungsfeindliche Inhalte haben, lassen sich diese beim „AfD“-eigenen Tool laut CORRECTIV-Tests mit wenig Kreativität umgehen. Prompts, die direkt auf Remigration und den Entzug der Staatsbürgerschaft nach Herkunft zielen, produzieren geglättete Posts — der verfassungsfeindliche Kern bleibt, die Sprache wird gebügelt. Die Maschine verweigert nicht. Sie schönt.
Mario Hau, der das Tool in einem Webinar vorstellte, gab den Testteilnehmern am Ende noch einen Rat mit: Texte noch mal gegenlesen. Nicht wegen der Inhalte — „aber man wird faul“. Das sagt viel darüber aus, welche Qualitätssicherung hier gemeint ist. Für den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt bedeutet das: Was bisher an Hetze und Hass-Posts manuell produziert wurde, kann ab sofort industriell skaliert werden.
Die Lage: 41 Prozent und eine Demokratie unter Druck
Die Zahlen sind bekannt, aber sie verdienen Einordnung: Laut INSA-Erhebung vom 3. Juli 2026 kommt die „AfD“ in Sachsen-Anhalt auf 41 Prozent — die CDU liegt bei 23 Prozent, die Linke bei 13 Prozent. Eine Koalition gegen die „AfD“ wäre rechnerisch möglich, aber hauchdünn. Was das konkret bedeuten würde, haben wir in unserem Artikel zum geplanten Beamten-Austausch und in der Analyse zur Kaderschmiede Schnellroda bereits aufgezeigt.
Neu ist der Kontext: Siegmund hat das Wahlziel „45 Prozent plus X“ ausgerufen. Das ist keine Bescheidenheitsübung, sondern eine politische Drohung — denn mit einer absoluten Mehrheit bräuchte die „AfD“ keine Koalitionspartner. Innenminister mehrerer Bundesländer diskutieren bereits, wie bei einer „AfD“-Machtbeteiligung gemeinsame demokratische Strukturen gesichert werden können. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) deutete an, den Umgang mit Geheimdienstinformationen gegenüber einer möglichen „AfD“-Regierung neu zu regeln: „Die Nähe zu Putin ist nicht zu übersehen.“
Dass es sich dabei nicht um abstrakte Szenarien handelt, zeigt ein Blick auf die Verfassungsschutzlage: Der Thüringer Landesverband der „AfD“ ist seit 2021 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, Höcke wurde zweimal vom Landgericht Halle wegen der Verwendung einer verbotenen SA-Parole verurteilt. Und dennoch liegt die „AfD“ in Thüringen in aktuellen Umfragen bei 40 Prozent — ein neuer Rekordwert.
Spahn und das Dilemma der Mitte
Unionsfraktionschef Jens Spahn hat dieser Tage einen bemerkenswerten Vorstoß gemacht: Statt über ein Parteiverbotsverfahren zu reden, solle man prüfen, ob man Björn Höcke nach Artikel 18 Grundgesetz aktives und passives Wahlrecht entziehen könne. „Wer glaubt, man kann die AfD verbieten, der muss erst recht in der Lage sein, Beweise gegen Höcke zu erbringen“, sagte Spahn im Focus-Podcast „Machtmenschen“. Mitte Juni hatte bereits Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) denselben Vorschlag gemacht.
Der Vorstoß ist rechtlich diskutabel, politisch aber symptomatisch: Er zeigt, dass selbst die stärkste Regierungspartei keinen kohärenten Umgang mit der „AfD“ gefunden hat. Parteiverbot zu heikel, Zusammenarbeit ausgeschlossen, Wahlrechtsentzug für Einzelpersonen als letzter Ausweg — das ist kein Plan, das ist Ratlosigkeit. Und Ratlosigkeit ist der beste Nährboden, den Siegmund und seine Maschinen-Infrastruktur sich wünschen können.
Fazit: Wenn Charme Methode ist
Der 6. September 2026 ist kein gewöhnlicher Wahltermin. In Sachsen-Anhalt könnte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Partei, die der Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft hat, eine Landesregierung stellen — möglicherweise sogar mit absoluter Mehrheit. Dass dazu ein Spitzenkandidat antritt, der sein volksnah-harmloses Image sorgfältig inszeniert, während er in Potsdam Volksverhetzung als Regierungsstrategie skizzierte, ist kein Widerspruch. Es ist das Geschäftsmodell.
Die KI-Fabrik „Alternita Studio“ ist dabei kein technisches Beiwerk, sondern ein struktureller Baustein: Sie skaliert, was Siegmund im Kleinen betreibt. Empörung auf Knopfdruck, angepasst an den Viralitätsscore, gespeist aus Desinformationsportalen. Dass die „AfD“ dafür auf Infrastruktur zurückgreift, die eigentlich gegen Verfassungsfeindlichkeit gesichert sein sollte — und diese Sicherungen einfach umgeht — ist der eigentliche Skandal hinter dem freundlichen Gesicht.
Wer nach Sachsen-Anhalt schaut, sieht nicht nur eine Landtagswahl. Wer genau hinschaut, sieht eine Blaupause.
Alle Belege selbst nachprüfbar – wie es sich gehört.
• CORRECTIV: Die Propaganda-KI der AfD „Alternita Studio“ (02.07.2026)
• CORRECTIV: Ulrich Siegmund – Potsdam und die „kalte Küche“ (30.06.2026)
• ZDFheute: Spahn regt Wahlrechtsentzug für Höcke an (10.07.2026)
• Infratest dimap: LänderTREND Sachsen-Anhalt Mai 2026 (abgerufen 10.07.2026)
• Blätter für deutsche und internationale Politik: Modellprojekt Sachsen-Anhalt (Juli 2026)
